Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so viele Gespräche über Stuhlgang führe
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so viele Gespräche über Stuhlgang führen würde wie in den vergangenen zwei Wochen. Und ganz ehrlich: Das freut mich! Das Interview, das ich mit dem Gastroenterologen Heiner Wedemeyer geführt habe, wie gesunder Stuhl aussieht, wie oft man zur Toilette sollte und was man tun kann, wenn man nicht kann, hat sehr viele Leserinnen und Leser interessiert.
Vor allem aber ist mir bei all dem etwas aufgefallen, bei dem man jetzt aus Ekel die Augen verdrehen mag: Eine gute Verdauung braucht Zeit. Mein Gesprächspartner Heiner Wedemeyer hat mir im Interview erklärt, wie Stress unmittelbar auf den Darm wirken kann: Wer angespannt ist, sich schämt oder auf einer öffentlichen Toilette möglichst schnell wieder verschwinden möchte, kann den Stuhlgang sogar regelrecht blockieren.
Und auch sonst gilt: nicht nach 30 Sekunden wieder aufspringen, sondern dem Körper die Zeit geben, die er braucht. Eigentlich klingt das selbstverständlich. Aber wie oft leben wir genau andersherum?
Denn im Alltag fehlt diese Ruhe oft, wie mir einige Menschen berichteten. Sie haben auf Dienstreisen, Bahnfahrten oder im stressigen Alltag kaum Zeit, sich dafür ein paar Minuten zu nehmen. Es gibt im Büro zu wenig Rückzugsräume, in denen man wirklich allein in einer Kabine ist, ohne dass jemand zuhört. Und ja, ICE-Toiletten sind wahrlich keine Orte, an denen man sich wohlfühlt – es sei denn, der Zug ist gerade gestartet.
Und Verdauung beginnt ja schon bei der Nahrungsaufnahme: Wir essen zwischen zwei Terminen oder trinken morgens schnell einen Kaffee auf dem Weg zur U‑Bahn. Mittags geht es schnell in die Kantine oder man isst vor dem Computer im Homeoffice. Wie oft erleben wir, dass sich unser Körper meldet – wie kurzatmig, genervt oder erschöpft wir sind –, wir das aber unterdrücken müssen, um zu funktionieren. Und dann meldet sich auch noch die Blase oder der Darm. Nee, noch diese eine Mail, noch ein Anruf, noch schnell ins Meeting.
Unsere Verdauung ist ein Spiegelbild unseres Lebensstils. Mehr, als wir ahnen. Und unter der Woche ist das bei vielen Menschen anders als am ruhigeren Wochenende, wenn wir mehr zu Hause sein können, wo wir uns wohlfühlen, eigenes Essen zubereiten können und im Idealfall Muße und Rückzugsorte haben. Und griffbereit den Magen-Darm-Tee oder die Tageszeitung, wenn es nicht so rundläuft.
Der Gastroenterologe empfiehlt in unserem Interview auch keine komplizierten Wundermittel, sondern alltagstaugliche Lösungen, die man dennoch nicht oft genug verinnerlichen kann: eine ausgewogene, eher mediterran orientierte Ernährung, einen möglichst regelmäßigen Rhythmus – und genug Zeit für den Toilettengang. Und: über die eigenen Bedürfnisse sprechen, trotz Tabu und Scham.
Ich finde, wie (wenig) wir in Deutschland über Stuhlgang reden, offenbart viel Wahrheit über unseren Umgang mit Gesundheit: Wir wissen zwar, dass Ernährung wichtig ist, dass Stress uns nicht guttut und der Körper Pausen braucht. Und trotzdem behandeln wir den Besuch einer Toilette wie eine geheime Mission, wie etwas, das man in unser restliches Funktionieren reinquetschen muss. Dabei muss ja die Verdauung funktionieren, damit wir funktionieren.
Und ja, es gibt größere Probleme hierzulande. Es gibt politische Aufgaben zu lösen, wirtschaftliche Sorgen, die Angst machen. Man muss aus der eigenen Verdauung keine neue Selbstoptimierungsaufgabe machen. Vielleicht reicht es schon, manches wieder etwas bewusster zu tun: nicht jedes Mittagessen herunterzuschlingen und die Abende mit Stressessen bei Netflix zu beenden. Nicht zwischendurch auf die Toilette rennen und danach zum nächsten To-do eilen. Und dazu gehört auch, sich diese Minuten einzufordern.
„Ich bin beruflich sehr durchgetaktet“, erzählte mir der Gastroenterologe. Er sage dann durchaus zu Kollegen: „Ich benötige jetzt mal eine Pause, ich muss auf Toilette.“ Vielleicht ist das am Ende gar keine kleine Sache, sondern einfach eine vernünftige Herangehensweise, sich selbst ernst zu nehmen.
Dieser Text ist erstmals im „Wie das Leben so spielt“-Newsletter erschienen.
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