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In München endet heute die Ära der SPD-Oberbürgermeister. Mit Dominik Krause übernimmt erstmals ein Grüner das Amt. Wird die Stadt jetzt autofrei? Verlegt Söder die Regierung?

Sein erstes politisches Gesellenstück hat er schon abgeliefert. Dominik Krause, der am Freitag als erster Grüner sein Amt als Oberbürgermeister von München antritt, hat innerhalb weniger Tage ein neues Rathausbündnis geschmiedet. Es blieb nichts anderes übrig. Seine Wunschkoalition war schon vor dem Start geplatzt. Aber jetzt kann es losgehen. Wird Bayerns Landeshauptstadt also ab heute so richtig durchbegrünt? Gemach!

Mit Dominik Krause, 35, Physiker, schwul, schlägt die Stadt zwar ein neues Kapitel auf, doch einfach wird es dieser neue OB nicht haben. Eigentlich wollte Krause mit seinen Grünen, SPD, Volt und dem einen Stadtrat der Rosa Liste regieren. Gemeinsam hätte man im 80-köpfigen Münchner Stadtparlament 42 Stimmen gehabt. Knapp, aber ausreichend, wenn alle diszipliniert sind. Doch dann haben die vier Stadträte von Volt alle möglichen personellen und finanziellen Forderungen gestellt und sind aus den Sondierungsgesprächen ausgestiegen, als die Partner die Wünsche nicht erfüllen wollten. Dabei hatte die europafreundliche Kleinpartei für die Stichwahl noch eine Wahlempfehlung für Krause abgegeben. Der erste Dämpfer war das für den künftigen OB.

Eine bunte Truppe als Koalition

Krause hat dann parallel sowohl mit der CSU als auch mit der FDP und den Freien Wählern weiter sondiert. Alle Seiten haben die konstruktive Gesprächsatmosphäre gelobt, beide Modelle galten trotz vieler inhaltlicher Unterschiede als denkbar. Doch am Ende fiel die Entscheidung für eine Art Münchner Ampel aus Grünen, SPD, Rosa Liste, FDP und Freien Wählern. Eine bunte Truppe, die es insgesamt auf 43 Stimmen bringt. Ein Rathausbündnis mit der CSU hätte hingegen eine satte Mehrheit von 57 Stimmen gehabt.

Dass Krause sich trotzdem für die knappe Variante entschied, verrät viel über den politischen Instinkt des erst 35-Jährigen. Krause war es wichtig, ein gutes Verhältnis zur SPD fortzuführen. SPD und Grüne hätten München über viele Jahre geprägt, sagt der neue OB im Gespräch mit dem stern. Dass es zuletzt zwischen Grünen und SPD in München heftige Spannungen gab, lag hauptsächlich an Krauses abgewähltem Vorgänger Dieter Reiter. Das soll sich nun ändern. 

Der Sparkurs bremst grüne Träume

Dass die beiden anderen Partner, FDP und Freie Wähler, beide für strenge Haushaltsdisziplin eintreten, kommt Krause sogar sehr gelegen. Die Haushaltslage der Stadt ist so angespannt, dass man um einen strikten Sparkurs ohnehin nicht herumkommt, was die neuen Partner friedlich stimmen dürfte. Andererseits ist genau dies Dämpfer Nummer zwei für Krauses Ambitionen. Sogar im reichen Bayern sprudeln die kommunalen Kassen nicht über vor Geld, im Gegenteil.

Krause muss jetzt versuchen, beides unter einen Hut zu bekommen: Er muss der gewaltigen Euphorie der eigenen Basis gerecht werden, die auf eine Menge frischer, hauptsächlich grüner Impulse für die Stadt hofft, von denen viele auch viel Geld kosten werden. Und er muss gleichzeitig den Haushalt konsolidieren. Welche konkreten Projekte der neue OB als erstes angehen will, lässt sich zum Amtsantritt zudem noch gar nicht sagen. Der Koalitionsvertrag soll erst zur konstituierenden Sitzung des neuen Stadtrats am 11. Mai fertig sein. Nach Krauses Vorstellung soll es kein Wünsch-dir-was-Katalog werden. „Wir werden einen realistischen Koalitionsvertrag schreiben“, sagt der Grüne.

Söder? „Ich bin da recht entspannt“

Genauso realistisch, geradezu gelassen, sieht Krause auch die spannende Frage, wie es mit ihm und Markus Söder laufen wird. Keiner hat die Grünen in den vergangenen Jahren so obsessiv und oft unter der Gürtellinie attackiert wie Bayerns Ministerpräsident. „Ich bin da recht entspannt“, sagt Krause. Der Grund ist simpel: „Sowohl die Stadt braucht den Freistaat, aber der Freistaat braucht die Stadt auch.“ Söder kann es sich schlicht nicht leisten, mit einem Konfrontationskurs gegenüber dem Grünen-Oberbürgermeister den Wirtschaftsmotor des ganzen Landes zu schwächen. Schon die bisherigen Begegnungen mit Söder, etwa am Rande des Münchner Filmfestes, seien recht locker gewesen, erzählt Krause.

Mit großer Spannung wird trotzdem das Aufeinandertreffen der beiden auf dem diesjährigen Oktoberfest erwartet. Manch grüne Parteifreunde schauen dem Ereignis sogar mit einer gewissen Schadenfreude entgegen: Denn nach dem Anzapfen des ersten Fasses überreicht traditionell der Münchner Oberbürgermeister die erste frische Maß Bier dem Ministerpräsidenten. Vermutlich werden sich mehr Grüne als sonst, auch von außerhalb, in der Ratsbox des Festzeltes einfinden, um diesen Moment live mitzuerleben. Denn Söder kann man es meist vom Gesicht ablesen, wenn ihm etwas nicht passt. 

Einen speziellen Spruch für Söder will sich Krause nicht zurechtlegen. Die Prozedur des Anzapfens hingegen verlangt schon Vorbereitung, um der Gefahr einer Bierdusche vor Millionen von Fernsehzuschauern zu entgehen. Krauses Vorgänger Reiter und auch dessen Vorgänger Christian Ude haben es meist geschafft, das erste Fass mit zwei Schlägen plus einem eventuellen dritten Sicherheitsschlag unfallfrei anzuzapfen. So etwas muss man üben. „Ich werde mich ab dem Sommer ins Training begeben“, sagt Krause. Schließlich sei das Anzapfen auf dem Oktoberfest so etwas wie der Elfmeter im WM-Finale. 

Noch immer verspürt Krause eine wahnsinnige Freude, dass er jetzt der Oberbürgermeister seiner Heimatstadt ist. Darin mischt sich aber auch, so hat er es bereits auf der Wahlparty der Grünen gesagt, die nötige Demut vor dem Amt. Mit 35 Jahren eine Millionenstadt zu regieren, ist sicher nicht alltäglich. Neu ist es für München allerdings nicht. Als Hans-Jochen Vogel 1960 zum Münchner Oberbürgermeister gewählt wurde, war er sogar ein Jahr jünger.

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