„Mittlerweile beschleicht mich das Gefühl, dass das alles nur vorgetäuscht ist“
FDP-Vize Wolfgang Kubicki hat erneut das Führungspersonal von Union und SPD scharf attackiert und stellt ihre Führungskompetenz infrage. Über CDU-Chef Friedrich Merz sagt Kubicki, er habe lange an dessen Fähigkeiten geglaubt – inzwischen aber Zweifel: „Mittlerweile beschleicht mich das Gefühl, dass das alles nur vorgetäuscht ist“, sagte Kubicki in der „Bild am Sonntag“. Merz halte zwar „wunderbare Reden“, doch „die praktische Politik am nächsten Tag ist das genaue Gegenteil“. Das sorge für Frust: „Das macht Menschen auch irre.“
Noch schärfer fällt sein Urteil über SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil aus. „Lars Klingbeil ist ein witziger Typ, kann gute Reden halten und vor allen Dingen auch eine kleine Ukulele spielen“. Doch auf die Frage nach dessen wirtschaftspolitischer Kompetenz antwortet Kubicki knapp: „Null.“ Es sei problematisch, jemanden ohne entsprechende Erfahrung an die Spitze des Finanzressorts zu stellen: Jemanden, „der noch nie Finanzpolitik gemacht hat, zum größten aller Finanzminister auszurufen“, sei unangemessen.
Als größte Baustelle der Regierung benennt Kubicki die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. „Das drängendste Problem ist der Wohlstandsverlust“, sagte er. Jährlich gingen zwischen 120.000 und 150.000 Industriearbeitsplätze verloren, zugleich erlebe das Land „die höchste Insolvenzwelle seit Langem“. Für Kubicki ist das Ausdruck einer verfehlten Politik: Während die Belastungen durch Steuern stiegen und neue Schulden aufgenommen würden, fehle es an echten Einsparungen.
Auf seine „Eierarsch“-Bemerkung über Merz angesprochen, erklärte Kubicki, dass im Vergleich zu historischen Beschimpfungen gegen Kanzler seine Wortwahl eigentlich „noch etwas Vernünftiges“ gewesen sei. Brandt sei während seiner Amtszeit als „Volksverräter“ beschimpft worden und massiven persönlichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, Kohl wiederum öffentlich mit Eiern beworfen worden. Aber offenbar sei nach Klingbeil „auch Friedrich Merz sehr sensibel“.
In der Debatte um den Umgang mit der AfD stellt sich Kubicki ebenfalls gegen den parteiübergreifenden Kurs. Die „Brandmauer“ zur AfD weist er erneut zurück: „Ich kenne nur eine Brandmauer in Gebäuden“, sagte er. Statt einer strikten Abschottung plädiert er für einen differenzierteren Umgang: „Ich bin für Abgrenzung, nicht für Ausgrenzung.“ Die bisherige Linie hält er für politisch kontraproduktiv – sie „nützt eher der AfD, als dass es ihr schadet“.
Die Kandidatur des 74-Jährigen, der FDP-Chef werden will, hatte für viel Aufsehen gesorgt. Im Falle seiner Wahl strebt er bei den nächsten Bundestagswahlen einen Stimmenanteil von über zehn Prozent für seine Partei an.
Die FDP sei nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag „unterhalb der Wahrnehmbarkeitsschwelle geraten“ und werde in Umfragen „nicht mal mehr ausgewiesen“, sagte Kubicki dazu im Interview. Das habe ihn emotional sehr berührt nach mehr als 50 Jahren Parteimitgliedschaft. Für ihn ist das Ansporn und Verpflichtung zugleich: Er könne „einfach nicht zugucken, dass sie zugrunde geht“. Inhaltlich sieht er die Liberalen weiterhin gut aufgestellt – es gebe „ein unglaublich gutes politisches Angebot“ –, doch es fehle an Sichtbarkeit und politischer Durchschlagskraft.
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