Deutscher Nobelpreisträger rief selbst in Stockholm an, um von seiner Ehre zu erfahren
Den größten Tag seiner Karriere feiert Prof. Georg Nagel in Italien. Der 73-Jährige wurde am Montag gemeinsam mit seinem Berliner Kollegen Peter Hegemann, 71, und dem US-Forscher Karl Deisseroth, 54, mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Nagel ist derzeit in Neapel. Seine Frau kommt von dort, seit elf Jahren besitzen sie dort eine kleine Wohnung.
Seit der Professor der Universität Würzburg pensioniert ist, sei er im Winter immer in Neapel. Normalerweise fährt er erst Ende Oktober, aber da seine Tochter Ende September dort ihren 30. Geburtstag feierte, ist er schon jetzt in Neapel. Nagel sagt im Gespräch mit „Bild“ lachend: „Der 30. Geburtstag der Tochter? Das ist wichtiger als ein Nobelpreis.“ Wie sie auf den Gewinn ihres Vaters reagierte? „Gott sei Dank kam der Anruf erst nach meiner Feier, sonst hättest du mir die Show gestohlen“, zitiert Nagel seine Tochter.
Von der Auszeichnung erfuhr Nagel übers Telefon. Ein ehemaliger Student gab ihm Bescheid, dass er im Büro in Würzburg einen Anruf aus Stockholm bekommen habe: „Man wolle meine Nummer, da war ich also etwas vorgewarnt“, erzählt Nagel. Der Würzburger rief in Stockholm an.
„Zuerst meinte der Herr am Telefon, ob ich der Herr Hegemann wäre“, plaudert der 73‑Jährige und sagt lachend: „Da war ich etwas angesäuert.“ Nagel bekam die Nummer von Thomas Perlmann, Mitglied des Nobel-Komitees: „Ich habe dann selbst dort angerufen und er klärte mich auf. Ich habe also quasi meinem eigenen Nobelpreis hinterhertelefoniert“, sagt er und lacht.
Auch an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg verbreitete sich die Nachricht rasch. Universitätspräsident Prof. Paul Pauli, 66, sagte, er habe bereits gehört, dass Nagel für den Nobelpreis gehandelt wird. Nagel selbst ging nicht davon aus, dass er die Auszeichnung in diesem Jahr bekommt.
Seine Kollegen würden ihn aber immer vorwarnen, wenn die Nobelpreisphase losgehe: „Ich sage immer: Entspannt euch, ich bin da ohnehin nicht dabei. Drum war ich erst recht erstaunt, dass der Anruf kam.“ Seine Frau, die er in New York kennenlernte, war optimistischer als Nagel. Sie habe „schon immer gewusst“, dass er eines Tages mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, erzählt er. Denn Nagel legte mit seiner Forschung den Grundstein für Optogenetik.
Mit dieser Forschung holte Georg Nagel den Nobelpreis
Prof. Nagel und der deutsche Forscher Peter Hegemann entdeckten in einer winzigen Grünalge ein besonderes Eiweiß namens Channelrhodopsin. Dieses Protein funktioniert wie ein winziger Lichtschalter: Trifft blaues Licht darauf, öffnet sich ein Kanal in der Zellhülle und die Zelle wird elektrisch aktiviert. Der US-Forscher Karl Deisseroth hatte dann die entscheidende Idee: Er baute den Bauplan dieses Proteins in Nervenzellen ein. Plötzlich wurden auch diese Zellen lichtempfindlich. Leuchtete man sie mit blauem Licht an, feuerten sie ein Signal ab.
Heute können Forscher damit einzelne Nervenzellen gezielt an- oder ausschalten und untersuchen, welche Rolle sie beispielsweise für Erinnerungen, Gefühle und Verhalten spielen. Für diese bahnbrechenden Entdeckungen erhalten Nagel, Hegemann und Deisseroth nun den Medizin-Nobelpreis 2026.
Georg Nagels Weg in die Wissenschaft begann ungewöhnlich. Als Kind war er schwer krank und musste sich immer wieder Operationen im Universitätsklinikum Würzburg unterziehen. „Sport hat mich immer interessiert, aber in der Schule wurde ich immer vom Sportunterricht befreit. Blödsinn, aber so war es“, sagt Nagel. Weil er wegen seiner Krankheit oft zu Hause bleiben musste, beschäftigte sich Nagel mit einem Experimentierkasten. „In der Zeit habe ich angefangen zu leben und zu erkunden“, sagt der 73-Jährige.
In der Schule begeisterte er sich für Mathematik, Physik und Biologie. „Ich habe viel Glück gehabt, mein Weg war nicht gerade“, so Nagel. Er studierte Biologie an der Universität Konstanz und kam dort mit der Biophysik in Kontakt. Sein erster Lehrer auf diesem Gebiet war Ernst Bamberg. Nagel arbeitete in dessen Labor, ging später für seine Forschung in die USA und kehrte 1992 nach Deutschland zurück. Seit 2004 ist er Professor für Molekulare Pflanzenphysiologie und Biophysik an der Universität Würzburg.
Mit Freunden hatte er sogar ein eigenes Café: „Das Café Chaos. Das erwähne ich im Lebenslauf normalerweise nicht. Bei zwölf Leuten war der Eigenverbrauch sehr hoch, irgendwann haben wir das wieder aufgegeben“, sagt er lachend.
Zur Verleihung nimmt er Frau und Tochter mit
Nun ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Wie er diesen besonderen Tag heute feiert? „So wie bei unserer Hochzeit: mit ’ner Pizza und vielleicht einem Bier“, sagt er und verrät: „Markus Söder wollte mich schon nach München holen lassen heute Abend, aber ich wollte lieber in Italien bei meiner Familie bleiben.“
Weitere Pläne hat Nagel für die kommenden Wochen und seinen Anteil am Preisgeld (eine Million Euro für die drei Forscher) bisher nicht. Dafür sei die Nachricht zu frisch, sagt Nagel. Das Einzige, was er jetzt habe, sei ein Termin am 10. Dezember. Da findet die feierliche Übergabe der Nobelpreise in Stockholm statt. „Mehr weiß ich bislang nicht. Ich muss mir erst einmal einen Frack besorgen.“ Eins steht aber schon fest: „Ich nehme Frau und Tochter mit.“
Obwohl weder er noch sie der Typ für den kalten skandinavischen Winter seien: „Stockholm im Dezember ist schon speziell. Ich bin eher im Warmen unterwegs, eher in Italien – meine Frau erst recht“, sagt er lachend. Um seinen Nobelpreis entgegenzunehmen, macht der 73-Jährige aber gerne eine Ausnahme.
Dieser Artikel erschien zuerst bei BILD.
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