„Verhalten sich wie auf ihren extremistischen Demos in Kreuzberg“
Auf dem Campus der Hertie School in Berlin habe sie schnell gespürt, dass es ein Problem gebe, sagt Lea A. „Ich habe Kommilitonen erzählt, dass ich ein Praktikum in der israelischen Botschaft machen will“, so die Studentin, die eigentlich anders heißt. „Die Blicke waren krass. Plötzlich war ich gecancelt.“
In den Seminaren habe sich das fortgesetzt. Israel wolle die „Herrschaft über große Teile der Welt“, sei von Mitstudenten gesagt worden – ohne Widerspruch der Professoren. Debatten über den jüdischen Staat drehten sich demnach ausschließlich um „Vorwürfe wie Kriegsverbrechen, Apartheid, Genozid oder Siedlungskolonialismus“, erzählt die jüdische Studentin. „Ich fühle mich in Kursen nicht mehr wohl, wenn ständig antisemitische, dämonisierende Aussagen zu Israel getroffen werden.“ Diskussionen seien kaum noch möglich. „Wenn meine Eltern aus der Sowjetunion erzählen, klingt das genauso wie an der Hertie School.“
Die Privatuni in der Hauptstadt produzierte in der vergangenen Woche unangenehme Schlagzeilen: Die Hertie Student Representation (HSR), die gewählte Vertretung der Studierendenschaft, hatte beschlossen, die gegen Israel gerichtete Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) zu unterstützen. Nach eigener Angabe als erste Studentenvertretung in Deutschland. Der Bundestag und zahlreiche jüdische Gemeinden werten BDS als antisemitisch.
Das Besondere an dem Vorfall: Die staatlich anerkannte Privathochschule versteht sich als Ausbildungsstätte für Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, will die künftige Elite der Republik ausbilden. 855 Menschen aus mehr als 70 Ländern studieren hier im Master, machen Praktika in Bundesministerien, bei der Europäischen Union, der Nato oder in einer Botschaft. Die Studiengebühren belaufen sich auf 9625 Euro pro Semester. Namensgeber ist der jüdische Kaufmann Hermann Tietz, dessen Familie 1933 von den Nationalsozialisten enteignet wurde.
Hochschulpräsidentin Cornelia Woll distanzierte sich auf WELT-Anfrage am Freitag vom Beschluss. Annette Schavan (CDU), Vorstandsvorsitzende der Hertie-Trägerstiftung und ehemalige Bundesbildungsministerin, nannte ihn „inakzeptabel“ – und machte der Hochschulleitung massiven Druck. Am Wochenende stellten Hertie-Studenten einen Antrag auf Abwahl der Studentenvertretung, in weniger als 24 Stunden erreichte dieser das Quorum.
Doch wie konnte es so weit kommen, dass das gewählte Studentengremium einer Hochschule, die sich angehenden Führungskräften empfiehlt, eine Unterstützung des Israel-Boykotts beschließt? In zahlreichen Gesprächen, die WELT mit Studentinnen und Studenten geführt hat, ist von einem zunehmend israelfeindlichen Klima nach dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem israelischen Krieg in Gaza zu hören. Und der Beschluss demnach nur der vorläufige Höhepunkt.
Der Beschluss wurde vom „Solidarity Collective“ initiiert, einer von Hertie-Studenten gegründeten Initiative, und von 41 Studenten unterstützt. Am ersten Jahrestag des 7. Oktober schrieb die Initiative auf Instagram: „Heute mehr denn je stehen wir als Studentengruppen in Solidarität mit dem heroischen Widerstand des palästinensischen Volks.“
Der „zionistischen Besatzung“ unterstellt der englischsprachige Appell mehrerer pro-palästinensischer Gruppen einen Völkermord, Siedlerkolonialismus, ethnische Säuberung und Apartheid. Weiter heißt es: „Widerstand ist der leidenschaftliche Ausdruck eines unerschütterlichen Strebens nach Freiheit, Gerechtigkeit und Würde – er ist nicht nur unvermeidlich, sondern auch legitim.“ Israel wiederum begehe „Terror“. Die Initiative demonstrierte zuletzt gegen die Hertie-Abschlussfeiern in der Berliner Philharmonie und fordert ein Ende der Kooperation mit der Hebräischen Universität in Jerusalem.
Die Hertie-Leitung versuchte es lange mit Debatten. Erstsemester bekamen einen Workshop in respektvoller Diskussionskultur, im November 2024 veranstaltete die Schule gemeinsam mit „Zeit Campus“ ein Diskussionsformat zum Nahost-Konflikt. Doch das Klima habe sich weiter verschlechtert, wie Studenten berichten.
„Wir waren zu lange leise und nicht wehrhaft“
Besonders in Internet-Chats werde ein „Klima der Angst geschaffen“, erzählt Studentin Marie Müser. Eine radikale Gruppe gehe dort gegen Andersdenkende vor, insbesondere wenn es um Israel geht. „Wer widerspricht, wird attackiert und beschimpft, Kritik mit Clown-Emojis beantwortet“, so die 28-Jährige, die von 2022 bis 2025 Grünen-Chefin in Sachsen war. „Die halten sich nicht an gepflegte Diskursregeln, sondern verhalten sich wie auf ihren extremistischen Demos in Kreuzberg.“ Die Folge sei eine „Angst zu sprechen“, viele trauten sich nicht mehr, gegen Antisemitismus oder für das Existenzrecht Israels einzustehen.
„Zwischen Fragen nach den besten Nudelsuppen der Stadt und Tipps für die schönsten Flohmärkte wurde zur Intifada aufgerufen“, berichtet auch Max B., der aus Angst vor der Reaktion seiner radikalen Kommilitonen nur unter falschem Namen sprechen will. Widerspruch werde mit „Herabwürdigung und Mobbing“ beantwortet. In WELT vorliegenden Chats werden Kritiker des BDS-Beschlusses als „Faschisten“ oder Genozid-Unterstützer beschimpft.
„In der Hertie-Community brodelt es“, erzählt Patrick G., einer der Initiatoren des Abwahlverfahrens, der ebenfalls nur unter falschem Namen sprechen möchte. „Selbstkritisch müssen wir sagen: Wir waren zu lange leise und nicht wehrhaft.“ Man habe zu lange zugeschaut, wie die HSR eine „moralische Überlegenheit und politische Alternativlosigkeit für sich reklamiert“ und die „offene Diskurskultur und Meinungsvielfalt“ untergraben habe.
Das „Solidarity Collective“ habe die HSR „zum Vehikel seiner politischen Agenda gemacht“, sagt der Student. Vor der Wahl sei man gemäßigt aufgetreten und habe die Positionen nach der Wahl „systematisch erweitert und überschritten“. Der BDS-Beschluss habe bei vielen zu einem Umdenken geführt, nun brauche es Konsequenzen.
Unterstützung kommt von Julius Brenning, von 2024 bis 2025 Vorsitzender der Studentenvertretung und Vorgänger der amtierenden Vertreter. „In einem Organisationsgremium wie dem HSR sollte es in erster Linie um das Miteinander an der Universität auf Grundlage der akademischen Freiheit gehen“, sagt der Hertie-Absolvent. Das Fundament der Hochschule müssten Wissenschaftsfreiheit und Liberalismus sein, Antisemitismus dürfe keinen Platz haben.
„Es ist problematisch, ein solches Statement im Namen aller herauszugeben“, kritisiert Brenning. Einige Repräsentanten nutzten die HSR, um „ihre politische Agenda voranzutreiben, anstatt die Interessen der gesamten Studierendenschaft“ zu vertreten. Die stille Mehrheit solle sich gegen den Beschluss zu Wort melden und die HSR neu gewählt werden. „Für viele ist hier eine Grenze erreicht.“
Für Mittwoch ruft die Hochschulleitung zu einer Vollversammlung auf. Der Schaden soll durch eine Aussprache begrenzt werden. Gegen die elf HSR-Mitglieder, die den BDS-Beschluss gefasst haben, prüft die Hochschulleitung Disziplinarmaßnahmen. Die insgesamt 16 Vertreter wurden laut Hertie School im Oktober 2025 mit knapp 18 Prozent Wahlbeteiligung gewählt.
Die HSR hält an der Resolution fest. Man verurteile Diskriminierung und Antisemitismus. „BDS ist eine gewaltfreie Form des Aktivismus, die darauf abzielt, Druck auf den Staat Israel auszuüben, die Völker- und Menschenrechte von Palästinensern zu wahren“, sagt der HSR-Vorsitzende Andrew Hastings WELT. Der Boykott richte sich gegen Institutionen, nicht gegen jüdische Menschen oder „Israelis als solche“, und sei von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Die Distanzierung der Hertie-Stiftung solle „eine einschüchternde Wirkung auf die Studierendenpolitik haben“, sagt Hastings. Er betont das Recht auf studentische Selbstverwaltung. Eine Debatte unter Studenten begrüße man und sei „stets bestrebt, einen einladenden Raum für Diskussionen zu schaffen“.
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.
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