Schüsse in Washington, D.C.: Am 21. Mai 2025 eröffnet der Täter, ein linker Aktivist aus Chicago, das Feuer vor dem Jüdischen Museum. Er trifft die israelischen Botschaftsmitarbeiter Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim tödlich, als sie eine Veranstaltung des American Jewish Committee für junge jüdische Berufstätige und Diplomaten verlassen.

Er habe es für Gaza getan, sagt er nach seiner Festnahme. Er wolle damit den Krieg „nach Hause bringen“, heißt es in seinem Manifest, das er online veröffentlichte. Nun droht ihm die Todesstrafe.

15 Monate später ist Lischinskys Vater Daniel, 65 Jahre alt, zu Besuch in Berlin. Bevor er am Abend an einer Gedenkveranstaltung für Yaron teilnimmt und ein Buch mit seinen Fotos vorstellt, trifft er WELT. An seinem Revers steckt ein Pin mit der deutschen und israelischen Flagge – zwei Länder, die im Leben seines Sohnes eine große Rolle spielten. Er spricht mit ruhiger Stimme und leichtem Akzent und erzählt von dem Tag, an dem alles zerbrach. Und über einen Friedensstifter, der stets an die Macht des Dialogs glaubte.

Trauerfeier für Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim in Washington, D.C.

WELT: Herr Lischinsky, Ihr Sohn Yaron arbeitete bei der israelischen Botschaft in Washington und wurde von einem Täter ermordet, der dabei „Free Palestine“ rief. Hatten Sie jemals Angst, dass so etwas passieren könnte?

Daniel Lischinsky: Yaron und ich nicht, meine Frau Ruth aber schon. Es war eine schwierige Zeit während des Gaza-Krieges. Gewalt lag in der Luft. Vor der Botschaft gab es ständig Proteste. Die Mitarbeiter konnten weder zu Fuß noch mit dem eigenen Auto zur Arbeit kommen, wegen der Demonstranten. Nach Yarons Tod haben wir aber alle verstanden, dass auch die Botschaften eine Front in diesem Krieg sind.

WELT: Wie haben Sie von dem Angriff erfahren?

Lischinsky: Bei uns in Israel war es am frühen Morgen. Nach dem Frühstück schrieb unser jüngster Sohn in der Familien-Whatsapp-Gruppe, es habe in Washington einen Terroranschlag gegeben. Wir haben natürlich nicht gedacht, dass uns das betrifft. Schießereien gibt es schließlich in den USA leider jeden Tag. Ich habe zunächst nicht reagiert, doch dann schrieb mein Sohn: Yaron sei in den Anschlag hineingeraten. Wir haben angefangen, zu beten, dass er okay wird. Und dann haben wir erfahren, dass Yaron es nicht geschafft hat.

WELT: Wie geht es Ihnen heute, gut ein Jahr danach?

Lischinsky: Es war ein schweres Jahr. Langsam kommen wir voran, aber es wird noch viel geweint. Meine Frau und ich haben ein Jahr lang eine Trauerbegleitung gemacht. Yaron ist in unserem Dorf bei Jerusalem begraben, wir besuchen oft sein Grab. Am meisten sorge ich mich um unsere Kinder. Drei von ihnen leben im Ausland. Man telefoniert und versucht, an der Stimme zu hören, wie es dem anderen wirklich geht.

WELT: Sie selbst kommen ursprünglich aus Argentinien und zogen als junger Mann nach Israel. Yaron kam 1994 in Jerusalem zur Welt. Als er ein Jahr alt war, zog die Familie nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Lischinsky: Ruth habe ich in Jerusalem kennengelernt, sie ist Deutsche und hat dort für ein Jahr als Krankenschwester gearbeitet. Nach der Ermordung des Premierministers Rabin 1995 war die Lage in Israel angespannt. Auch finanziell war er schwierig – also zogen wir nach Deutschland, wo unsere weiteren Kinder geboren wurden. Erst als Yaron 14 war, zogen wir zurück nach Israel – er hat dann seinen Militärdienst gemacht, studiert und ist schließlich nach Washington gezogen, als Mitarbeiter der israelischen Botschaft.

Daniel Lischinsky - Vater des ermordeten Yaron

WELT: In Washington lernte er Sarah Milgrim kennen und wollte ihr einen Heiratsantrag machen. Kannten Sie Sarah gut?

Lischinsky: Nicht persönlich, wir haben nur telefoniert. Bei unserem letzten Telefonat hat Yaron mir von seinem Plan erzählt. Aber zuerst wollte er sie uns vorstellen. Fünf, sechs Tage nach dem Mord hätten die beiden nach Israel kommen sollen, die Tickets waren schon gebucht. Sarahs Eltern haben wir erst nach dem Anschlag kennengelernt. Wir haben uns ein paar Mal in Washington getroffen, und vor etwa einem Monat war ich in Kansas City, wo sie leben, zur Einweihung von Sarahs Grabstein. Ich war bei der Familie zu Hause und habe Andy kennengelernt, Sarahs Hund, der immer bei ihr in Washington war. Da habe ich verstanden: Sarah war wie ein Engel, auch sie war eine Friedensstifterin.

WELT: Yaron und Sarah Milgrim kamen gerade von einer Abendveranstaltung des American Jewish Committee, als sie ermordet wurden. Es ging um Friedensprojekte, die Brücken im Nahen Osten schlagen sollten. Yaron war in mehreren diplomatischen Organisationen aktiv, er baute auch das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Israel mit auf. Wofür stand er als Mensch?

Lischinsky: Ich bin ja Argentinier, ich reagiere aus dem Bauch, wir haben heißes Blut. Yaron hat immer mit dem Kopf reagiert. Er war stets gegen Gewalt, er glaubte an den Frieden. Für ihn galt: Jedes Problem löst man, indem man sich hinsetzt und redet. Oft saß er in Washington im Café, und neben ihm saß jemand aus Jordanien, aus Marokko, aus dem Iran, der für einen Thinktank arbeitete. Das war Yaron. Er hat sich sehr für die Abraham-Abkommen zwischen Israel und arabischen Staaten eingesetzt.

WELT: Nun erscheint ein Bildband mit Yarons Fotografien, „Augenblicke aus dem Leben eines Friedensstifters“. Was hat er fotografiert?

Lischinsky: Yaron war ein Künstler im Geiste. Er hat sich bewegt wie ein Künstler, er hat gemalt wie ein Künstler. Und so hat er auch fotografiert. Er hat die Architektur geliebt und die Natur. Es war sein Hobby, vieles hat er auf Instagram gepostet. Daraus haben unser Sohn Hanan und seine Freundin Lina Eisenberg-Dvir, die er von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft kannte, jetzt ein Buch gemacht. Mir ist alles wichtig, was die Erinnerung lebendig hält, alles, was dafür sorgt, dass wir Yaron und Sarah nicht vergessen.

WELT: Welche Fragen zu dem Anschlag sind für Sie bis heute offen?

Lischinsky: Wie so etwas in der Hauptstadt der USA passieren kann. Der Täter kam ja nicht in die Veranstaltung hinein. Er hatte sich im Internet angemeldet, aber am Eingang sahen sie, dass er zu keiner jüdischen Gemeinde gehörte, und ließen ihn nicht herein. Also ist er nach draußen gegangen und hat gewartet, bis die Leute herauskamen. Die Frage, die ich mir stelle: Wenn er verdächtig genug war, um nicht hineinzudürfen – war er dann nicht auch verdächtig, wenn er draußen auf die Leute wartet?

WELT: Ein Prozess könnte manche dieser Fragen beantworten. Einen Termin gibt es bis heute nicht. Was macht das Warten mit Ihnen?

Lischinsky: Wir würden gern sehen, dass er die Strafe bekommt, die er verdient hat. Einerseits ist es in Ordnung, er sitzt im Gefängnis. Andererseits habe ich manchmal Angst, dass er eine zu milde Strafe bekommt und nach 20 Jahren wieder auf der Straße ist.

WELT: Wenn Sie dem Täter etwas sagen könnten – was wäre das?

Lischinsky: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Dieser Täter ist ein großes Monster. Und zugleich hat nicht er entschieden, wann Yaron und Sarahs Leben enden – das liegt allein in Gottes Hand. Er ist nicht der Mann, gegen den ich kämpfe. Ich kämpfe gegen die Ideologie dahinter, die ihn zur Tat motiviert hat.

WELT: Das US-Justizministerium hat angekündigt, die Todesstrafe zu beantragen. Wäre sie in diesem Fall aus Ihrer Sicht gerecht?

Lischinsky: Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich vertraue dem Richter, ich vertraue den Geschworenen, ich vertraue der Justiz. Ich habe mit den Staatsanwälten gesprochen, und selbst dort weiß man nicht genau, was besser abschreckt: dass ein Mann sein ganzes Leben im Gefängnis bleibt, oder die Todesstrafe. In beiden Fällen kann der Täter zum Helden werden.

WELT: Nach dem Mord haben linke Gruppen den Täter tatsächlich als Helden gefeiert, in den sozialen Medien und auf der Straße. Auf Demos wird dazu aufgerufen, „die Intifada zu globalisieren“ – gemeint sind Anschläge wie dieser. Und in der Nähe der Berliner Humboldt-Universität tauchten Plakate mit Yarons Foto auf, versehen mit dem Schriftzug: „Make Zionists Afraid Again“. Was macht das mit Ihnen?

Lischinsky: Es tut weh. Man erinnert sich an diese furchtbare Nacht, sie steht einem wieder vor Augen. Und es ist gefährlich. Wir müssen solche Dinge ernst nehmen, weil sie töten. Man denkt immer: Mir wird das nicht passieren – bis es passiert. Wir sehen es am Bondi Beach in Australien, in Golders Green in London, in New York. Jede Gesellschaft denkt, Antisemitismus sei ein jüdisches Problem. Aber er hört nicht bei den Juden auf, er trifft am Ende die Gesellschaft, in der dieses Monster wächst.

Nicholas Potter ist Chefreporter der Premium-Gruppe. Er berichtet vor allem über den Nahen Osten, Großbritannien und politischen Extremismus.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke