„Ich kann abends in mein Haus fahren und bin zurück in meinem eigenen Leben. Da bin ich frei“
Von außen betrachtet sieht das Gebäude aus wie ein gewöhnliches Altenpflegeheim. Der Eingang ist breit und mit Aushängen beklebt. Vor der Tür gibt es Parkplätze. Ein paar Stufen und eine Rollstuhlrampe führen hinauf zur Glastür. Dahinter verbirgt sich eine besondere Welt: das Demenzdorf „The Hogeweyk“.
Wer durch die automatische Glastür tritt, gelangt auf einen schulhofartigen Innenhof. 27 zweistöckige Häuser stehen dicht an dicht und fassen den Platz ein. Hinter den Mauern des Demenzdorfs ist der Straßenlärm verstummt.
„Hier führt mein Mann ein möglichst normales Leben und ist Teil einer Gemeinschaft“, sagt Mieke Kroeze. Seit sechs Monaten lebt ihr 85‑jähriger Mann in einem der 27 Häuser des Demenzdorfs im niederländischen Weesp, unweit von Amsterdam. Frau Kroeze kommt jeden Tag.
Von der Zeit vor dem Demenzdorf erzählt die Niederländerin im Restaurant von „The Hogeweyk“. Die 73-Jährige wirkt munter. Sie trägt ihr rotbraunes Haar im Kurzhaarschnitt. Eine große, runde Brille liegt auf ihrer Nase.
Jeden Tag besucht Mieke Kroeze ihren Mann Jan im DemenzdorfFrau Kroeze nimmt einen Schluck von ihrem Pfefferminztee. Dann erinnert sie sich an den Moment, der alles veränderte: Als sie mit ihrem Ehemann eine neue Küche mit Induktionsherd kaufte, habe das Drama seinen Lauf genommen. Zuerst sei die Freude bei beiden groß gewesen. Doch als er immer wieder vergessen hatte, wie man den Herd bedient, sei die Freude bald der Sorge gewichen, dass mit ihm etwas nicht stimme.
„Es war ein seltsames, unangenehmes Gefühl, ihm dabei zuzusehen, wie ihm die Erinnerung entglitt“, sagt Mieke Kroeze. Was zunächst nur ein Verdacht war, bestätigte sich. Jan, ihr damals 80-jähriger Mann, leidet an vaskulärer Demenz. Die Diagnose liegt fünf Jahre zurück.
Vaskuläre Demenz ist eine neurologische Erkrankung, die zu einem schrittweisen körperlichen Abbau führt. Verengte Gefäße stören die Durchblutung des Gehirns. Nervenzellen erhalten zu wenig Sauerstoff. Zunächst werden die Gedanken langsamer, die Bewegungen schwerfälliger. Nach der Diagnose bleiben noch etwa fünf Jahre.
Frau Kroeze tat also das, was viele Angehörige tun: eine Entscheidung treffen, wie es mit ihrem Mann weitergeht. „Wir haben entschieden, dass er hier im Demenzdorf leben wird“, sagt die 73‑Jährige. Damals habe sie stark gezweifelt. Heute sind diese Zweifel verflogen. Stattdessen strahlt sie Zufriedenheit aus. „Ich darf Jan jeden Tag zu jeder Zeit besuchen, dürfte hier sogar übernachten. Manchmal koche ich für alle“, erzählt sie.
Heute ist Herr Kroeze ein Pflegefall. Die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass ihm die Kraft fehlt, zu laufen oder zu stehen. Pfleger schieben ihn im Rollstuhl umher. Der 85-Jährige hat seine Sprache verloren, seine Frau erkennt er nur an guten Tagen. „Er ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe. Wir führen nicht mehr dieselben Gespräche und streiten nicht mehr“, erzählt sie. Die Pflege ihres Mannes sei eine enorme Belastung gewesen; ständig seien fremde Menschen im Haus gewesen, um ihrem Ehemann beim Anziehen und Zubettgehen zu helfen.
Dass Herr Kroeze im Demenzdorf lebt, ist für seine Frau eine Erleichterung. „Ich kann abends in mein Haus fahren und bin zurück in meinem eigenen Leben. Da bin ich frei“, sagt sie.
Bäume begrünen den Innenhof des Demenzdorfs. Überquert man den Platz, steht man inmitten eines Boulevards. Rechts und links befinden sich kleine Läden. Da gibt es einen Friseur, ein Veranstaltungsbüro, einen Supermarkt, eine Werkstatt für Haushaltsgeräte. Still und mit wenig Menschen belebt ist die Straße, wie eine Einkaufs-Mall an einem Sonntag. In Schaufenstern stehen angestaubte Miniaturlandschaften.
Die Wohnhäuser der Bewohner umgeben den PlatzAuf dem gesamten Gelände befinden sich Sitzbänke. Ein Springbrunnen steht in einem flachen Wasserbecken. Die oberen Stockwerke der Häuser sind teils durch Brücken mit hohem Geländer verbunden und bilden Tunnel zum Drunterhergehen. Kleine Plastikenten stehen im Gras um einen Teich herum.
Dazwischen sind Menschen. Die meisten sind allein unterwegs. Einige besuchen den Supermarkt, andere halten ein Pläuschchen – worüber Männer und Frauen zwischen 55 und 100 Jahren sich eben austauschen. Dass der eine dabei einen Schlafanzug trägt, der andere ein Hemd, das nicht zur Hose passt, spielt keine Rolle. Manche sitzen vor ihren Häusern in Gartenstühlen, lassen ihr Gesicht von der Sonne wärmen und halten eine Zeitung in den Händen, die schon im vergangenen Jahr gedruckt wurde. Einige schieben große, leere Einkaufswagen vor sich her und lassen sie mitten auf dem Freiluftschachbrett stehen. Feierabend.
„Das Demenzdorf sieht an vielen Stellen unterschiedlich aus“, erklärt Eloy van Hal. Der Niederländer gründete vor 17 Jahren das Demenzdorf mit. „Es hilft den Menschen dabei, sich zu orientieren. Auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz können lernen, sich hier zurechtzufinden.“ Manche Bewohner würden täglich mehrere Kilometer durch das Demenzdorf gehen. Immer den gleichen Weg, zehn, 20 Mal, den ganzen Tag.
Niemand hat bisher erforscht, ob es den Bewohnern eines Demenzdorfes nachweislich besser geht als denen, die in traditionellen Pflegeheimen leben. Eine Studie aus dem Jahr 2022 legt jedoch nahe, dass regelmäßige körperliche Aktivität dazu beiträgt, dass Menschen mit Demenz länger selbstständig leben können.
Eloy van Hal„The Hogeweyk“ gilt seit der Gründung als Vorbild für Pflegeeinrichtungen. Derzeit betreut er auch ein Projekt in Deutschland. In Görlitz soll ein Pflegeheim zu einem Demenzdorf umgebaut werden.
Die Vision des Demenzdorfs: Betroffene nicht als Patienten zu sehen, sondern als Menschen. Insgesamt 188 Personen leben im Demenzdorf. Nur wer an einer fortgeschrittenen Form der Demenz leidet, darf in eines der Häuser einziehen. Die Bewohner zahlen einen Eigenanteil an den niederländischen Staat, abhängig von ihrem Einkommen, zwischen 200 und 2500 Euro pro Monat.
Zum Vergleich: In Deutschland zahlen Betroffene in dem renommierten Demenzdorf „Tönebön“ den höchsten Eigenanteil bundesweit mit 4244 Euro. Das zeigte eine Recherche aus dem Jahr 2025 der Lokalzeitung „Dewezet“.
Ein Mann bleibt stehen und spricht van Hal an. Er heißt Joost, ist klein gewachsen, trägt ein kariertes Hemd mit Hosenträgern. Er knetet unruhig seine Hände, runzelt besorgt die Stirn. Joost tritt nervös auf der Stelle.
Joost: „Hallo.“
Van Hal: „Hallo, kann ich dir helfen?“
Joost: „Ich suche meine Frau.“
Van Hal: „Oh, wie heißt sie?“
Joost: „Marianne.“
Van Hal: „Falls ich sie sehe, sage ich dir Bescheid. Welche Haarfarbe trägt sie? Ist sie blond oder braunhaarig?“
Joost: „Irgendwas dazwischen.“
Van Hal: „Gut. Wenn ich Marianne sehe, gebe ich dir Bescheid.“
Joost: „Ja, ja, gut, danke.“
Das kurze Gespräch lässt Joost aufatmen. Er lächelt erleichtert und schaut zu Boden. Dann geht Joost weiter. An diesem Tag wird er noch viele Male fragen, ob jemand seine Frau gesehen habe. So wie er das die letzten Monate getan hat und dies auch künftig tun wird. Die Erinnerung an seine Frau wird immer schneller verblassen. Bald wird Joost seine Frau ganz vergessen haben.
Im Demenzdorf wandelt jeder Bewohner durch seine eigene Welt. Eine Welt, die aus den wenigen verbliebenen Erinnerungen besteht. Mal näher an der Realität, mal ganz fern. Wer Menschen mit Demenz mit ihren Fehlern konfrontiert, verursacht Aggression, Trauer und zusätzliche Verwirrung. „Wenn es die Person glücklich macht, dann kann man sie in ihrer unwahren Geschichte unterstützen“, sagt Van Hal.
Ziel sei es, auf jeden Menschen individuell einzugehen. „Wenn ein Mensch hier im Demenzdorf einzieht, nimmt er durchschnittlich acht verschiedene Medikamente“, sagt Van Hal. „Unser speziell beauftragter Facharzt überprüft dann die Medikamente und entscheidet, welche Pillen abgesetzt werden können. Im Durchschnitt wird die Anzahl der Medikamente um die Hälfte reduziert.“
Van Hal hält vor dem Theater. Zu beiden Seiten der ausladenden Bühne hängen schwere Vorhänge. Einmal in der Woche finden hier Tanz- und Singabende statt. Bewohner und deren Angehörige können hier zusammenkommen.
Zwei Häuser weiter bleibt van Hal vor einem Haus stehen. Insgesamt sieben Menschen mit Demenz wohnen darin. Von der Haustür gelangt man in ein weitläufiges Wohnzimmer. Darin stehen Möbel im Retro-Stil: Sofas, Sessel, ein großer Esstisch. In der Ecke eine Küche. Jeder Bewohner darf sich selbst am Kühlschrank bedienen, auch Angehörige dürfen dort kochen.
Jedes Haus hat seinen eigenen Stil. Ein Fragebogen ermittelt, welches Haus zu welchem Bewohner passt. Ist die Person viel gereist? Spricht sie andere Sprachen oder hat sie in einer Großstadt gelebt? Wer das mit „Ja“ beantworten kann, sollte in das kosmopolitische Haus einziehen. Darin gibt es Pink und Rot als Wandfarbe und buntes, extrovertiertes Interieur. Bei den Antworten helfen die Angehörigen. Insgesamt gibt es vier Stile: traditionell, urban, kosmopolitisch und formell.
Das Wohnzimmer liegt in einem der traditionellen Häuser. „In diesem Haus hier leben nur traditionelle Niederländer, die Kartoffeln, Gemüse und Fleisch mögen“, erklärt van Hal. An den Wänden hängen gedruckte Kopien berühmter Gemälde. Klassische Möbel in Braun und Beige, Kategorie Traditionell.
Das Wohnzimmer im traditionellen HausDoch das Konzept funktioniere nicht für alle, es sei auch schon mal gescheitert: Einmal zog ein Mann ins Demenzdorf. Er nahm Bilder von den Wänden, verschob Möbel an einen anderen Ort, räumte die Dekoration um. Das Verhalten verschlimmerte sich. Irgendwann zog der Mann in ein anderes Haus, doch er blieb rastlos. Immer auf der Suche nach Orientierung. In einem anderen Fall wurde eine Frau gegenüber anderen Bewohnern aggressiv. Sie musste ausziehen.
Van Hal, der Jeans und Sakko trägt, ist das, was man einen Macher nennen würde. Er kann besser reden als zuhören. Seine Botschaft: „Menschen mit Demenz sind etwas anderes als Demenzkranke. Deswegen sprechen wir nur von Menschen mit Demenz“, betont er. Im Demenzdorf dürften sich alle Bewohner auf dem gesamten Gelände frei bewegen. Tag und Nacht.
Einige Bewohner tragen ihren Zimmerschlüssel bei sich. Doch was, wenn einer den Schlüssel verliert? „Genau das ist das institutionelle Denken, gegen das ich kämpfe.“ Als würde sich für ihn die Frage nicht stellen, antwortet er: „Dann lösen wir das.“ Van Hals Prinzip: „Wir konzentrieren uns nicht auf jeden Vorfall, der passieren könnte. Wir lösen die Vorfälle, die tatsächlich passieren.“
Ein Heimbetreuer und ein Pfleger kümmern sich jeweils um ein Haus. Sie kochen, putzen und waschen Wäsche. Das Personal hilft einigen Bewohnern auch beim Duschen, Anziehen und den täglichen Medikamenten. „Das vertraute Gesicht ist die Grundlage. Die Menschen, die hier arbeiten, kennen ihre speziellen ‚Mitbewohner‘ gut. Sie kennen deren Lebensgeschichten, Eigenheiten, Routinen. Erst dann funktioniert das Konzept“, erklärt van Hal.
Anne van den Brink pflegt seit vielen Jahren die Bewohner im traditionellen HausAnne van den Brink ist eines dieser vertrauten Gesichter. Die gelernte Altenpflegerin ist 36 Jahre alt. Seit zehn Jahren arbeitet sie im Demenzdorf. „Die Menschen, die hier leben, haben ihren eigenen Rhythmus“, weiß van den Brink. „Morgens decke ich den Tisch und warte, bis sie aufwachen und sich dazusetzen. Jeder frühstückt, wie er schon immer gefrühstückt hat.“
Van den Brink kennt die Vorlieben ihrer Truppe – und fordert sie auch: Einkaufen, Gemüsekleinschneiden, Kochen, Tischdecken. „Sie fordern ihr Gehirn und sind aktiv. Dann fühlen sie sich gebraucht.“ Für van den Brink der Sinn des Lebens.
Auch Mieke Kroeze, die jeden Tag hierher ins Demenzdorf kommt, um ihren Mann zu besuchen, fühlt sich gebraucht. Denn sie wird heute mit den Mitbewohnern ihres Mannes Jan kochen. Nach dem Essen wird sie ihn wie gewohnt verabschieden, ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund geben, beim Gehen winken und das Demenzdorf durch die automatische Glastür verlassen. Frau Kroeze kehrt dann in ihre Welt zurück. Ihr Mann bleibt im Dorf, das längst zu seiner Welt geworden ist.
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