„Goldgrube“ für den Heimatschutz – Der Deal zum Kampf gegen Putins Saboteure
Als erstes Land überhaupt erhält Großbritannien Zugang zum gewaltigen Archiv der Kiewer „Avenger“-Labore – Millionen Aufnahmen russischer Panzer, Luftabwehrsysteme, Truppenbewegungen, Drohnen und Artillerie – gesammelt seit Beginn des Krieges. Mit diesen Daten sollen an britischen Militärstützpunkten Systeme trainiert werden, die Saboteure und Agenten erkennen, sobald diese sich Zugang zu Geheimnissen oder Anlagen verschaffen wollen.
Die Vereinbarung fällt in eine Phase wachsender Sorge vor russischen Aktivitäten auf britischem Boden. Wladimir Putin wurde im vergangenen Monat vorgeworfen, von Schiffen der russischen Schattenflotte aus Drohnen gestartet zu haben, um britische Atomwaffen auszuspähen. Im April unterband die Royal Navy eine verdeckte U-Boot-Operation des Kremls in britischen Gewässern. Die aus Kiew stammende KI-Technologie könnte am Ende auch britische Flughäfen, Gefängnisse, Krankenhäuser, ja sogar Bahnstrecken und Kraftwerke schützen.
Anfang der Woche reiste Andy Burnham erstmals als Premierminister nach Kiew und besiegelte dort den Pakt. Vor der Sophienkathedrale verurteilte er Russlands „unerhörte“ Drohungen gegen Großbritannien. Zugleich versprach er der Ukraine geheime Informationen über die britischen Komponenten des Marschflugkörpers Storm Shadow. Das hilft der Ukraine, die weitreichende Waffe selbst zu produzieren.
Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte prompt: „Großbritannien gießt regelmäßig Öl ins Feuer und arbeitet ebenso regelmäßig daran, jeden Fortschritt im Friedensprozess zu verhindern.“ Burnham erklärte in Kiew sofort: „Wer hat das Feuer gelegt? Das ist doch die Frage, oder?“
Die an London übergebenen Gefechtsfelddaten stammen von Tausenden Kameras und Infrarotsensoren, verteilt über die gesamte Ukraine. Sie sollen „alle Bereiche des öffentlichen Lebens revolutionieren“, indem sie einer Künstlichen Intelligenz beibringen, wie diese auf Notfälle der kritischen Infrastruktur reagieren muss.
Das britische Verteidigungsministerium, das die Datensammlung selbst als „Goldgrube“ bezeichnet, will sie zunächst zum Schutz von Militärbasen einsetzen – „vor Demonstranten und feindlichen Akteuren, die Informationen abschöpfen wollen“. Im Juni 2025 hatten Aktivisten der in Großbritannien als Terrororganisation eingestuften Gruppe Palestine Action den Luftwaffenstützpunkt RAF Brize Norton in Oxfordshire gestürmt und an Militärmaschinen einen Schaden von fast zwei Millionen Euro angerichtet.
Mit den ukrainischen Daten, so das Kalkül, kann Großbritannien Bedrohungen wie russische Drohnen künftig schneller identifizieren und abwehren. Drei britische Start-ups arbeiten bereits mit dem Material an Pilotprojekten. Eines davon soll unterirdisch verlegte Glasfaserkabel in einen riesigen, KI-gestützten Sensor für die britische Armee verwandeln.
Vor der Kathedrale in Kiew sagte Burnham: „Wir werden die Ukraine weiter unterstützen“, rief er in die Menge. „Dies ist der Moment, den Druck auf Russland zu erhöhen – der Moment, Russlands Fähigkeit auszutrocknen, diesen illegalen Krieg zu finanzieren.“
Weitere Milliarden sind notwendig
Unterzeichnet wurde das Abkommen am Montag in Kiew von Präsident Wolodymyr Selenskyj und Burnham. Der Premier leitete bei dieser Gelegenheit auch seine erste Sitzung der sogenannten Coalition of the Willing, jenes Unterstützerbündnisses für die Ukraine, an der Seite des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und von Bundeskanzler Friedrich Merz, die beide per Video zugeschaltet waren.
Macron hielt der Runde vor, die Serie tödlicher Angriffe auf ukrainische Städte in den vergangenen Wochen zeige, dass die Verbündeten die Lieferung von Abfangwaffen deutlich hochfahren müssten. Selenskyj bezifferte den Finanzbedarf, um Russland über den Winter zu trotzen, auf 23 Milliarden Euro. Zur Deckung könnten die russischen Guthaben herangezogen werden, die im Ausland zu Kriegsbeginn eingefroren wurden.
Musikalischer Premierminister: Burnham spielt einen Song von The SmithsAm Rande seines Besuchs gab es einen ungewöhnlichen Moment: Ein ukrainischer Soldat drückte ihm eine Gitarre in die Hand – und Burnham spielte einen Song von The Smiths. Musik, sagte er, könne an der Front „die Stimmung heben“.
Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „The Telegraph“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Eckhard Balfanz.
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