„Zusammenarbeit ja, Unterordnung nein“ – Wie Mexiko das Venezuela-Szenario verhindern will
Unter dem Blick des Angel de la Independencia, einer in Gold gefassten Engelsskulptur zu Ehren der Freiheitskämpfer Mexikos, hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Kaum hundert Meter entfernt befindet sich das Gebäude, in dem bis vor ein paar Wochen die US-Botschaft war; inzwischen ist sie aus dem Stadtzentrum weggezogen.
Die Demonstranten schwenken kubanische, mexikanische und kolumbianische Fahnen. Einige Teilnehmer tragen Trainingsanzüge oder Shirts in den venezolanischen Nationalfarben. Vor den hohen Barrikaden um das ehemalige Botschaftsgebäude protestieren sie gegen den Versuch der USA, nach der Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro auch das kubanische Regime in die Knie zu zwingen.
US-Präsident Trump erhöht den Druck auf Staaten, die Öl an Kuba liefern, und droht mit hohen Zöllen. Die mexikanische Regierungschefin Claudia Sheinbaum gab vor wenigen Tagen bekannt, dass vorerst kein Tanker des staatlichen Ölkonzerns Pemex nach Havanna fahren wird. Ein bemerkenswerter Schritt – nicht nur, weil Mexiko zuletzt der wichtigste Lieferant war.
„Diese Entscheidung hat sie alles andere als leichtfertig getroffen, dafür ist sie Kuba zu sehr verbunden“, sagt am Rande der Demonstration Carolina Tetelboin, Akademikerin im Ruhestand. Sie hält die linke Präsidentin für eine kluge Strategin. Tetelboin verließ Chile als junge Frau Mitte der 1970er-Jahre, kurz nachdem dort Diktator Augusto Pinochet an die Macht gekommen war.
Sie vergleicht den damals gestürzten Präsidenten Salvador Allende mit Sheinbaum. Der Sozialist sei gegenüber den USA sehr konfrontativ aufgetreten. Das habe sich gerächt. Ganz anders Sheinbaum: „Sie weiß, dass sie gegenüber Trump vorsichtig und mit Bedacht vorgehen muss, und will keine Auseinandersetzung riskieren. Gleichzeitig lässt sie sich nicht seinen Willen aufzwingen.“
Zwischen Kooperation und Abgrenzung
Sheinbaum sprach bei dem Öl-Stopp zwar von einer unabhängigen Entscheidung. Angesichts des Timings wird er aber als der nächste Schritt in einer ganzen Reihe von Konzessionen gegenüber Washington gesehen. Der US-Präsident bekommt jedoch längst nicht alles, was er will. So lehnt Sheinbaum seine Forderungen nach einem US-Militäreinsatz gegen Drogenkartelle in Mexiko ebenso entschieden ab wie Angebote, amerikanische Spezialkräfte an der Zerstörung von Drogenlaboren zu beteiligen.
Für die 63-Jährige ist es ein anspruchsvolles Manöver zwischen Kooperation und klarer Abgrenzung, um nationale Interessen und Souveränität zu wahren. Bisher scheint ihr dies zu gelingen – getragen von breiter Zustimmung im Land.
In seiner zweiten Amtszeit hat US-Präsident Trump den Ton gegenüber Lateinamerika deutlich verschärft und den Anspruch der USA auf Einfluss in der Region offener formuliert als je zuvor. Mexiko ist dabei zentral: als Handelspartner, Schlüsselstaat für Migration und Ausgangspunkt der Bedrohung durch Kartelle. Denn sie schleusen Drogen in die Vereinigten Staaten, die jedes Jahr für den Tod Tausender Amerikaner verantwortlich sind, allen voran Fentanyl.
Um die richtigen Signale zu senden, verwies Sheinbaum kürzlich gegenüber der US-Regierung darauf, dass die von den Amerikanern an der Grenze zu Mexiko beschlagnahmte Menge an Fentanyl seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2024 um etwa die Hälfte zurückgegangen sei. Die Drogen würden bereits in Mexiko abgefangen – auch wenn Experten das nicht allein auf die mexikanische Präsidentin zurückführen.
Nach einer Zolldrohung Trumps im Februar einigte sich Sheinbaum mit dem US-Präsidenten auf eine verstärkte Grenzsicherung und entsandte zusätzliche 10.000 Nationalgardisten und Soldaten an die Nordgrenze. Zudem schickte Mexiko im vergangenen Jahr mehrere Flugzeuge mit teils hochrangigen Kartellmitgliedern in die USA und erhob später hohe Zölle auf chinesische Produkte – im Einklang mit dem US-Ziel, Pekings Einfluss in der Region zu begrenzen.
„Mexiko ist ein freies und souveränes Land“
Während Mexiko dem Druck aus Washington in vielen Bereichen nachgibt, zieht Sheinbaum bei Trumps Drohungen mit Militäreinsätzen auf mexikanischem Boden die rote Linie: „Mexiko ist ein freies und souveränes Land: Zusammenarbeit ja, Unterordnung und militärische Intervention nein.“ Auch gemeinsame Operationen mit US-Spezialkräften lehnt sie ab.
Dennoch ist die mexikanische Präsidentin die einzige von Trumps politischen Gegenspielerinnen, bei denen er auf Schmähungen verzichtet. Im Gegenteil: Er bezeichnete Sheinbaum in Telefonaten und Interviews unter anderem als „sehr intelligente Führungspersönlichkeit“ und „eine wunderbare Frau“.
Diese schmeichelnden Zuschreibungen dürften wenig mit dem Charisma der Präsidentin zu tun haben, die wegen ihrer kühlen und nüchternen Art mitunter als „Eis-Lady“ bezeichnet wurde. Doch gerade dieser Charakterzug der promovierten Naturwissenschaftlerin scheint für das ungewöhnlich respektvolle Verhältnis der beiden Staatsoberhäupter verantwortlich zu sein.
„Sie schafft es, gegenüber Trump den richtigen Ton zu treffen, und hat damit Konflikte erfolgreich vermieden“, sagt Ricardo Zuniga, ehemaliger US-Diplomat und Experte für das Verhältnis zwischen Lateinamerika und den USA. Laut dem Politikwissenschaftler hat Sheinbaum wie kaum eine andere Staatschefin den Verhandlungsstil Trumps verstanden. „Ihre Gespräche sind sehr direkt und transaktional. Das ist die Art Konfliktlösung, auf die Trump anspricht.“
Als Beispiel nennt er abgewehrte Zolldrohungen: Sheinbaum kündigte Gegenmaßnahmen an, die wichtige Bereiche der US-Wirtschaft getroffen hätten, betonte aber gleichzeitig durch Zollerhöhungen gegen China die Partnerschaft mit den USA. So habe sie Frieden mit Trump und die Souveränität Mexikos bewahrt. Das sei bemerkenswert, vor allem, weil Mexiko für den US-Präsidenten noch immer „das große Übel“ in der Region sei.
In Hörweite der Proteste vor der US-Botschaft sitzt Victor Martinez in der Sonne und macht ein Selfie. Neben dem 20-Jährigen stehen mehrere Taschen mit dem Logo einer europäischen Modekette. Er sei nur zufällig nach dem Shoppen hier vorbeigekommen, sagt er.
Er hält Sheinbaums Verhältnis zu Trump zwar für stabil, doch das reiche nicht, sagt er. Die Regierung müsse deutlich mehr gegen die Kartelle tun. „Solange das nicht passiert, hat Trump einen Grund für seine Drohungen.“ Das mache ihm Sorgen. Nach dem Militäreinsatz der USA in Venezuela habe er den Eindruck, dass „alles möglich sei“.
Viele Beobachter, darunter auch Ex-Diplomat Zuniga, rechnen trotz Sheinbaums Anstrengungen damit, dass Trump früher oder später seine Drohung wahr machen und es zu Militäreinsätzen gegen Kartelle kommen wird. Bis zu den Midterm-Wahlen in den USA im November könnte sich die Entscheidung aber verzögern, glaubt der Experte.
Er verweist auch auf die Abschüsse mutmaßlicher Drogenboote im Pazifik, die bei der US-Bevölkerung extrem unbeliebt seien, besonders seit Medienberichte darauf hinwiesen, dass in mindestens einem Fall Zivilisten getötet worden sein sollen.
„Der Einsatz von Gewalt durch diese Regierung erzeugt viel Skepsis bei den Wählerinnen und Wählern. Ich glaube, dass das am Ende weit mehr Einfluss hat als jede internationale Reaktion“, so Zuniga. Noch sehe er nicht, dass die US-Bürger eine weitere Bodenoperation in Mexiko oder anderswo in Lateinamerika unterstützten.
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