Aus Lehrerzimmern und Schulsozialstationen sind die Warnrufe bereits seit Längerem deutlich zu vernehmen. Die Zahl der Jugendlichen mit psychischen Problemen ist hoch und nimmt weiter zu – so jedenfalls die Erfahrungswerte der Praktiker vor Ort. Dass es sich dabei nicht nur um anekdotische Evidenz handelt, zeigt die Robert-Bosch-Stiftung jetzt in ihrem jüngsten Schulbarometer, das gemeinsam mit der Universität Leipzig erstellt wurde.

Dafür wurden im Sommer 2025 1507 Schüler allgemeinbildender und beruflicher Schulen im Alter von acht bis 17 Jahren und jeweils ein Elternteil zum Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen befragt. Mit einem eindeutigen Ergebnis: Erstmals seit Ende der Corona-Pandemie hat deren psychisches Wohlbefinden wieder abgenommen. Laut der repräsentativen Studie fühlt sich inzwischen ein Viertel der Schüler psychisch belastet, eine Zunahme von vier Prozentpunkten gegenüber 2024.

Der Studie zufolge beschrieben 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen ihr Verhalten und Erleben so, dass sie der Kategorie „psychisch auffällig“ zugeordnet werden können; weitere zehn Prozent lägen „im Grenz­bereich“ zu psychischen Auffälligkeiten. Insgesamt betrachtet gebe es somit bei jedem vierten jungen Menschen Hinweise auf eine erhöhte psychische Belastung und verstärkte Symptome entsprechender Störungen.

„Diese umfassen eine Gruppe von Symptomen, die mit erheblichen Veränderungen in Gedanken, Emotionsregulation und Verhalten einhergehen und zu Leidensdruck sowie deutlichen Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben führen können“, heißt es im Schulbarometer. Stark ausgeprägt könnten sie sich zu Depressionen, Angst- oder Verhaltensstörungen entwickeln. Kinder und Jugendliche mit sozialpädagogischem Förderbedarf sowie aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen zeigen demnach mit 36 Prozent beziehungsweise 31 Prozent überdurchschnittlich oft psychische Auffälligkeiten.

Entsprechend gering ist ihre Lebensqualität. Im Durchschnitt klagen 26 Prozent der Befragten über eine geringe Lebensqualität, bei den Kindern mit psychischen Auffälligkeiten (57 Prozent), sonderpädagogischem Förderbedarf (41 Prozent) und aus armen Haushalten (36 Prozent) sind es deutlich mehr. „Die Werte zeigen einen hohen Unterstützungsbedarf, dem eine unzureichende Versorgungsstruktur gegenübersteht: Wartezeiten für psychotherapeutische Hilfe sind teils sehr lang, und die vorhandenen Unterstützungsangebote in Schulen reichen nicht aus“, heißt es in der Erhebung. Die Stiftung nannte die Ergebnisse „besorgniserregend“.

Der erneute Anstieg der psychischen Belastungen decke sich mit den Ergebnissen anderer Studien, sagte Julian Schmitz, Professor für klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig und wissenschaftlicher Leiter des Schulbarometers. „Das ist also ein breiter Trend.“

„Wir wissen, dass in Kindheit und Jugend viele Weichen gestellt werden für ein psychisch gesundes Aufwachsen. Wir wissen, dass drei Viertel aller psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft in dieser Altersspanne beginnen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch in die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen investieren“, so Schmitz. Die Studie mache „an vielen Stellen deutlich, dass wir hier noch viele Hausaufgaben haben“.

Die Daten zeigten auch, dass Kinder aus von Armut betroffenen Familien stärker von psychischen Belastungen, geringerer Lebensqualität und geringerem schulischen Wohlbefinden betroffen seien. „Armut wirkt sich nicht nur auf Bildungschancen aus, sondern auf die psychische Gesundheit junger Menschen“, sagte Schmitz. „Das sind Entwicklungen, die sich oft transgenerational weiterführen und damit nicht nur individuell und familiär zu hohem Leiden führen, sondern auch gesamtgesellschaftlich enorme Kosten mit sich bringen.“ Auch wenn es dem Großteil der jungen Menschen in Deutschland gut gehe, sei der erneute Anstieg der psychischen Belastung ein „Warnsignal, das wir nicht ignorieren dürfen“, sagte Anna Gronostaj, Bildungsexpertin der Robert-Bosch-Stiftung.

Die zentrale Rolle der Lehrer

Im Durchschnitt gab mit 75 Prozent der Großteil der Kinder und Jugendlichen ein mittleres Wohlbefinden in der Schule an. Acht Prozent nannten ein hohes, 16 Prozent ein niedriges Wohlbefinden. Auch hier waren die Werte für Kinder und Jugendliche aus finanziell belasteten Familien und solche mit psychischen Auffälligkeiten schlechter.

Den bedeutendsten Einfluss auf das schulische Wohlbefinden haben allerdings die Lehrkräfte. „Je unterstützender und wertschätzender“ Lehrer wahrgenommen würden, desto wohler fühlten sich Schüler, heißt es in der Studie. Auch Langeweile und Überforderung spielten eine Rolle. „Sowohl zu geringe als auch zu hohe Anforderungen gehen mit einem geringeren Wohlbefinden einher – das zeigt, wie wichtig ein individuell angemessenes Anforderungsniveau für positive schulische Erfahrungen ist.“

„Unsere Studie zeigt, was hilft: Wenn Lehrkräfte unterstützen und sie fordern, ohne zu überfordern, und zudem das Klassenklima gut ist, geht es Kindern besser. Guter Unterricht fördert also nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder“, bilanzierte Gronostaj.

Und noch ein weiterer wichtiger Einflussfaktor kristallisierte sich heraus: die Möglichkeit, sich aktiv in der Schule einzubringen. Schüler, die über mehr Mitbestimmung in Schule und Unterricht berichteten, zeigten nicht nur ein höheres schulisches Wohlbefinden, sondern gaben insgesamt auch eine höhere Lebenszufriedenheit an.

„Viele Schülerinnen und Schüler wünschen sich mehr Möglichkeiten, in ihrer Schule und im Unterricht mitzubestimmen, erleben oft jedoch nur sehr begrenzte Beteiligungsmöglichkeiten an dem Ort, an dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbringen“, sagte Studienleiter Schmitz. Er bezeichnete es als „bestürzend“, dass selbst gewählte Schülervertretungen an vielen Schulen nur einen sehr begrenzten und kleinen Einfluss auf schulische Entscheidungen hätten.

Für Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, bestätigen die Daten „das, was täglich an uns herangetragen wird“. Mit der Kampagne „Uns geht’s gut?“ weisen die Bundesschülervertreter bereits seit einem Jahr auf einen Anstieg psychischer Probleme hin – für Kirchhoff auch eine Folge der Überforderung der Lehrkräfte. Dennoch werde an unterstützendem Personal gespart, wie etwa das vorzeitige Aus für das Modellprojekt „Mental Health Coaches“ zeige. „Gesundheitsförderndes Personal ist essenziell, um den Lehrkräften unter die Arme zu greifen“, so Kirchhoff.

Auch die Mitbestimmung müsse auf breiter Front gestärkt werden, etwa durch niedrigschwellige demokratische Formate wie Klassenräte. „Schule ist einer der größten Entwicklungsorte, die wir haben. Oft verbringen wir dort aktiv mehr Zeit als zu Hause. Und dementsprechend müssen wir genau hier auch gesellschaftliche Prioritäten setzen, diesen Raum für die Schüler zu gestalten.“

Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

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