Daniel Peters, 45, ist Vorsitzender der CDU Mecklenburg-Vorpommern sowie ihr Fraktionschef im Landtag. Er tritt bei der Landtagswahl am 20. September als Spitzenkandidat an. Seine CDU kommt in der neuesten Umfrage nur noch auf acht Prozent. Die AfD steht bei 35 Prozent, die SPD bei 32 und die Linkspartei bei elf.

WELT: Herr Peters, was nehmen Sie für Ihren Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern mit aus diesem für die CDU desaströsen Wahlabend in Magdeburg?

Daniel Peters: Eine zentrale Erkenntnis ist, dass die zunehmende Polarisierung, wie sie auch hier in Mecklenburg-Vorpommern vor allem von Manuela Schwesig (Ministerpräsidentin von der SPD, d. Red.) betrieben wird, am Ende nur der AfD nutzt. Statt ständig nur über Bundespolitik zu sprechen oder darüber, wie man die AfD verhindert, müssen wir wieder stärker über die Themen sprechen, die die Menschen im Land konkret bewegen. Für die CDU bedeutet das: Wir müssen uns klar als Partei der bürgerlichen Mitte positionieren und diejenigen ansprechen, die eine vernünftige Politik wollen.

WELT: Wie erklären Sie die enormen Verluste für die Union in Sachsen-Anhalt und den ebenso enormen Zuwachs für die AfD?

Peters: Es gibt eine große Unzufriedenheit mit der Politik insgesamt und auch mit dem Bild, das die Bundesregierung derzeit abgibt. An dem Dauerzwist, der dort besteht. Hinzu kommt, dass sich viele Menschen, besonders in Ostdeutschland und den ländlichen Regionen, nicht ausreichend gesehen fühlen. Wir haben in den vergangenen Jahren oft zu sehr auf die Metropolen geschaut und zu wenig auf die Lebensrealität der Menschen im ländlichen Raum. Wir haben viele Menschen im Stich gelassen. Das schafft Frust und öffnet der AfD Türen.

WELT: Wäre es nach diesem Wahlabend nicht konsequent, die geplanten Reformpakete im Bund zu stoppen? Etwa das Ende der abschlagsfreien „Rente mit 63“. Das Thema wird Ihnen doch absehbar auch auf die Füße fallen.

Peters: Nein. Die Antwort auf ein schlechtes Wahlergebnis kann nicht sein, notwendige Reformen komplett einzustellen. Deutschland muss wettbewerbsfähig bleiben, die Sozialversicherungen müssen langfristig finanzierbar sein. Diese Bundesregierung ist dafür angetreten, die ausufernden Sozialkosten in den Griff zu bekommen. Das jetzt einfach sein zu lassen, wäre das Gegenteil von kluger Politik. Natürlich kann und muss man über einzelne Punkte diskutieren, auch im Rentenpaket. Die vorgesehene Beitragsverpflichtung bei den Mini-Jobs halte ich zum Beispiel nicht für zielführend. Aber insgesamt brauchen wir diese Reformen.

WELT: Ist das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt auch eine Niederlage für den Kanzler?

Peters: Dieses Ergebnis sollte von allen Verantwortlichen sehr selbstkritisch bewertet werden. Das gilt für den Kanzler genauso wie für die übrigen politischen Akteure. Entscheidend ist jetzt, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

WELT: Jenseits der Tagespolitik. Welche grundsätzlichen Schlussfolgerungen sollte die Union insgesamt aus dem Wahlergebnis von Magdeburg ziehen?

Peters: Wir müssen wieder mehr zuhören, näher bei den Menschen sein. Präsent sein. Auch dort, wo man uns nicht mit offenen Armen empfängt. Gleichzeitig brauchen wir mehr Geschlossenheit. Es hilft uns nicht, wenn wir öffentlich gegen unsere Leute in Berlin kacheln und den Eindruck vermitteln, dass wir keinen gemeinsamen Kurs haben. Glaubwürdigkeit entsteht durch Klarheit und Zusammenhalt.

WELT: Ist es nach diesem Wahlergebnis nicht an der Zeit, dass sich die Union zumindest für Gespräche mit der AfD öffnet?

Peters: Nein. Die AfD steht in zentralen Fragen für Positionen, die mit den Grundüberzeugungen der CDU nicht vereinbar sind. Sie vertritt einen russlandfreundlichen Kurs, sie will aus der Europäischen Union austreten und stellt nicht nur außenpolitisch alle Grundsätze der Union infrage. Bei mir im Wahlkreis kandidiert ein verurteilter Bankräuber für diese Partei. Der AfD-Generalsekretär hier hat eine intensive NPD-Karriere hinter sich. Ich kann mir deshalb eine Zusammenarbeit mit dieser Partei nicht vorstellen.

WELT: Wenn überhaupt, wird es in Magdeburg eine Mehrheit jenseits der AfD nur mit der Linkspartei geben. Auch an der Stelle gibt es in der Union eine klare Beschlusslage, dass eine Zusammenarbeit nicht infrage kommt. Bleibt es dabei?

Peters: Meine Überzeugung ist klar: weder mit der AfD noch mit der Linkspartei. Auch die programmatischen Unterschiede zur Linkspartei sind enorm. Deshalb sehe ich auch dort keine Grundlage für eine Zusammenarbeit. Wie konkrete Mehrheiten am Ende gebildet werden, müssen die Verantwortlichen in Sachsen-Anhalt bewerten. Aber meine politische Haltung ist eindeutig.

WELT: Wie groß ist Ihre Sorge, jetzt noch tiefer in den Abwärtsstrudel zu geraten?

Peters: Natürlich beschäftigt mich das Ergebnis. Aber Sorgen helfen jetzt nicht weiter. Entscheidend ist, die kommenden Tage mit voller Kraft zu nutzen. Wir werden alles geben, um die Menschen von unseren Ideen zu überzeugen. Für die CDU in Mecklenburg-Vorpommern ist das ein Weckruf, noch entschlossener zu kämpfen. Ich gehe deshalb mit Tatendrang und Zuversicht in die letzten zwei Wochen des Wahlkampfs.

Ulrich Exner ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern.

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