10.000 Kilometer quer durch Russland – Wie zwei Soldaten vor Putins Krieg flohen
Ziemlich genau ein Jahr ist Rustams Urlaub in Wladiwostok her. Er war mit Freunden dort, in der großen russischen Stadt am Pazifik, abends hatten sie in einem Restaurant gegessen. Plötzlich war ein Mercedes vorgefahren, ohne Kennzeichen. Vier Männer stiegen aus, betraten das Lokal und zeigten irgendwelche Ausweise. Dann kontrollierten sie die Papiere der Anwesenden. „Mit meinem Pass“, erinnert sich Rustam, „gab es ein Problem. Sie sagten mir, ich müsse mitkommen. Sofort.“
Die Männer brachten ihn auf eine Polizeiwache. Gegen ihn werde im Sinne des Strafgesetzbuches Anklage erhoben, er habe Polizeibeamte angegriffen. „Das war völliger Unsinn. Komplett aus der Luft gegriffen. Aber was ich sagte, war egal. Sie schlugen mich zusammen, hielten mich zwei Tage lang fest.“ Dann holten ihn Angehörige des Militärs ab. Sie schickten ihn nach Saporischschja, an die Front in der Ukraine.
Jetzt sitzt Rustam in einem verschlafenen, finnischen Ort am Ufer einiger Seen, die unaussprechliche Namen mit vielen Umlauten tragen. Es gibt einen kleinen Bahnhof, ein Rathaus aus Holz, im Sommer geht die Sonne nur für wenige Stunden unter.
Rustam und sein Kumpan Igor leben schon acht Monate hier. Sie genießen die Ruhe, denn sie haben chaotische Jahre hinter sich. Beide kommen aus Russland und sind von der Front desertiert. Nach Jahren des Versteckspielens haben sie es nach Finnland geschafft. „Das hier ist ein Dorf. Die Leute trinken. Oder schlafen.“
Bei gutem Wetter ist Japan zu sehen
Ihre russische Heimatstadt Korsakow ist unendlich weit weg. Die Hafenstadt liegt am Pazifischen Ozean, gelegen auf der Insel Sachalin, die zu Russland gehört. Bei gutem Wetter sieht man die japanische Küste, die Fähre braucht lediglich drei Stunden bis nach Wakkanai, einem entlegenen Städtchen auf Hokkaido. Weder Igor noch Rustam waren je dort.
Auf Sachalin leben knapp 700.000 Menschen, die Insel ist etwa so groß wie Bayern. „Man kennt sich“, beschreibt Igor seine Heimatinsel. Er war 27 damals, als sie ihn mitnahmen. „Es war der Herbst 2022, einen Tag, nachdem Putin den Befehl zur Mobilmachung gegeben hatte. Ich ging gerade vor die Tür. Eine rauchen. Zwei Männer in Uniform sprachen mich an.“
Georgi Avaliani floh vor der aggressiven Mobilmachung Russlands. Nun sucht er in Berlin Schutz für sich und seine Familie. Die WELT-Autorin Ekaterina Bodyagina konnte ihn über Monate exklusiv begleiten.Igor müsse mitkommen aufs Kreiswehrersatzamt, sagten sie. Er gehöre zur Reserve, müsse drei Monate Dienst tun, im russischen Hinterland. Igor ging mit – und durfte die Behörde nicht mehr verlassen. Am nächsten Tag saß er schon im Flieger nach Südrussland. „Von dort brachten sie uns in den Donbass.“
Igor war nicht im Hinterland, sondern an der Front gelandet. Ein Albtraum begann. „Wir lebten in Löchern, die wir uns selbst gegraben hatten. Mäuse fraßen unser Essen. Gleichzeitig wurden wir von Mörsern und Drohnen beschossen.“ Die Kameraden seien gestorben wie die Fliegen. Ständig habe man versprochen, dass man die Männer bald auswechseln werde. Aber das passierte nie.
Ein Jahr war Igor im Donbass. „Eines Tages wieder ein Angriff. Ich bin stundenlang zwischen Leichen umhergekrochen. Da verstand ich, dass ich hier raus muss.“ Ein Einheimischer, der seiner Einheit manchmal Lebensmittel geliefert hatte, half ihm, den Frontabschnitt zu verlassen. Igor war desertiert.
Dieses Foto hat Igor gemacht, als er im ersten Kriegswinter im Donbass dienteMit seinem Militärpass kaufte er sich ein Flugticket zurück nach Sachalin. Seinen Pass trug er nicht bei sich. „Das war gut. Denn erst später erfuhr ich, dass Flüge, die man mit dem Militärpass kauft, im System anders gespeichert werden.“ Das hieß: Niemand erfuhr, dass er nach Sachalin zurückgekehrt war. Man glaubte ihn verschollen, was nicht ungewöhnlich gewesen wäre – Männer starben, ihre Leichen lagen im Feld herum, nicht immer wurden sie geborgen.
Eineinhalb Jahre lebte Igor inkognito auf Sachalin. „Ich versteckte mich bei Freunden. Sie halfen mir, Arbeit zu finden. Brachten mich unter.“ Er war nicht übervorsichtig, fuhr in die Hauptstadt nach Juschno-Sachalinsk, ging feiern. „Die wussten ja nicht, dass ich auf der Insel bin.“
Doch irgendwann schienen die Behörden verstanden zu haben, dass er desertiert und nicht verschollen war. „Plötzlich fuhren sie ständig zu meiner Mutter und besuchten sie in ihrer Wohnung, fragten sie, wo ich abgeblieben sei. Sie sagte nur, sie wisse nichts.“
Herbst 2024. Igor und Rustam kannten sich zu dieser Zeit noch nicht. Während Igor sich mit Kellnerjobs über Wasser hielt, betrieb Rustam gemeinsam mit seinem Bruder einen Gemischtwarenladen. Das Geschäft ging gut.
„Ich dachte, ich sterbe“
Aber dann nahm er den verhängnisvollen Urlaub, reiste mit Freunden ins eineinhalb Flugstunden entfernte Wladiwostok. Dort wurde er verhaftet, von jenen namenlosen Männern, die dem Mercedes entstiegen waren. Das Flugzeug, in dem er schon bald saß, brachte ihn nicht nach Sachalin zurück, sondern an die Front.
Rustam erinnert sich an schreckliche Wochen im Abschnitt Saporischschja. „Jeden Tag starben Leute. Wir gruben Tunnel, in denen wir uns versteckten, buddelten uns ein. Aber wir kamen nicht mehr weg von dort.“ Sobald sich einer herauswagte, folgte direkt Beschuss. „Das Essen ging uns aus, irgendwann sogar das Wasser. Wir hatten nur unsere Herbstklamotten, und draußen wurde es Winter. Ich wurde krank, ich dachte, ich sterbe.“
Foto aus einem Versteck von Igor im DonbassEines Tages rief Rustams Anwalt an: „Gratuliere, deine Mutter ist gestorben.“ Der Mutter ging es gut, aber der Anwalt hatte einen gefälschten Totenschein beschafft. Rustam leitete ihn an die Kommandantur weiter – und die erlaubte ihm, für zehn Tage Urlaub zu nehmen und nach Sachalin zu fahren, auf die Beerdigung.
Das Problem: Rustam war an der Front, unter Dauerbeschuss, ohne Möglichkeit, das Gebiet zu verlassen. „Es war der 31. Dezember. Und plötzlich senkte sich Nebel herab. Wie eine göttliche Fügung. Ich floh aus dem Tunnel und schlug mich zum Checkpoint durch.“
Rustam hatte große Angst: Sollte die Fälschung des Totenscheins auffliegen, müsste er damit rechnen, von seinen Landsleuten erschossen zu werden. „Aber es war Neujahr. Die waren alle total besoffen und winkten mich durch.“ So flog Rustam nach Sachalin und tauchte unter, mit der festen Absicht, nie wieder in den Krieg zurückzukehren.
Beide Männer waren der Front entkommen. Und auf Sachalin zur Fahndung ausgeschrieben. In der Öffentlichkeit trugen sie Baseballkappen und Brillen, um nicht von der Gesichtserkennung erfasst zu werden. „Meine Freunde kannten meine Geschichte, sie taten alles, um mir zu helfen“, erinnert sich Igor.
„Ein paar Mal war es richtig knapp“, erzählt Rustam. „Ich saß gerade mit Freunden auf der Datscha, wir grillten Schaschlik, plötzlich kam die Polizei. Ich konnte aber noch weglaufen.“ Einmal habe er aus einem Fenster klettern müssen, als es schon an der Tür hämmerte. Die Behörden wussten, dass er sich auf Sachalin aufhielt. Sie suchten nach ihm. „Sachalin ist eine Insel, verstehst du?“, erklärt Igor. „Jeder kennt jeden. Du kannst dich nicht ewig verstecken.“
Wohnblock in Korsakow. „Die Insel ist klein, jeder kennt jeden“, sagt Igor über SachalinSo kam es auch. Im Juni 2025 gingen Igor und Rustam der Polizei fast zeitgleich ins Netz. Man steckte die beiden in Militärhaft. Fortan warteten sie darauf, zum Kämpfen zurück in die Ukraine geschickt zu werden.
„Das war eigentlich kein richtiges Gefängnis, in dem wir da saßen. Es war eher eine abgetrennte Etage einer Kaserne, mit einer Wache vor dem Eingang“, beschreibt Igor die Haft. Alles sehr provisorisch und unprofessionell. Regelmäßig seien Insassen abgeführt und Richtung Front geschickt worden. „Immer wenn sie kamen, dachte ich: Jetzt bist du an der Reihe“, erinnert sich Rustam. Doch sie holten ihn nicht.
Eines Morgens lernten sich Rustam und Igor dann kennen. Sie plauderten, zu tun hatten sie ohnehin nichts. „Was willst du vom Leben?“, hatte er Igor gefragt. „Ich will leben. Ich will hier raus.“ Rustam antwortete: „Ich bin dabei.“
In der Militärhaft galten andere Regeln als in einem regulären russischen Gefängnis. Es gab kaum Personal, die Korruption war ungeheuerlich. Rustam bekam das schnell zu spüren. Wenn Freunde ihn besuchten, waren sie ausgesprochen nett zu den Wachen. „Ein Kumpel war Fischer. Der brachte dem Personal Meeresfrüchte mit, Krabben, Garnelen… Das lohnte sich. Ich merkte schnell, dass ich mehr durfte als die anderen.“
Eines Tages bat Rustam um Hafturlaub. „Mein Gerichtstermin war nur noch ein paar Tage hin. Ich rief den leitenden Ermittler an, der die ganze Zeit Krabben und Garnelen bekam. Ich sagte ihm, ich würde gerne noch mal meine Familie sehen, bevor es zurückgeht an die Front.“ Rustam bekam tatsächlich die Erlaubnis, für ein paar Stunden die Familie zu besuchen. Er kam nie zurück.
Der Stadtrand von KorsakowAuch Igors Gerichtstermin stand unmittelbar bevor. Doch das Personal war knapp und die Kaserne schlecht ausgestattet. „Die hatten gerade keine Autos parat. Es lief darauf hinaus, dass ich mit einem Aufpasser zu Fuß zum Gericht ging“, erzählt Igor lachend.
„Wir latschten dann durch Korsakow. Ich guckte meinen Aufpasser an und verstand: Der ist schon älter und untrainiert. Wenn ich jetzt losrenne, holt der mich nie ein.“ Also rannte Igor. Der Mann versuchte noch, ihn einzuholen, schrie ihm hinterher, vergeblich. Igor war frei.
Igor und Rustam nahmen Kontakt zueinander auf, misstrauisch erst, sie kannten sich ja kaum. Igor schickte eine Adresse und versteckte sich in der Nähe, als Rustam ankam, um sicherzugehen, dass er keine Polizei im Schlepptau hat. Rustam kam allein. Die Männer begrüßten sich – und tauchten erneut unter.
„Wir lebten im Wald wie die Wilden. Manchmal pennten wir am Meer. Brieten Fleisch. Einmal fing es an zu schütten, im Nu waren wir klatschnass. Wir brachen in eine Datscha ein, die leerstand, um wieder trocken zu werden, hausten da zwei Tage.“ Die beiden überlegten verzweifelt, wie sie die Insel verlassen sollten. Denn an Flughäfen und Fährstellen wurden natürlich die Pässe kontrolliert.
Die beiden kauften einen gebrauchten Mitsubishi mit stark getönten Scheiben, das Nummernschild war geklaut. Kreuz und quer fuhren sie über die Insel. Sie hielten sich vor allem im dünn besiedelten Norden der Insel auf. „Da regierten die Gangster, die Polizei fuhr nicht gerne dorthin. Wir wurden dort sogar ganz gut empfangen. Als wir sagten, wir fliehen vor den Bullen, freuten die sich.“
Abend auf Sachalin: Sowohl Japan als auch das russische Festland sind nur schwer zu erreichenSie landeten in kleinen Dörfern an der Küste, so abgelegen, dass die Leute auf Motorbooten aufs Festland fuhren zum Einkaufen, weil das schneller ging, als auf Sachalin stundenlang zum nächsten Laden zu fahren. So fanden sie schließlich einen Dorfbewohner, der sie mit dem Boot aufs Festland brachte.
Igor und Rustam wussten: Sie mussten raus aus Russland. Nur wohin? Russland hat vierzehn Nachbarländer, die allermeisten schieben illegale Grenzgänger direkt wieder ab. Das gilt auch für EU-Länder wie die baltischen Staaten. Die Hilfsorganisation Idite Lesom (Geht in den Wald) riet ihnen, den illegalen Grenzübertritt nach Finnland zu wagen. Die über tausend Kilometer lange Grenze sei nicht überall befestigt und Finnland biete Chancen auf Asyl.
Spätsommer 2025. Für die beiden jungen Männer begann eine Odyssee quer durch ihr riesiges Heimatland. Ihr Ziel war Petrosawodsk, eine Großstadt in Westrussland, gelegen in Karelien, einer endlosen Wald- und Seenlandschaft, die an Finnland grenzt.
Sie starteten ihre Reise gen Westen, wo der Amur in den Pazifik mündet. Von dort aus waren es über zehntausend Kilometer Fahrt. Busse und Züge waren tabu, Flüge sowieso – um Tickets im überregionalen Nahverkehr zu kaufen, muss man in Russland ein Ausweisdokument vorlegen.
„Also fuhren wir mit BlaBlaCar“, erzählt Igor. Die App stammt ursprünglich aus Frankreich, eine Mitfahrzentrale, die auch in Russland sehr beliebt ist. „Ich erinnere mich nicht, wie viele BlaBlaCars wir nahmen. Hunderte wahrscheinlich. Wir fuhren von Kleinstadt zu Kleinstadt, mieden die Metropolen.“ Nachts schliefen sie in billigen Zimmern, die sie tageweise auf Avito mieteten, einer russischen Kleinanzeigenplattform. Sie versuchten, so wenig wie möglich auszugeben. Das Geld für Zimmer und Mitfahrten hatten sie angespart oder sich auf Sachalin verdient.
Die Steppe von Daurien, irgendwo zwischen Pazifik und Baikalsee. Über zwei Monate brauchten Rustam und Igor, um Russland komplett zu durchqueren„Wir hatten uns bei Zigeunern SIM-Karten besorgt, damit man uns nicht orten konnte“, erzählt Igor. „Wenn wir übernachteten, mieden wir die Stadtzentren und liefen nicht unnötig durch die Gegend.“ Zwei Monate waren sie unterwegs. „Schlafen, aufstehen, waschen, ins nächste BlaBlaCar und wieder zehn Stunden rumfahren“, erinnert sich Igor. Dann erreichten sie Karelien.
Sie kamen im Oktober 2025 in Petrosawodsk an und mieteten für mehrere Tage ein Zimmer, um sich auf die Flucht über die Grenze vorzubereiten. 200 Kilometer westlich der Stadt endeten die Straßen mitten in der nordeuropäischen Taiga. Ein Taxifahrer brachte sie mitten hinein. Von dort aus waren es noch mehrere Dutzend Kilometer bis nach Finnland.
Tagelang irrten sie durch dichte Wälder und umrundeten unzählige Seen. „Wir waren vier Tage unterwegs“, erzählt Igor. „Wir hatten ein GPS-Gerät, die Handys waren ausgeschaltet, zu gefährlich, die Grenzer können das orten.“ Schnee lag noch nicht. „Aber kalt war es. Morgens war immer alles voller Raureif.“ Sogar einen Bären trafen sie im Wald.
Endlose Taiga in Karelien, einige Dutzend Kilometer von der finnischen Grenze entfernt„Irgendwann erreichten wir das grenznahe Sperrgebiet, fünf Kilometer vor der Staatsgrenze. „Da stand ein Stacheldrahtzaun, aber der war uralt! Total vergammelt. Wir konnten ihn einfach platttreten und weiterlaufen.“
Am Nachmittag kamen sie an eine zwanzig Meter breite Schneise, die schnurgerade in den Wald hineingerodet worden war – die Grenze. Auf der anderen Seite die blau-weißen Grenzpfähle Finnlands. „Wir rannten nur noch. Dann waren wir drüben. In Finnland war nichts, nicht einmal ein kleiner Zaun.“
Igor und Rustam waren nach all den Jahren in Sicherheit. Sie streiften noch Stunden durch den Wald, bis sie einen finnischen Jäger antrafen. Der konnte Englisch. Und brachte sie zur Polizei. Die nahmen die Personalien auf und leiteten ein Asylverfahren ein.
Geschafft: Igor und Rustam in Finnland„Ich will, wie alle Menschen, einfach ein normales Leben für mich“, schließt Igor seine Erzählung. „Finnland ist auch noch nicht sicher genug“, wirft Rustam ein. „Man müsste sich nach Amerika absetzen. Oder nach Australien.“ Igor lacht. „Interessante Zeiten, in denen wir leben.“
Igor und Rustam heißen in Wahrheit anders, ihre Namen wurden von der Redaktion geändert. Nicht alle Details der Geschichte ließen sich unabhängig überprüfen.
Julius Fitzke ist seit Juli 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke