„Hätte mir jemand gesagt, dass ich dieses Jahr gewinnen werde, hätte ich laut gelacht“
Max Verstappen ist es gewohnt, um die Weltmeisterschaft zu fahren. In der letzten Saison musste er Lando Norris nur um zwei Punkte den Vortritt lassen, davor holte er seine vier Titel in Serie. Dieses Jahr ist anders. Vor allem in der ersten Saisonhälfte lief bei Red Bull nichts zusammen. Verstappen zeigte sich teilweise derart frustriert, dass sogar über einen Abschied diskutiert wurde. Inzwischen hat jedoch bis 2030 verlängert. Mercedes-Pilot Kimi Antonelli wird sich am Sonntag in Mexiko (21 Uhr/Sky) mit hoher Wahrscheinlichkeit vorzeitig zum Champion krönen.
Frage: Herr Verstappen, lesen Sie gerne?
Max Verstappen: Nein.
Frage: Machen Sie für die Autobiografie Ihres Ex-Teamchefs, Christian Horner, eine Ausnahme?
Verstappen: Nein. Ich war ja bei vielen der dort beschriebenen Situationen dabei und weiß daher, was passiert ist. Zumal ich mich generell lieber mit der Zukunft als mit der Vergangenheit beschäftige.
Frage: Kann Red Bull künftig wieder um Siege und Weltmeisterschaften kämpfen?
Verstappen: Wenn man sieht, wo wir am Anfang der Saison standen und wo wir jetzt sind, geht es auf jeden Fall in die richtige Richtung. Und natürlich ist es unser Anspruch, dass wir Siege und Titel einfahren. Aber ob das zeitnah auch wieder so sein wird, kann niemand vorhersehen. Dafür sind wir mit dieser Saison selbst das beste Beispiel. Hätte mir jemand nach den ersten Rennen gesagt, dass ich dieses Jahr einen Grand Prix gewinnen werde, hätte ich laut gelacht. Von zwei Siegen ganz zu schweigen.
Frage: Wie hat das Team die Kurve bekommen?
Verstappen: Wir haben uns auf die Dinge konzentriert, die wirklich wichtig sind, und alle an einem Strang gezogen.
Frage: Das macht einen Euro ins Phrasenschwein.
Verstappen: (lacht) Okay – aber es ist die Wahrheit. Was selbstverständlich klingt, hatten wir lange nicht. Nach einer turbulenten Phase wird jetzt wieder so gearbeitet, wie es bei einem Formel-1-Team laufen sollte. Wir haben Ruhe und sind nur auf die Performance des Autos fokussiert.
Frage: Die vergangenen Jahre waren von einem Machtkampf der mittlerweile entlassenen Leitbullen Horner und Helmut Marko geprägt.
Verstappen: Die Stimmung im Team hat sich seitdem verändert. Genau das, was die Verantwortlichen mit den Personalentscheidungen bewirken wollten, ist eingetreten. Wir sind wieder ein Team, eine Einheit.
Frage: Auf die dominanten Leitbullen ist Laurent Mekies gefolgt. Der war im Gegensatz zu Horner und Marko selbst nie Rennfahrer, sondern Ingenieur.
Verstappen: Ja, aber nur weil Laurent kein Lautsprecher ist, der die Öffentlichkeit sucht, heißt es nicht, dass er kein starker Leader ist. Er lebt das vor, was er vom Rest des Teams erwartet. Fleiß und Leidenschaft. Zumal er mit seiner Art das gesamte Team abholt.
Verstappen (l.) und Teamchef Laurent Mekies haben ein gutes VerhältnisFrage: Erklären Sie das bitte.
Verstappen: Laurent spricht die Sprache der Ingenieure, aber auch der Marketing-Leute. Er ist ein richtig guter Mensch mit einem großen Herzen. Wir sprechen über alles. Über die Formel 1, aber auch über das Leben.
Frage: Zum Beispiel?
Verstappen: Wir sind beide Väter. Er hat da schon ein bisschen mehr Erfahrung, aber natürlich tauschen wir uns über die Familien aus. Er ist empathisch und mitfühlend. Das ist in der Formel 1 nicht selbstverständlich. Es ist toll, unter und mit ihm zu arbeiten. Wenn mich jemand fragen würde, gegen welchen Teamchef ich ihn aus dem Fahrerlager eintauschen wollen würde, gäbe es keinen.
Frage: Ein großes Kompliment. Immerhin wurde Ihnen in der Vergangenheit eine Nähe zu Mercedes-Boss Toto Wolff nachgesagt.
Verstappen: Es wird immer viel geredet, und es ist auch kein Geheimnis, dass wir uns gut verstehen, aber Laurent ist genau der richtige Teamchef für Red Bull. Er ist sehr tief in den Themen drin und kennt sich bis ins kleinste Detail aus. Beim Motor, beim Chassis – eigentlich überall. Unsere Gespräche werden teilweise so spezifisch, dass sogar mein Vater manchmal nicht mehr folgen kann.
Frage: Red Bull ist derzeit das formstärkste Team, stand bei den sechs vergangenen Grands Prix auf dem Podium.
Verstappen: Das ist der Beleg, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Jetzt geht es darum, dass wir davon nicht abkommen und weiter hart arbeiten. Es gibt noch viele Dinge, die wir zu verbessern haben.
Frage: Klären Sie uns auf.
Verstappen: Die generelle Performance. Nur, weil wir zuletzt wieder gewonnen haben, heißt das nicht automatisch, dass wir auch die Besten sind. Aber es zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Davon dürfen wir jetzt nicht abkommen. Aber da sehe ich auch keine Gefahr. Wir haben die richtigen Leute auf den richtigen Positionen.
Frage: Das scheint nach langer Zeit auch mal wieder für einen Ihrer Teamkollegen zu gelten. Isack Hadjar überzeugt.
Verstappen: Er macht es gut, ja! Für ihn war es zu Saisonbeginn nicht einfach, weil das Auto so kompliziert war und er erst in seiner zweiten Saison ist. Aber seitdem stand er zweimal auf dem Podium. Das ist für das Team wichtig.
Frage: Sie spielen auf die Konstrukteursmeisterschaft an.
Verstappen: Nicht wirklich. Ich sage dem Team immer: „Gebt mir ein schnelles Auto, dann haben wir alle ein besseres Leben“. Dass man die Konstrukteurs-WM auch mit nur einem Fahrer gewinnen kann, habe ich 2023 gezeigt.
Frage: Dort siegten Sie bei 19 von 22 Grands Prix.
Verstappen: Für viele war das langweilig, aber ich fand das klasse (lacht). Das hätte ich gerne wieder!
Frage: Ihr größter Konkurrent scheint dabei Kimi Antonelli zu werden. Der Mercedes-Pilot krönt sich dieses Jahr zum Champion.
Verstappen: Er ist ein Ausnahmetalent. Dieses Jahr ist er phänomenal gefahren, und da kommt in Zukunft noch mehr. Er hat noch nicht 100 Prozent seines Talents ausgeschöpft, und auch der Gewinn der WM wird ihn noch besser machen.
Frage: Warum?
Verstappen: Wenn du einmal Weltmeister warst, wirst du ruhiger. Du hast dein Lebensziel erfüllt, gehst entspannter in Rennwochenenden.
Frage: Das trifft auch auf Lewis Hamilton zu. Oder ist der nächstes Jahr mit 42 Jahren zu alt?
Verstappen: Alter sollte heutzutage keine Rolle mehr spielen, aber er wird wahrscheinlich nicht mehr schneller. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass Lewis langsamer wird, bloß einfach nicht mehr schneller. Das ist bei Kimi anders. Da kommt noch mehr.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT,„Bild“, „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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