„Kronjuwelen“ sollten die Wende im Krieg bringen – Die Illusion eines schnellen Patriot-Deals
Für die Ukraine ist die Lage vor dem Winter so prekär, dass Wolodymyr Selenskyj nicht nur seine Diplomaten dazu aufgefordert hat, überall auf der Welt Alarm zu schlagen, sondern dies auch selbst tut. „Dieses Jahr bitte ich unsere US-Partner, mir fünf Prozent ihrer Raketenbestände zu verkaufen“, sagte Selenskyj in einem Interview mit dem Sender CNN am Donnerstag. Wenn das geschehe, so der Präsident, „werden wir den Winter überstehen und Menschenleben retten. Wenn sie uns zehn Prozent verkaufen, werden wir alle ballistischen Raketen Russlands zerstören.“
Selenskyjs Hilferuf ist ein Ausweis der Verzweiflung. Überall auf der Welt sind Luftabwehrraketen knapp. Weder die Europäer noch die USA haben genug. Erst vor wenigen Wochen machten Medienberichte die Runde, dass Donald Trumps Handlungsoptionen im Iran-Krieg aufgrund eines dramatisch reduzierten Raketenbestands eingeschränkt sind.
Für Selenskyj sind das keine guten Nachrichten. Dabei hatte das Versprechen des US-Präsidenten, der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Luftabwehrraketen zu erteilen, zunächst die Hoffnung auf schnelle Abhilfe geweckt. Zum großen Erstaunen der westlichen Verbündeten hatte Trump die Zusage über die Lizenzierung der Patriot-Produktion während seines Treffens mit Selenskyj am Rande des Nato-Gipfels in Ankara Anfang Juli gegeben. „Das ist eine ziemlich coole Sache“, sagte er und ließ gleichzeitig durchblicken, dass er diese Zusage im Affekt gegeben hatte. „Wir haben noch nicht mit den Firmen gesprochen, aber die werden dagegen nichts einzuwenden haben“, so der US-Präsident freimütig.
Mittlerweile ist jedoch klar, dass es zu lange dauern wird, um die Dynamik im Luftkampf zwischen Kiew und Moskau zu verändern. Trump revidierte seine Einschätzung wenige Wochen später. „Es ist eine schwierige Sache“, sagte er mit Blick auf die Herausgabe entsprechenden geistigen Eigentums während der Kabinettssitzung in Camp David vor zwei Wochen. „Wir haben uns noch nicht darauf geeinigt“, so Trump. Es gebe das Risiko, dass „die Leute, denen man die Technologie gibt, sich gegen dich wenden“, ergänzte er.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters vergangene Woche berichtete, war dies keine Rücknahme der Zusage. US-Offizielle seien hinter den Kulissen in die Verhandlungen mit Kiew eingestiegen. Die öffentlichen Äußerungen des Präsidenten thematisieren jedoch die Schwierigkeiten, die in der Realität existieren – egal, welchen Weg man wählt.
Produktion in weiter Ferne
Zuvorderst ist da die ungeklärte Frage, für welchen Typ der Patriot-Rakete Kiew eine Produktionslizenz bekommt. Olha Stefanishyna, die Anfang vergangener Woche von ihrem Posten als ukrainische Botschafterin in Washington zurückgetreten ist, sprach gegenüber WELT noch vom Typ PAC-3, den Kiew produzieren wolle. Dieser Typ ist die modernste und effektivste Abfangrakete im Patriot-Arsenal und wird vom amerikanischen Rüstungsgiganten Lockheed Martin produziert. Es ist die einzige Variante, die zuverlässig ballistische Raketen abschießen kann, weil sie direkt trifft und nicht im Umkreis der Rakete explodiert, wie der Typ PAC-2 von Raytheon.
Ob neben der existierenden MSE-Version des PAC-3-Typs (Missile Segment Enhancement) auch die von Lockheed Martin erst kürzlich vorgestellte und noch nicht hergestellte ACE-Version (Adapted Capability Effector) im Gespräch ist, sagte Stefanishyna nicht. „Wir brauchen alles“, sagte sie.
Abgesehen von der politischen Entscheidung, der es für eine Lizenzierung einer Koproduktion der hochmodernen Rakete mit der Ukraine bedarf, müsste auch der Hersteller zustimmen. „Ich bezweifle stark, dass Lockheed Martin die Schlüssel zu seiner Produktion herausgibt“, sagte JC Lintzenich, Visiting Senior Fellow des German Marshall Fund (GMF) in Washington, im Gespräch mit WELT. Zuvor war er sicherheitspolitischer Chefberater des republikanischen Senators Thom Tillis. „Das sind die Kronjuwelen der Firma und niemand möchte, dass sie in die Hände Chinas oder Russlands fallen und dort kopiert werden“, sagte er.
Selbst wenn sich Trump und Lockheed Martin auf eine Lizenzproduktion von PAC-3-Raketen einlassen würden, wäre eine Produktion in großen Stückzahlen aufgrund der Komplexität in weiter Ferne. Im Jahr 2025 lieferte Lockheed Martin selbst 620 Stück aus, was ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt.
Die einzige Lizenzproduktion im Ausland, in Japan, liefert dabei nur 30 Stück pro Jahr, weil Schlüsselkomponenten fehlen, vor allem die Suchköpfe von Boeing, der Radarkopf, mit dem sich die Rakete im Endanflug selbst ins Ziel steuert – das technisch anspruchsvollste Einzelteil. „Womit die Japaner kämpfen, werden auch die Ukrainer kämpfen“, sagte Lintzenich.
Mögliche Auslagerung
Ein alternativer Weg, der mit geringeren Hürden für die Herausgabe geistigen Eigentums verbunden wäre, wäre die Produktion der weniger modernen PAC-2 Raketen, die das Unternehmen Raytheon herstellt. Schließlich haben die USA bereits eine Produktion im Ausland lizenziert – in Deutschland.
Es gebe also einen Präzedenzfall, so der GMF-Experte Lintzenich. Raytheon und das transatlantische Rüstungskonsortium MBDA bauen derzeit im bayerischen Schrobenhausen eine Fabrik, die Ende des Jahres die Produktion aufnehmen soll. Der Fall zeigt aber, dass auch das langwierig wäre. Der Aufbau der Produktion in Schrobenhausen begann im November 2024 und soll im Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein.
Bereits am 20. Juli sagte Tom Laliberty, bei Raytheon zuständig für Land- und Luftverteidigungssysteme, auf der britischen Luftfahrtmesse Farnborough Airshow, man prüfe gerade, wie eine lizenzierte Fertigung in der Ukraine ablaufen könnte. Am 23. Juli meldete Selenskyj dann, er habe sich in Kiew mit einer Raytheon-Delegation getroffen, die ihre Bereitschaft zur gemeinsamen Produktion von Patriot-Raketen erklärt habe. Auf Anfrage von WELT wollte das Unternehmen dies nicht bestätigen.
Ukrainische Diplomaten in den USA halten die Möglichkeit einer Produktion für Kiew in der Schrobenhausener Fabrik für den niedrigschwelligsten Weg, um schneller an Raketen zu kommen. Dies würde allerdings zum einen eine sofortige signifikante Steigerung der Produktion erfordern. Unbestätigten Berichten zufolge sollen dort nach derzeitiger Planung 240 Raketen pro Jahr vom Band laufen. Hinzu kommt die Frage nach der Priorität des bereits existierenden Auftrags zur Fertigung von bis zu 1000 Raketen, die unter anderem Deutschland, Spanien und die Niederlande bestellt hatten.
Hinter verschlossenen Türen signalisiert Selenskyj, dass er sich all dieser Schwierigkeiten bewusst ist. „Es wird Jahre dauern“, soll er im vertraulichen Gespräch mit Senatoren während seines Besuchs in Washington Ende Juli gesagt haben. Das berichtete ein Teilnehmer. Der amerikanische Nato-Botschafter Matthew Whitaker ließ vergangene Woche durchblicken, dass allein die Formalien noch mehrere Monate dauern könnten. „Einen langfristigen Produktionsvertrag wird es bis zum Winter nicht geben“, sagte er bei Fox Business.
Szenen der Zerstörung in Kiew, das – wie hier Anfang August – immer wieder Ziel russischer Luftangriffe wirdDie Folgen dessen belaufen sich für Kiew jedoch nicht nur auf eine kurz- und mittelfristige Knappheit an Luftabwehrraketen. Die ehemalige Abteilungsleiterin für Russland und die Ukraine im Pentagon, Laura Cooper, warnte auch vor der Außenwirkung eines langen Verhandlungsprozesses. „Das könnte als politische Verzögerung betrachtet werden, wenngleich es völlig normal ist, dass ein solches Abkommen über eine solch komplizierte Materie langwierig ist“, sagte sie WELT.
„Das Problem dabei ist, dass der Kreml das als Rückschritt in den Beziehungen zwischen Trump und Selenskyj interpretieren könnte“, so Cooper. Schließlich habe der Deal während des Nato-Gipfels in Ankara Moskau überrascht. Anders als von Putin erhofft, kam es bei dem Treffen der Allianz nicht zum Eklat und der russische Präsident weiß, wie effektiv die Patriots sind. „Sollte sich die Lizenzproduktion jetzt aus praktischen Gründen hinziehen oder gar scheitern, würde das Putins Eindruck, dass Trump auf seiner Seite ist, wieder erstarken lassen“, sagte Cooper.
Gregor Schwung berichtet für WELT seit Juli 2026 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er außenpolitischer Korrespondent in Berlin.
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