Am Ende einer ereignisreichen Woche in Nahost wurde an der Straße von Hormus wieder geschossen. Nachdem der Iran offenbar drei amerikanische Kriegsschiffe angegriffen hatte, antworteten die USA in der Nacht zu Freitag mit Schlägen gegen iranische Militäreinrichtungen an der Meerenge. „US-Streitkräfte wehrten unprovozierte iranische Angriffe ab und reagierten mit Schlägen zur Selbstverteidigung, als Lenkwaffenzerstörer der US-Marine am 7. Mai die Straße von Hormus in Richtung Golf von Oman durchquerten“, erklärte das nahöstliche Regionalkommando Centcom.

Das US-Militär habe die Bedrohungen „neutralisiert“ und iranische Militäreinrichtungen angegriffen, die für die Angriffe verantwortlich gewesen seien – darunter Raketen- und Drohnenabschussrampen, Kommando- und Kontrollzentren sowie Zentralen für Aufklärung und Überwachung, hieß es weiter. Es werde keine Eskalation angestrebt, man werde jedoch die amerikanischen Streitkräfte schützen.

Auch US-Präsident Donald Trump bekräftigte, die Waffenruhe sei weiter in Kraft. Das iranische Militär warf den USA jedoch vor, die von Washington zuletzt einseitig auf unbestimmte Zeit verlängerte Waffenruhe verletzt zu haben. Am frühen Freitagmorgen meldeten die Vereinigten Arabischen Emirate dann ebenfalls neue Angriffe aus dem Iran. Die Islamische Republik hatte den Golfstaat am Montag und Dienstag erstmals seit Beginn der Waffenruhe vor rund vier Wochen wieder stark angegriffen.

Die neuen Attacken stellen den Abschluss einer verwirrenden Woche am Golf dar. Anfang der Woche hatte Trump das „Projekt Freiheit“ angekündigt, mit dem die US-Marine die freie Durchfahrt durch die strategisch wichtige Meerenge wiederherstellen wollte. Nach 36 Stunden wurde sie jedoch wieder abgebrochen. Weil eine Einigung mit dem Iran kurz vor dem Abschluss stehe, hieß es zunächst aus dem Weißen Haus.

Dann aber berichteten US-Medien, Kuwait und Saudi-Arabien hätten die Nutzung der amerikanischen Basen für die Operation untersagt, was die USA zum Abbruch der Operation gezwungen hätte. Unter anderem, so hieß es, weil sie sich nicht ausreichend gegen iranische Attacken geschützt sahen und Trump die Angriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate am Anfang der Woche heruntergespielt hätte. Das „Wall Street Journal“ berichtete am Donnerstag, die USA hätten die Erlaubnis der Golfstaaten nun bekommen und „Projekt Freiheit“ könne wieder aufgenommen werden.

Washington setzt auf wirtschaftlichen Druck

Angesichts dieser unübersichtlichen Lage ist es erstaunlich, dass zumindest die Energiemärkte Optimismus verbreiten. Ende der Woche sank der Ölpreis wieder deutlich unter die Marke von 100 Dollar pro Fass.

Die begrenzte Eskalation lässt zumindest einige Rückschlüsse auf Trumps Strategie zu. Washington setzt weiter darauf, dass der wirtschaftliche Druck, der durch die amerikanische Blockade der iranischen Ölexporthäfen am Golf entsteht, das Regime irgendwann zum Einlenken bewegen wird.

Das zweite Element ist militärischer Natur. So reagierte die US-Marine weitaus heftiger auf den Beschuss ihrer Kriegsschiffe, als es zur strikten Gefahrenabwehr notwendig gewesen wäre. Ziel des Gegenbeschusses war es offenbar, militärische Fähigkeiten des Irans zur Bedrohung der Straße von Hormus teilweise zu zerstören.

Die Botschaft, die das US-Militär an Teheran sendete: Je öfter ihr Schiffe im Golf angreift, desto mehr werden wir euch die Fähigkeiten dazu nehmen. Dahinter steckt offenbar auch ein politisches Kalkül.

Das Regime in Teheran ist es seit Jahrzehnten gewohnt, auf Zeit zu spielen – etwa bei Verhandlungen über das Atomprogramm. Nun versuchen die Amerikaner, den Mullahs klarzumachen, dass die Zeit gegen sie arbeitet, weil die iranische Verhandlungsposition weiter erodiert, je mehr Zeit verstreicht. Weil der wirtschaftliche Druck der Blockade steigt und jedes militärische Scharmützel die iranischen Militärkapazitäten an der Meerenge reduziert.

„Wir werden nie genau wissen, wie viel Einfluss die US-Blockade hatte, aber wir wissen sehr wohl, dass der iranische Rial nach drei Wochen Blockade 20 Prozent seines Wertes gegenüber der Zeit davor verloren hat“, schreibt der Analyst Robin Brooks vom Thinktank Brookings. „Das ist genau die Art von destabilisierendem Effekt, den die Blockade zu erzielen versuchte.“

Sinkende Ölpreise bedeuten zudem, dass der Schmerz, den etwa die US-Wirtschaft wegen der iranischen Schließung der Straße von Hormus aushalten muss, weniger heftig ist, als die Mullahs erhofft hatten. Derzeit bleibt es politisch jedoch immer noch bei der Situation der vergangenen Wochen: Beide Seiten hoffen, dass die andere zuerst einlenkt.

Eine Einigung wird möglicherweise auch davon abhängen, ob China in Zukunft mehr Druck auf Teheran ausüben wird. Peking ist tatsächlich in einer ambivalenten Lage. Einerseits ist es geopolitisch daran interessiert, dass die Amerikaner sich eine strategische Niederlage am Golf einhandeln, und ist einer der wichtigsten Unterstützer Teherans in diesem Krieg.

Andererseits ist China der wichtigste Abnehmer sowohl von iranischem Öl als auch von dem anderer Golfstaaten und hat deshalb ein vitales Interesse daran, die Straße von Hormus rasch wieder zu öffnen, damit das Prinzip der freien Schifffahrt gewahrt bleibt. Trump wird kommende Woche zu einem historischen Besuch in Peking erwartet, dessen Ergebnisse auch die Lage in Nahost entscheidend beeinflussen könnten.

Die USA und eine Koalition von Golfanrainern ließen am Donnerstag den Entwurf einer UN-Sicherheitsratsresolution zur Öffnung der Straße von Hormus in New York zirkulieren. Sollte sie zeitnah zur Abstimmung gestellt werden, wäre China gezwungen, Farbe zu bekennen. Was ist Peking wichtiger? Seine Beziehung zum Iran, das gemeinsam mit Russland und Nordkorea Teil der antiwestlichen, revisionistischen Achse ist? Oder die Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten, die seine Wirtschaft vor dem Krieg mit sehr viel mehr Öl versorgten als der Iran?

Clemens Wergin ist seit 2020 Chefkorrespondent Außenpolitik von WELT. Er berichtet vorwiegend über den Ukraine-Krieg, den Nahen Osten und die USA.

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