Die FDP liegt in Umfragen unter drei Prozent. Generalsekretärin Nicole Büttner steht aufgrund des Misserfolgs nun ohne Haare da. Ein Gespräch über eine Partei in der Krise.

Bundesweit steht die FDP bei unter drei Prozent, sie läuft unter „Sonstige“. Am Wahlsonntag in Rheinland-Pfalz wird der gelbe Balken wohl so kurz wie Ihre Haare. Frau Büttner, lohnt es sich noch, für diese Partei zu kämpfen?
Ich bin seit 20 Jahren überzeugte Freie Demokratin. Für mich ist Freiheit ein herausragendes Grundrecht, tief verwoben mit der Geschichte menschlichen Fortschritts, verteidigt gegen große Widerstände. Es ist nicht immer kuschelig, für seine Überzeugungen einzustehen, aber wichtig, sich genau für dieses Recht auf Freiheit einzusetzen. Ich glaube fest daran, dass wir wieder erfolgreich sein werden. 30 Prozent der Deutschen sagen, die FDP gehöre in den Bundestag, und 13 Prozent können sich vorstellen, uns zu wählen. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen besser zu erklären, wie genau eine liberale Politik ihr Leben verbessern kann. 

Sie haben vor der Wahl in Baden-Württemberg sogar Ihr langes Haar verwettet, für den Fall, dass die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Wie passt so eine pubertäre Jungswette zu Ihrem Selbstbild als fortschrittliche Weltbürgerin, das Sie sonst von sich zeichnen?
Weltoffenheit und Toleranz bedeuten nicht, keine Haltung zu haben. Ich würde mich, auch als Frau, missverstanden fühlen, wenn man mir das unterstellt. Was ich sagen will: Die Bundesrepublik ist in vielen Bereichen auf dem Holzweg. Wir Freie Demokraten wollen das ändern. Da braucht es Vehemenz.

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Und was bedeutet das inhaltlich?
Nehmen wir beispielsweise die Regulierungsdichte. Wer glaubt, Menschen kontrollieren zu müssen, zeigt Misstrauen. Als Liberale sage ich: Ich vertraue den Menschen. Die meisten wollen es gut machen – und tun es auch.

Als KI-Unternehmerin stehen Sie für Technologie, Automatisierung und Rationalisierung – für viele Menschen sind das Synonyme der Entmenschlichung. Wie halten Sie dagegen?
Technologie ist für mich kein Selbstzweck. Ich liebe nicht die Technik, sondern die Menschen und das, was Technik für sie leisten kann. Wir sollten fragen: Wie kann Innovation das Gesundheitswesen verbessern? Wie können Diagnosen schneller, personalisierter und günstiger werden? Wie können wir den Schulunterricht individueller gestalten? Nichts daran ist entmenschlicht. 

FDP-Generalsekretärin: „Wie man es nicht macht, zeigt Merz“

Die FDP muss zurzeit vor allem eines: Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Wie wollen Sie das anstellen?
Glaubwürdigkeit ist nicht nur ein Problem der FDP, sondern unserer Zeit. In der Politik ist sie aber die Währung. Menschen müssen spüren, dass man es ernst meint und tut, was man sagt. Für mich ist das auch persönlich wichtig. Als Unternehmerin beginnt man bei null. Am Anfang zählt nur das eigene Wort. Nur mit gegenseitigem Vertrauen funktioniert unsere Gesellschaft. Wie man es nicht macht, zeigt Bundeskanzler Merz. Er sagt etwas und tut zwei Wochen später das Gegenteil. Natürlich erfordert Politik Kompromisse. Aber wenn man erst die Schuldenbremse ablehnt und nach der Bundestagswahl eine 180-Grad-Wende macht, ist das bedenklich. Oder wenn ein Sondervermögen für Zukunftsinvestitionen versprochen wird, das dann aber zu 95 Prozent zweckentfremdet wird – absurd. 

Ein aktuelles Thema, bei dem die Bundesregierung sprunghaft wirkt, ist der Irankrieg. Wie steht die FDP zu Donald Trumps Forderung, die Straße von Hormus, also eine internationale Handelsroute, auch mit deutscher Beteiligung abzusichern?
Grundsätzlich bin ich dafür, wirtschaftliche Interessen notfalls militärisch zu vertreten. In diesem Fall teile ich aber die Einschätzung meiner Parteikollegin Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Dieser Krieg ist eine unabgestimmte Aktion. Wollen wir als EU so behandelt werden? Mein Ziel als Liberale ist ein selbstständiges Europa, das aus eigener Kraft handelt. Aus der starken Rede von Mark Carney, dem kanadischen Premier, auf dem Weltwirtschaftsforum ziehe ich, dass wir uns unsere Souveränität durch Wirtschaftskraft erarbeiten müssen. Sonst erleben wir noch mehr solcher unabgestimmter Aktionen. 

Ihre verlorene Wette und Ihre neue Frisur werden Sie wohl eine Weile begleiten. Hat sich die Aktion gelohnt?
Ich wollte zeigen: Wenn wir in diesem Land wirklich etwas ändern wollen, müssen wir die Komfortzone verlassen und Risiken eingehen. Es war nie sicher, dass wir in den baden-württembergischen Landtag zurückkehren. Ich bin aber überzeugt, dass wir insgesamt mehr Risikobereitschaft brauchen in unserem Land, sei es, um unsere Wirtschaft zu erneuern, oder um Deutschland zukunftsfähig zu machen. Das klappt nicht immer. Und manchmal steht man dann eben ohne Haare da.

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