Die Urlauber wurden vom Krieg mit dem Iran offenbar genauso überrascht wie die schwarz-rote Bundesregierung. Hätte man nicht früher warnen müssen?

„Wir wussten nicht, dass dieser Krieg ausbricht“, rechtfertigt sich Außenminister Johann Wadephul wenige Tage nach Kriegsausbruch im Iran. Israel, die USA und ihr Angriff auf den Iran überraschten die Bundesregierung offenbar – und mit ihr zehntausende deutsche Reisende, die sich in Sicherheit wähnten.

Seit dem 28. Februar herrscht in der Golfregion Chaos, Touristen aus aller Welt stecken fest. Raketen treffen Wohnhäuser, Drohnen krachen in Luxushotels, Flughäfen bleiben geschlossen. Teuer gecharterte Sonderflüge bringen Touristen seither aus dem Krisengebiet, Frauen und Kinder zuerst. 

Hätte all das vermieden werden können? Etwa mit einer rechtzeitigen offiziellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes? Eine Aussage des Außenministers wirft Fragen auf: „Es gibt (…) Reiseveranstalter, die uns bitten, das wirklich nur dann zu tun, wenn wir positive Erkenntnis haben.“ 

Seither steht ein Verdacht im Raum: Hat die Bundesregierung wegen der Geschäftsinteressen der Reiseveranstalter frühere Reisewarnungen unterlassen? Oder versucht ein Politiker unter Druck, eigene Versäumnisse abzuwälzen? 

Iran-Krise: Reisen mit Eigenverantwortung

„Eine formelle Reisewarnung ist ein dringender Appell des Auswärtigen Amts, Reisen in ein Land zu unterlassen“, erklärt das Ministerium. Sie wird ausgesprochen, wenn „akute Gefahr für Leib und Leben“ besteht – etwa durch einen bewaffneten Konflikt. Für Reiseanbieter hat das wirtschaftliche Folgen: Bei einer Reisewarnung können Urlauber „in der Regel kostenlos stornieren. Oder der Veranstalter storniert die Reise selbst“, so erklärt es der Branchenverband der Reiseunternehmen, DRV.

Haben die Unternehmen deshalb Druck auf das Auswärtige Amt ausgeübt? 

Der DRV weist das entschieden zurück: „Wir nehmen keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen des Auswärtigen Amts. Diese liegen ausschließlich in der Verantwortung der Bundesregierung“, sagt eine Sprecherin. Auch die Reiseanbieter DERTOUR und TUI betonen gegenüber dem stern, solche Bitten nicht geäußert zu haben: „Von unserer Seite gab es zu keinem Zeitpunkt die Bitte, auf Reisewarnungen zu verzichten oder diese zu verzögern.“

Das Auswärtige Amt konkretisiert inzwischen die Aussagen des Außenministers. Auf Anfrage des stern erklärt eine Sprecherin: „Die Entscheidungen (…) zu Reise- und Sicherheitshinweisen basieren ausschließlich auf der Sicherheitslage und den eigenen Lageeinschätzungen der Bundesregierung. “ 

Das Ministerium hebt hervor, dass es längst vor der offiziellen Warnung nach Kriegsausbruch Hinweise an Touristen gab. So habe man bereits am 14. Januar erstmals gewarnt: „Die Sicherheitslage in der gesamten Region ist äußerst volatil“, hieß es damals auf der Webseite des Auswärtigen Amts. Am 26. und 27. Februar – kurz vor den Angriffen – verschärfte man die Warnungen. Die Lage sei „angespannt“. Diese Hinweise hätten Reisende über einen Monat – oder zumindest zwei Tage – vor der Eskalation lesen können.

Die Reiseveranstalter sind sauer über die Kommunikation des Außenministers. Sie weisen explizit daraufhin, dass auch die Bundesregierung selbst in dem fraglichen Zeitraum öffentlichkeitswirksam Veranstaltungen in den Golfstaaten durchführte.

Noch am 24. Februar begrüßte das deutsche Generalkonsulat in Dubai Studenten einer deutschen Fachhochschule. Der deutsche Fußballer Benedikt Höwedes unterzeichnete am 20. Februar eine Partnerschaft zwischen Bundesliga und UAE Pro League in Abu Dhabi. Am 17. Februar traf der deutsche Botschafter in Kuwait eine deutsche Wirtschaftsdelegation. 

Wer die Social-Media-Kanäle der deutschen Vertretungen vor dem Krieg verfolgte, sah vor allem eines: Normalität. Womöglich fühlten sich manche Touristen auch dadurch in Sicherheit.

Hotspot Wüste

Mit aufwendigen Kampagnen wie „Visit Dubai“ pflegen die Golfstaaten ihr Image als Traumziel: luxuriös, exotisch, sicher. Zu Beginn des Kriegs befanden sich 30.000 deutsche Pauschaltouristen in der Region, dazu vermutlich ebenso viele Individualreisende und mehrere Tausend Auswanderer. Zehn Tage nach Beginn des Angriffs auf den Iran teilt der DRV mit, dass noch etwas mehr als 2.000 Pauschalreisende in der Region festsitzen. Zu Individualtouristen kann der Verband keine Auskunft geben.

Wie sehr die autoritären Golfstaaten an diesem Image hängen, zeigte sich nach Kriegsbeginn. Als die ersten iranischen Vergeltungsschläge Dubai trafen, drohte Panik unter den Touristen – und ein Imageschaden. Westliche Influencer posteten, offenbar koordiniert, Videos von Herrscher Muhammad bin Raschid Al Maktum, der gelassen durch Malls und Straßen lief. Die Botschaft: Alles unter Kontrolle.

Stabilität wird zwar medienwirksam betont, gilt für die Region aber bereits vor dem Ausbruch des Irankriegs nur eingeschränkt. Der Kreuzfahrtanbieter AIDA teilt dem stern mit, dass man sich bereits im Juli 2025 dafür entschied, im Winter 2025/2026 keine „Orient-Reisen“ anzubieten – „aufgrund der nicht verlässlich einschätzbaren Situation.“

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