Der frühere Spitzenpolitiker Jörg Meuthen blickt kritisch auf seine Zeit als Bundesvorsitzender in der AfD. Im Gespräch mit dem „Politico“-Podcast „Inside AfD“ sagte der Wirtschaftswissenschaftler über seine zwischenzeitliche Zusammenarbeit mit dem „Flügel“ des Rechtsextremisten Björn Höcke: „Ich bin Allianzen eingegangen, die nicht klug waren.“

Meuthen sagte weiter: „Ich habe sehr lange diese Richtung nicht ernst genommen, weil ich sie für so abwegig hielt, dass ich gedacht habe, die kannst du mitlaufen lassen. Das war mein großer Irrtum.“

Der Ex-Vorsitzende bezeichnete es außerdem als Fehler, 2017 innerhalb des Bundesvorstands nicht für einen Ausschluss von Höcke gestimmt zu haben. Diesen hatte die damalige Parteichefin Frauke Petry gemeinsam mit der damaligen Beisitzerin und heutigen Parteichefin Alice Weidel angestrebt. „Ich habe in der Tat ab 2019 gedacht, hättest du das mal mitgetragen, denn es war letztlich eine Stimme, die fehlte, dann hätte die ganze Geschichte einen anderen Verlauf genommen“, sagte er „Inside AfD“.

„Wenn das Gespann Petry/Meuthen funktioniert hätte, hätte die ganze Partei einen anderen Verlauf genommen. Denn Frauke Petry ist dem freiheitlichen Denken auch sehr zugeneigt. Wenn das harmoniert hätte, wäre der ganze Verlauf ein anderer gewesen. Hat es aber leider nicht.“ In der gemeinsamen Zeit in der AfD gab es zwischen Meuthen und Petry eine jahrelange Fehde und einen Machtkampf, der in öffentlich ausgetragenen Konflikten eskalierte.

Meuthen war von Juli 2015 bis zu seinem Austritt aus der Partei im Januar 2022 einer von zwei Bundesvorsitzenden der AfD. Petry war zwischen 2013 und 2017 Co-Bundesvorsitzende. Seinen Austritt begründete Meuthen damals damit, dass das Herz der Partei „sehr weit rechts“ und „eigentlich permanent hoch“ schlage. Teile der Partei stünden „nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“; es gebe „ganz klar totalitäre Anklänge“.

Im „Politico“-Podcast „Inside AfD“ sagte der 65-Jährige über seine Zeit als Parteichef: „Für mich ist das heute ein abgeschlossenes Kapitel meines Lebens. Ich wollte der Partei einen klar freiheitlichen Kurs geben mit massiver Zurückdrängung des Staates.“ Insbesondere die ostdeutschen Landesverbände hätten „eine völlig andere Linie“ vertreten.

Mit Bezug auf die von Götz Kubitschek gegründete neurechte Denkfabrik Institut für Staatspolitik sagte Meuthen: „Der Spin der Partei kam eigentlich aus Schnellroda.“ Als Beleg verweist Meuthen auf den Bundesparteitag der AfD im Juli. „Da geht der Kubitschek ein und aus als Spin-Doktor der Partei. Der Spin der Partei ist eindeutig Richtung völkisch-nationalistisch. Und das ist nicht meine Linie.“

„Neues Grundsatzprogramm wird etwas völlig anderes sein“

2017 hatte Meuthen noch auf dem Kyffhäusertreffen des Höcke-Lagers gesagt, der Flügel sei „ein integraler Bestandteil unserer Partei und das wird er auch in Zukunft immer bleiben“. Wer in „Ausschließeritis“ verfalle und nicht erkenne, „dass der Flügel ein wichtiger Bestandteil der Seele unserer Partei ist, der wäre auch in der Position eines Bundessprechers fehl am Platz“, sagte Meuthen damals.

Damit konfrontiert, sagte Meuthen, dass er diese Worte heute als „Fehler“ sehe. „Das war falsch und dazu stehe ich auch und ich muss das ja alles nicht mehr beschönigen. Als Parteivorsitzender muss man ein Stück weit einen integrativen Kurs fahren, und ich habe die in den Jahren 2016, 2017 noch unterschätzt.“

2017 hatte Meuthen auch behauptet, die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betreibe einen „Bevölkerungsaustausch“ und das „Land unserer Eltern und Großeltern“ müsse „zurückerobert“ werden. Danach gefragt, ob diese Rhetorik auch zum Rechtsruck der AfD beigetragen habe, sagte Meuthen: „Ein Stück weit ist das sicherlich so. Ich war damals Bundessprecher. Und als Bundessprecher muss man alle Strömungen irgendwie bedienen.“ Die AfD erarbeitet derzeit ein neues Grundsatzprogramm. „Ich vermute, dass das neue Grundsatzprogramm etwas völlig anderes sein wird“, sagte Meuthen in dem Podcast. „Da ist ja jede Scham weg.“

Meuthen äußerte sich in dem Interview zudem zum aktuellen Machtkampf innerhalb der nordrhein-westfälischen AfD. Der Landeschef Martin Vincentz sei ein „vernünftiger Mann“, der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich ein „glasklarer Rechtsextremist“. Dass Meuthen sich mit dem Vorhaben, Helferich aus der Partei auszuschließen, nicht durchsetzen konnte, sei der Anlass für ihn gewesen, die AfD zu verlassen.

„Weidel stützt Helferich mit allem“, sagte Meuthen. „Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Um zu wissen, welche Kompromisse da gefahren werden und in welche Richtung das Ganze geht.“ Der frühere Parteichef rechnet mit dem Sturz des Landeschefs und Landtags-Spitzenkandidaten Vincentz. Nach der Aufstellung der Landtags-Landesliste „sägen die den ab, und dann war es das“. Vincentz verfügt innerhalb des Landesverbands über eine Mehrheit. Helferich kann derzeit etwa 40 Prozent der Delegierten hinter sich versammeln.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.

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