Die Frau, die mit 91 allein im Wald lebt und gesünder ist als die meisten anderen
Britta von Boguslawski greift tief in den Eimer. „Sonnenblumenkerne“, steht in roten Buchstaben auf dem transparenten Plastik. Dann streut die Frau mit den schneeweißen Haaren das Futter auf das Dach ihres hölzernen Vogelfutterhauses. Ein Teil der Kerne rieselt auf den Waldboden. „Oben für die Vögel, unten für die Mäuschen“, sagt von Boguslawski und lacht. Das Vogelhaus hatte sie vor einiger Zeit selbst hier errichtet. Genauso wie 26 weitere Häuschen, die rund um ihr kleines Waldhaus stehen.
Die Sonne brennt an diesem sommerlichen Vormittag auf der Haut. Mitten im oberbayerischen Wald, südlich vom Starnberger See, fährt man fünf Minuten von der Landstraße über einen kleinen Schotterpfad in den Wald, um auf einem kleinen Hügel zwischen hohen Bäumen das Haus zu erreichen, das für Britta von Boguslawski Heimat bedeutet. Hier lebt sie seit mehr als drei Jahrzehnten allein im Wald.
Unten, im nahegelegenen Eberfing, ist die Bayerin bekannt. Die Dorfbewohner nennen sie die „Waldfrau“. Von Boguslawski kennt ihren Spitznamen. „Für sie bin ich die Spinnerin, die im Wald wohnt“, erzählt sie und winkt ab. Die Kraft für ihr autarkes Leben mit 91 Jahren scheint die zierliche Frau auch aus ihrer Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit zu ziehen. „Ich habe das einfache Leben hier in der Natur. Damit habe ich alles und brauche nichts“, erzählt sie. Im Wald habe sie alle Freiheiten und Ruhe – und ihre Routinen.
Dazu zählt ihr morgendliches Ritual: Je nach Jahreszeit zwischen halb sechs und halb neun Uhr am Morgen aufstehen, um als Erstes die Vögel und die „Füchslein“, die in einem Bau unweit ihres Hauses leben, zu füttern. „Manchmal kommt einer, manchmal zwei. Sie raufen auch miteinander um das Futter.“
Die Tiere wüssten, erzählt sie, dass sie jeden Morgen an den „gedeckten Tisch“ kommen könnten – trockene Brötchen und Wurst, die von Boguslawski aufbewahrt und morgens über den Zaun wirft. Jener Zaun, der ihr Haus von der Außenwelt trennt – ihr kleines Reich im oberbayerischen Wald.
Jeden Morgen befüllt Britta von Boguslawski 27 Vogelhäuser mit FutterDas weiße Haar der Waldfrau reicht bis zu ihren Schultern. Ihre gebräunte Haut verrät, dass sie die meiste Zeit des Tages unter freiem Himmel verbringt. Um ihren Hals liegt eine silberne Kette, daran hängt ein Kreuz. Als Frau von Boguslawski WELT begrüßt, trägt sie eine dunkle Stoffhose. Dazu ein grünes, weit geschnittenes T‑Shirt. „Vom Aldi“, sagt sie und greift in den Saum.
Als die 91-Jährige ihre morgendliche Futterrunde beendet hat, lässt sie sich in einen grünen Plastikstuhl unter dem Dach ihrer Terrasse sinken. Von hier aus blickt von Boguslawski Tag für Tag in die Ferne, auf die schemenhaften Umrisse der Zugspitze. Auch die Berge, die sich etwa eine Autostunde entfernt erheben, brauche sie zum Leben, sagt die Waldfrau. „Ich bin hier aufgewachsen, auch mein Vater lebte viele Jahrzehnte hier.“
Zweimal war von Boguslawski in ihrem Leben verheiratet, heute ist sie verwitwet und lebt von der Pension ihres verstorbenen Mannes. Als ihr Vater starb, der in dem Waldhaus gelebt hatte, zog sie dort ein. Seitdem öffnet sie ihre Türen auch für die Tiere im Wald. Siebenschläfer, Mäuse und Vögel spazieren ein und aus. Wo andere den Kammerjäger rufen, greift von Boguslawski behutsam zu, wenn sich ein Tier in ihrer Wohnung verirrt.
Ihre Nächte verbringt die Bayerin auf ihrer Terrasse. Dort steht ein Bett. „Schon mein Vater schlief immer draußen“, erzählt sie. Ob sie sich noch an ihre erste Nacht unter freiem Himmel erinnern könne? „Selbstverständlich“, antwortet die Waldfrau. „Da war ich ein kleines Kind. Es ist für mich ganz natürlich.“
Das Bett, in dem die Waldfrau nachts schläft, steht unter dem Dach der TerrasseOb es regne, schneie oder sogar friere – auf die frische Nachtluft verzichtet von Boguslawski nie. „Einmal wachte ich morgens auf und hatte eine dünne Schneedecke auf meinem Gesicht. Dann musste ich mich erst mal freischaufeln“, sagt sie und lacht.
Wer ihre Heiterkeit erlebt, vergisst das Alter der Waldfrau. Sie spricht schnell, bewegt sich leichtfüßig. Trotzdem spüre sie das Altern: „Ich bin empfindlicher geworden. Sowohl körperlich als auch seelisch“, sagt von Boguslawski. „Mittlerweile habe ich eine Heizdecke, die stelle ich eine halbe Stunde vor dem Schlafen an. Dann ist es kuschelig warm, wunderbar.“
Die allgemein bekannte Angst vor dem Wald ist ihr unbekannt. Stattdessen pflegt die Waldfrau ein beinahe freundschaftliches Verhältnis mit den Lebewesen, die sie umgeben: mit den Füchsen, den Rehen, den Siebenschläfern, Mäusen und den Dutzenden von Wildvögeln, deren Namen – darunter Gimpel, Sperling, Ringeltaube, Drossel – die Waldfrau alle kennt.
Über ihrem Schlafplatz hängen viele kleine Holzrahmen mit Fotos. Darauf zu sehen: ein Zwergdackel. „Das ist Shyla“, erklärt von Boguslawski wehmütig und erzählt von den Zeiten, als Shyla jede Nacht im Haus schlief, während sie in ihrem Bett auf der Terrasse lag. „Shyla blieb nachts in meinem Kinderbett“, erzählt sie. Erst, als es mit ihrem Zwergdackel zu Ende ging, verbrachte von Boguslawski eine Nacht in ihrer Wohnung. Es war die erste seit Jahrzehnten. „Ich habe nur eine Nacht drinnen gelegen und sie beobachtet“, erinnert sie sich. Von da an lagen die Waldfrau und ihre treue Begleiterin gemeinsam im Bett unter den Sternen.
Vor wenigen Wochen ist Shyla gestorben. „Es ist sehr schwer für mich, sie war 18 Jahre lang bei mir.“ Für einen Moment trauert sie still. „Sie war ein ausgezeichneter Jagdhund und Begleiter.“
Kraft schöpft von Boguslawski in ihrem festen Glauben. „Ich erfreue mich trotzdem jeden Tag daran, dass es mich gibt, weil Gott mich erschaffen hat. Er hat mir diese Möglichkeit gegeben, hier im Wald zu leben. Das ist kein Verdienst, sondern Gnade.“
Bei ihrer Ernährung setzt die Waldfrau auf Beständigkeit. „Das ist meine kleine Speisekammer“, sagt sie und zeigt auf ein Netz Zitronen, das an einem Nagel in der Wand baumelt. Hier lagert sie Obst und Gemüse. Dann geht sie ins Haus, das Gästen wie eine kleine Höhle vorkommen kann.
Die kleinen Fenster lassen nur wenig Licht von draußen herein. Der erdige Duft des Waldes liegt in der Luft. In der Küche hängen schwere grüne Vorhänge an den kleinen Fenstern, die mit Blumen verziert sind. Gegenüber von der Küche steht ein Holztisch, bereits gedeckt.
Daneben befindet sich ein mit Schüsseln bestücktes Tablett. Darin: Leinsamen, Sesamkörner, Kümmel, Selen, Magnesium, Eisen, Ingwer. Getrocknete Wacholderbeeren sollen auch sehr gut für die Gesundheit sein, das hätten tibetische Mönche in einer Fernsehdokumentation erzählt, sagt sie.
Die 91-Jährige trinkt jeden Mittag drei Esslöffel OlivenölDie Küche von Britta von BoguslawskiMorgens isst sie eine Scheibe Vollkorntoast zum Frühstück. Jeden Mittag Blaubeeren, Sahnejoghurt, eine Banane, sechs Walnüsse und drei Esslöffel Olivenöl. Das Abendmahl fällt spartanischer aus: ein Hühnerei und eine Toastscheibe mit Käse. „Mein Vater war sehr asketisch und schlank. Er ist noch immer mein großes Vorbild.“ Auch deswegen war es ihr wichtig, das verwunschene Haus zu erhalten.
Hilfe von Freunden und Bekannten braucht die Waldfrau erst seit einigen Wochen – etwa beim Zurückschneiden der Sträucher und Bäume oder beim Säubern der von Laub verstopften Dachrinnen. Lange bewältigte sie solche Arbeiten eigenständig. Für kleinere Reparaturen steigt von Boguslawski auch mit über 90 noch selbst aufs Dach. Einmal pro Woche fährt sie mit ihrem Auto ins Dorf, um einzukaufen.
Doch das allein hält sie nicht fit. Dackelwelpenspielstunde, Damenturnen, Englischkurse in der Volkshochschule – das mache sie alles schon seit Jahrzehnten, so von Boguslawski. „Jeweils einmal pro Woche.“ Warum sie das macht? „Mir macht es Spaß, gesund zu leben.“ Denn sie weiß, wie es anders ist.
Und dann erzählt von Boguslawski, wie sich vor 27 Jahren der Darm- und Leberkrebs in ihrem Körper ausbreitete. Ärzte schnitten ihr bei mehreren Operationen die Tumore heraus. „Seitdem bin ich gesund. Körper und Geist funktionieren.“ Zwei auf dem Teller drapierte Tabletten verschwinden in ihrem Mund. Ein Glas Wasser hinterher.
Einsam habe sie sich im Wald niemals gefühlt, sagt Britta von Boguslawski. Das sei nur der Fall gewesen, als sie sieben Jahre lang mit ihrem Mann, einem Nato-Soldaten, in Brüssel lebte. „In der Zeit habe ich furchtbar gelitten“, sagt sie. „In Belgien gibt es kaum Berge und keine gescheiten Bäume, so wie hier. Ich war sehr traurig, hatte Heimweh und habe mich hierher gesehnt.“
Heute hat von Boguslawski die Wahl: Wenn sie will, verlässt sie die Waldruhe, begibt sich in die Stadt, umgibt sich mit anderen Menschen. Ihre „Dackelfreunde“, erzählt die Waldfrau, kämen regelmäßig mit ihren Hunden zu ihrem Waldhaus. Bei Feierlichkeiten gebe sie auch mal Eierlikör oder Schnaps aus, ansonsten gebe es bei ihr keinen Alkohol. Na gut, bis auf das Bier, das sie zum Wiener Schnitzel trinke, das sie so gern im örtlichen Gasthof bestelle. Dann treibt es sie meist schnell zurück in die Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes.
Beim Abschied deutet Britta von Boguslawski auf die kleine Holzbank in ihrer Küche, auf der ein großes Kissen liegt. „Da hat meine Shyla immer gesessen, wenn ich gegessen habe“, erzählt sie. „Bald wird dort Maya liegen.“ So heißt der Dackelwelpe, der bald im Waldhaus einzieht. Denn so ganz allein möchte die Frau, die von sich behauptet, nie einsam zu sein, ihr Leben doch nicht verbringen. In wenigen Wochen schläft Maya im Haus und die Waldfrau draußen auf ihrer Terrasse.
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