Viele Ökonomen kritisieren die Entlastungspläne der Koalition. „Eine Senkung des Preises für alle durch eine zeitlich befristete Aussetzung der Energiesteuer ist die schlechteste aller bisher diskutierten Optionen“, sagte die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

„Das ist eine Hilfe mit der Gießkanne, auch für Menschen, die den höheren Preis verkraften können“, sagte Schnitzer. „Es reduziert den Anreiz, den Spritverbrauch zu senken, und lässt die Menschen im Glauben, der Staat schützt sie vor allen Krisen von außen, auch die Reichen“, kritisierte sie weiter. „Eine gezielte Unterstützung der wirklich Bedürftigen wäre die bessere Entscheidung gewesen“, betonte die Wirtschaftsexpertin.

„Die bislang angekündigten Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung bei den Energiepreisen greifen zu kurz und sind in Teilen sogar kontraproduktiv“ sagte auch Marcel Fratzscher vom Berliner DIW-Institut. „Die ⁠temporäre Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel birgt die Gefahr, dass ein erheblicher Teil der Entlastung nicht bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommt, sondern auf den Konten der Mineralölkonzerne landet.“ Gleichzeitig setze sie falsche Anreize, da sie den notwendigen Rückgang des Energieverbrauchs im Straßenverkehr nicht unterstütze und damit den Preisdruck an anderer Stelle eher verstärken könne. Auch die steuerfreie Einmalzahlung von bis zu 1000 Euro durch Arbeitgeber sei kein zielgenaues Instrument, betonte Fratzscher. Sie komme vor allem Beschäftigten in größeren und finanzstarken Unternehmen zugute, während andere Gruppen leer ausgingen – etwa Arbeitslose, Rentner, Studenten oder Beschäftigte in kleinen Betrieben.

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Auch Konjunkturchef Stefan Kooths vom Kiel Institut kritisierte: „Es ist eine Illusion, der Staat könne die Bürger von höheren Energiekosten entlasten – er kann es nicht.“ Die höheren Einfuhrpreise für Energie führten zu einem gesamtwirtschaftlichen Kaufkraftverlust, der sich 2026/2027 auf rund 50 Milliarden Euro belaufen dürfte. „In dieser Größenordnung wird die Gesamtwirtschaft ärmer.“ Der Staat könne die Lasten nur umverteilen. „Die heutige ‚Entlastung‘ reißt Löcher in die öffentlichen Haushalte, für die künftig andere Steuern erhöht bzw. weniger gesenkt werden können“, mahnte Kooths. „Die Bürger werden die Rechnung daher so oder so zu tragen haben.“

Joachim Ragnitz vom Münchner Ifo-Institut bilanzierte, die Kosten der Energiepreiskrise würden nur anders verteilt. „Die im Koalitionsausschuss vereinbarten Maßnahmen gegen hohe Kraftstoffpreise sind purer Aktionismus und ‌lösen das grundlegende Problem zunehmender Knappheiten nicht.“ Ob die vorgesehene Übergewinnsteuer so umgesetzt werden könne, sei wegen verfassungsrechtlicher Bedenken ⁠äußerst fraglich.

Eine pauschale Steuerreduzierung entlaste vor allem diejenigen, die viel verbrauchten, erklärte auch die Geschäftsführerin Politik des BUND, Verena Graichen. Autofahrern, „die wirklich Entlastung brauchen, hilft das wenig“, mahnte auch sie. „Statt Steuergeschenke mit der Gießkanne zu verteilen, sollte die Regierung ein Mobilitätsgeld auszahlen und mit einem befristeten Tempolimit den Kraftstoffverbrauch senken“, forderte Graichen.

Langfristig könne nur ein Ausbau der E-Mobilität die Menschen langfristig vor hohen Spritpreisen schützen, gab die BUND-Geschäftsführerin weiter zu bedenken. „Deshalb sind Abschwächungen beim sogenannten Verbrenner-Aus ein völlig falsches Signal“, kritisierte sie auch einen weiteren Beschluss der Koalition.

Die Spitzen von Union und SPD hatten am Wochenende über Entlastungen der Verbraucher wegen der hohen Energiepreise beraten. Die Ergebnisse gaben die Parteivorsitzenden am Montagmorgen bekannt. Vorgesehen ist auch die Möglichkeit für Arbeitgeber, Arbeitnehmern 1000 Euro im Jahr 2026 steuerfrei zusätzlich auszubezahlen.

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