In dieser Lebensphase nehmen die Schmerzen am meisten zu
Irgendwann fängt es an. Ein Ziehen im unteren Rücken nach langem Sitzen, Kopfschmerzen nach einer durchwachten Nacht, Knieschmerzen beim Treppensteigen. Schmerz gehört zum Leben – aber wie er sich verändert, welche Formen wann auftreten und was ihn begünstigt, war bislang kaum systematisch untersucht worden.
Eine nun im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichte Studie liefert dazu erstmals eine globale Übersicht: Forscher haben Daten von mehr als sechs Millionen Menschen aus 118 Ländern ausgewertet, aus Erhebungen der Jahre 1990 bis 2025. Das Ergebnis widerspricht einem verbreiteten Bild.
Schmerz nimmt mit dem Alter nicht einfach stetig zu. Zwar steigt die Wahrscheinlichkeit, irgendwo am Körper Schmerzen zu haben, mit den Jahren, doch der stärkste Anstieg liegt bei allen untersuchten Schmerzarten vor dem 55. Lebensjahr. Danach flacht die Kurve ab, bei manchen Formen kehrt sie sich sogar um. Chronische Ganzkörperschmerzen werden im hohen Alter seltener gemeldet, nicht häufiger.
Je nach Körperregion zeigen sich dabei unterschiedliche Muster. Kopf- und Bauchschmerzen treten vor allem in jüngeren Jahrzehnten häufig auf, Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen erst im mittleren und höheren Alter. Rückenschmerzen im unteren Bereich zählen zu den häufigsten Schmerzformen weltweit; zusammen mit Kopfschmerzen gehören sie laut der Global Burden of Disease Study zu den Hauptursachen für mit Beeinträchtigung gelebte Lebensjahre.
Jonas Tesarz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz, fasste den zentralen Befund gegenüber dem Science Media Center (SMC) so zusammen: „Älterwerden bedeutet also nicht automatisch immer mehr und immer stärkeren Schmerz. Das spricht gegen die verbreitete Vorstellung, Schmerz sei im Wesentlichen eine zwangsläufige Folge von Alter und körperlichem Verschleiß.“
Besonders auffällig ist, was mit der schwersten Verlaufsform geschieht. „Chronic Widespread Pain“ bezeichnet chronische Schmerzen, die gleichzeitig in mehreren Körperregionen auftreten und etwa jeden Zehnten betreffen. Diese Form nimmt im hohen Alter ab.
Andreas Kopf, Oberarzt am Schmerz-, Palliativ- und PAIS-Zentrum der Charité-Universitätsmedizin Berlin, hob das hervor, ebenfalls gegenüber dem SMC: „Interessant erscheint mir, dass die Beobachtung bestätigt wurde, dass chronische ‚Ganzkörperschmerzen‘ im höheren Lebensalter nachlassen.“ Warum das so ist, lässt die Studie offen.
Rauchen, Übergewicht und niedriges Einkommen
Für die Studie wurden über 900 Datenquellen zusammengeführt. Dabei handelt es sich nicht um ärztliche Diagnosen, sondern um selbstberichtete Schmerzangaben. Miriam Kunz, Lehrstuhlinhaberin für Medizinische Psychologie und Soziologie an der Universität Augsburg, sieht darin im Gespräch mit dem SMC eine methodische Stärke: In Ländern mit eingeschränktem Zugang zur Versorgung bilde die Selbstauskunft die Schmerzlast besser ab als Diagnosestatistiken.
In West- und Osteuropa – also auch Deutschland – sowie Nord- und Lateinamerika ergibt sich ein klares Risikoprofil. Rauchen, Übergewicht und niedriges Einkommen erhöhen die Schmerzwahrscheinlichkeit. 22 bis 27 Prozent der Schmerzbelastung lassen sich dort auf diese Faktoren zurückführen. In Subsahara-Afrika und Südasien spielen sie eine geringere Rolle; dort scheinen körperliche Arbeit und mangelnder Zugang zu Schmerztherapie stärker ins Gewicht zu fallen.
„Besonders relevant finde ich, dass viele Schmerzarten bereits im mittleren Lebensalter, etwa um das 50. Lebensjahr, ihren Häufigkeitsgipfel erreichen“, sagte Kunz. Schmerzen träfen damit Menschen mitten im Erwerbsleben. Das werfe die Frage auf, ob Prävention nicht bereits deutlich früher im Lebensverlauf ansetzen sollte.
Nicht alle halten die Befunde für neu. Kopf urteilte: „Ich halte die Ergebnisse nicht für überraschend. Die relativen Häufigkeiten entsprechen den Berichten aus vorangegangenen Publikationen.“
Den eigentlichen Wert sieht er woanders: „Beeindruckender ist der Umfang der Publikation. Sie liefert gute Argumente, um die Schmerzmedizin in Ländern aufzubauen, in denen es dieses Fach bisher nicht gibt.“
Für konkrete Ableitungen im deutschen Kontext fehle dagegen die Basis: „Leider enthält die Studie keine Diskussion zu den Ursachen von Schmerzen, daher sind Schlussfolgerungen beispielsweise für Deutschland nicht abzuleiten.“
Damit benennt Kopf ein konzeptionelles Problem: Die Studie untersuche Schmerz als Symptom, nicht als Erkrankung. Wer nur fragt, ob jemand Schmerzen hat, ohne Leidensdruck und Einschränkungen zu erfassen, erhält hohe Zahlen – aber keinen Hinweis, wann zu intervenieren ist.
Tesarz formulierte es so: „Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob und wie stark ein Mensch Schmerzen hat, sondern wie sehr und woran dieser Mensch durch den Schmerz leidet.“ Einschränkungen im Alltag, psychische Belastungen – diese Dimensionen erfasse die Studie nicht, seien aber für Prävention und Therapie zentral.
Was die Arbeit leistet, ist dennoch erheblich. Sie räumt mit einer Gewissheit auf, die sich hartnäckig hält: dass der Körper mit dem Alter zwangsläufig immer mehr schmerzt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke