Wieder Oktober, wieder in München, wieder Top-Spiel. Während Borussia Dortmund vor rund einem Jahr am 7. Spieltag bereits mit vier Punkten Rückstand auf den Rekordmeister anreiste, sind die beiden Klubs nach sieben Spielen nun punktgleich. Die Liga darf von einem Meisterkampf träumen.

Vor dem Gipfel in München sprechen Dortmunds wichtigste Bosse: Carsten Cramer, der zuletzt zum Vorsitzenden der Geschäftsführung aufgestiegen ist, sowie Sport-Boss Lars Ricken.

Frage: Herr Cramer, Herr Ricken, zuletzt haben Sie Ihre Verträge langfristig verlängert. Wie liefen die Gespräche ab?

Carsten Cramer: Mit jedem von uns hat Aki Watzke persönlich gesprochen, als Präsident ist er federführend für unsere Verträge zuständig. Für mich selbst war klar, dass ich die Aufgabe sehr gerne weitermachen möchte, und ich hatte nicht das Gefühl, dass es vom Präsidialausschuss anders gesehen wurde. Deshalb war es ein recht kurzes Gespräch.

Lars Ricken: Unser Gespräch dauerte rund eine Stunde. Es ging dabei natürlich vor allem um sportliche Themen zwischen Aki und mir. Wie wir uns entwickelt haben, was wir nun vorhaben. Die Vertragsinhalte hatten wir in weniger als zehn Minuten geklärt.

Frage: Was haben Sie denn konkret vor?

Ricken: Zunächst einmal möchte ich Akis Tradition folgen: Gerade in Zeiten, in denen es vielleicht auch mal nicht so rund läuft, für den Verein da zu sein. Dazu fühle ich mich verpflichtet. Am Ende des Tages machen wir unsere tägliche Arbeit für diesen großen Verein und für seine Fans, das ist mir bewusst. Zu Ihrer Frage: Wir wollen unsere Mannschaft weiterentwickeln, haben sie weiter verjüngt. Sicher ist es dabei auch ein Ziel, unseren Kader noch werthaltiger aufzustellen. Und wir machen uns natürlich auch in Zukunft Gedanken, wo wir Kosten einsparen können, ohne dadurch an Substanz zu verlieren.

Frage: Wurde auch über Titel-Ziele gesprochen?

Cramer: Es ist doch unstrittig, dass wir der maximal ambitionierte BVB bleiben wollen. Natürlich könnten wir sagen: Wir wollen in den kommenden drei Jahren zweimal ins Pokal-Endspiel einziehen und einmal Deutscher Meister werden. Aber das holt uns schon am Tage der Veröffentlichung ein. Wir kommen nicht übers Ankündigen und Quatschen, sondern übers Machen. Wir wollen jeden Tag besser werden, müssen noch kreativer werden. Und wir wollen noch mehr Menschen und Partner für den BVB begeistern und diesen zeigen, was für ein toller Verein wir sind. Da können wir noch wachsen, das ist unser Potenzial. Das wird allerdings nicht in die Dimensionen führen, die wir nun in München sehen.

Frage: Sie sprechen den Viessmann-Deal an. Das Unternehmen steigt beim FC Bayern als Anteilseigner ein – und zahlt dafür rund 250 Millionen Euro.

Cramer: Ein großes Kompliment dafür. Der Einstieg zeigt aber natürlich auch auf, wie groß der Vorsprung der Bayern ist. Wir würden uns gegen einen so werthaltigen Deal sicher auch nicht wehren, diese wirtschaftliche Dimension ist jedoch eine deutlich andere Kategorie. Das muss man auch so ehrlich sagen. Darüber beklagen wir uns nicht. Aber er hilft, die Lage in der Liga einzuordnen.

Ricken: Für uns geht es deshalb noch mehr um Detailarbeit. Das geht bei unserem neuen Greenkeeper los, der unsere Rasenplätze noch besser aufbereitet. Wir haben den athletischen Bereich nochmals verbessert, haben unser Analyse-Team verstärkt. Die Bayern sind uns finanziell enteilt. Und trotzdem werden wir nicht schon vor einer Saison kapitulieren und wollen sie schlagen, wenn wir gegen sie spielen.

Frage: An welchem Spieltag dieser Saison müssten der BVB und Bayern punktgleich sein, damit Sie sagen: Wir wollen Deutscher Meister werden?!

Cramer: Zumindest definitiv nicht am 8. Spieltag (lacht). Ich bleibe dabei: Wer laut ist, wird dadurch nicht unbedingt besser oder gar schneller zum Ziel kommen.

Frage: Ist das nicht falsche Zurückhaltung?

Cramer: Nein. Weil es an unseren Ambitionen nichts ändert. Eine der Schwächen der Liga besteht darin, dass wir einen sehr einseitigen Meisterkampf haben. Das Schöne aus unserer Sicht ist aber: Wenn einem Verein zugetraut wird, den Bayern Paroli zu bieten, wird immer Borussia Dortmund genannt. Das muss man sich erst einmal erarbeiten. Keinem Verein ist es in der Historie gelungen, das langfristig zu schaffen. Wir schaffen das aber nun schon sehr lange, obwohl die Möglichkeiten der anderen Klubs nicht gänzlich anders sind. Das finde ich bemerkenswert – und hat gleichzeitig einen Nachteil.

Frage: Welchen?

Cramer: Wir merken auch, dass die Erwartungshaltung an uns unfassbar hoch ist, insbesondere im eigenen Umfeld. Kein Klub wird so kritisch gesehen wie wir. Wir müssen uns ja schon fast dafür entschuldigen, wenn wir nach vier Siegen in Folge mal unentschieden in der Liga spielen. Wir wollen besser werden, wir wollen näher heranrücken. Aber man muss die Voraussetzungen zwischendurch einordnen. Was Lars, Ole (Sportdirektor Book; d. Red.) und Niko (Trainer Kovac) hier in den vergangenen Monaten aufgebaut haben, ist außergewöhnlich. Das wird mit einer 0:1-Niederlage bei Bodø/Glimt plötzlich komplett ignoriert. Da fehlt mir das Maß.

Ricken: Wir haben hier über Monate nur Englische Wochen, die Belastung ist extrem. Man kann als Spieler kaum mehr durchschnaufen, das gehört auch zur Wahrheit. Ich habe viele Spieler zuletzt gefragt, wie es ihnen geht. Sie sagen: Es ist viel. Aber es beschwert sich keiner. Das spricht für die Haltung unserer Mannschaft.

Frage: In Ihrem jüngsten „Sport Bild“-Interview sagten Sie, Herr Ricken, der BVB wolle für Arbeit und Spektakel stehen. Ist der Plan gescheitert?

Ricken: Die Arbeit ist zu hundert Prozent erfüllt.

Frage: Und das Spektakel?

Ricken: Ich finde schon: Dort, wo Borussia Dortmund spielt, ist viel los auf dem Platz. Wir haben uns im Sommer bewusst für diesen Weg entschieden: Joane Gadou ist sogar als Innenverteidiger ein Spieler, der spektakulär spielt. Ansonsten haben wir nur Offensiv-Spieler verpflichtet. Wir haben diesen Anspruch, ansehnlich zu spielen. Dass wir noch Luft nach oben haben, ist auch klar. Aber auch da muss ich sagen: Wir haben in dieser Saison rund 50 Spiele. Da ist es gar nicht möglich, nur Hurra-Fußball zu spielen. Und auch nicht immer notwendig.

Soll laut den Bossen für Spektakel stehen: Joane Gadou (l.), hier im Trainingsduell mit Ethan Nwaneri

Frage: Trotzdem mäkeln viele Fans immer wieder wegen des Spielstils unter Kovac.

Ricken: Ein Gradmesser ist für mich, wenn wir mit anderen Vereinsvertretern zusammensitzen. Und ich sage Ihnen: Die haben alle keine Lust, gegen Borussia Dortmund zu spielen. Selbst mit einer guten Leistung hoffen sie eher auf ein Unentschieden als auf einen Sieg. Und genau das wollen wir auch ausstrahlen, dass wir für jeden Gegner unangenehm zu bespielen sind.

Frage: Vincent Kompany, der Trainer des FC Bayern, hat derzeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, er brach zuletzt auf dem Trainingsgelände zusammen. Zeigt das auch, wie enorm der Druck auf Trainern ist?

Ricken: Ich wünsche Vincent Kompany alles Gute und eine schnelle Genesung. Wir sehen es bei Niko ja auch, wie hoch die Belastung für einen Trainer ist, der alle drei Tage ein Spiel vorbereiten muss. Ich möchte mal ein Beispiel anführen, wir sind es mal durchgegangen: Niko muss pro Saison über 200 Pressekonferenzen oder Interviews vor und nach den Spielen geben. Sich da nicht zu verbrauchen, ist eine besondere Kunst.

Cramer: Ich schließe mich an und richte die besten Genesungswünsche an Vincent Kompany. Wie der FC Bayern damit umgegangen ist, fand ich wirklich vorbildlich. Und ich möchte auch an den zweiten Punkt von Lars anschließen: Man muss sich auch einmal vor Augen halten, wie viele Konfliktgespräche ein Trainer zu führen hat. Vor jedem Spiel mindestens zehn. Nämlich mit den Spielern, die nicht in der Start­elf stehen. Das zu moderieren, ist nicht immer leicht. Der Job des Trainers ist eine unfassbar große Herausforderung. Davor ziehe ich meinen Hut.

Frage: Geben Sie als neuer CEO ein Transferbudget für den Winter frei, Herr Cramer?

Cramer: Wir befinden uns schon seit dem letzten Winter in einer Phase, um uns fit für die Zukunft zu machen. Wir haben die Kosten optimiert und sind mit unseren Erlösen gewachsen. Man darf sich als Klub nicht nur auf Ablösesummen aus England verlassen, davon haben wir uns bereits unabhängiger gemacht. Sollte es im Winter Handlungsbedarf geben, sprechen wir da­rüber. Wir sind aus wirtschaftlicher Sicht absolut im Plan und somit immer handlungsfähig. Immer mit einer klaren Devise.

Frage: Bitte.

Cramer: Wir machen hier kein Harakiri, um ein Überholmanöver auf den FC Bayern zu starten. Das wäre unvernünftig, und die Vergangenheit unseres Klubs hat uns gelehrt, wie gefährlich das ist. Ich bin da immer sehr beruhigt, dass unsere Sport-Verantwortlichen das genauso beurteilen. Wir ziehen hier alle an einem Strang, und das ist für die Entwicklung von Borussia Dortmund sehr wohltuend.

Frage: Unterschreiben Sie folgenden Satz, Herr Ricken? Bis Ende des Jahres verlängert der BVB die Verträge mit Gregor Kobel, Waldemar Anton und Julian Ryerson.

Ricken: Ich unterschreibe: Wir wollen mit diesen Spielern unter den richtigen wirtschaftlichen Bedingungen weiter zusammenarbeiten. Über den zeitlichen Ablauf geben wir allerdings keine Wasserstandsmeldungen ab.

Frage: Was ist mit Serhou Guirassy? Auch sein Vertrag läuft 2028 aus.

Ricken: Für ihn gilt genau das Gleiche.

Frage: Also soll auch er einen neuen Vertrag bekommen?

Ricken: Sie können Serhou zu den anderen drei Spielern zählen. Bei Serhou ist es ja so, dass es quasi mit seiner Verpflichtung angefangen hat, dass über einen möglichen Weggang spekuliert wurde. Ich kann sagen: Es gab nie ein Gespräch mit ihm oder seinen Beratern, in dem es darum ging, dass er uns verlassen möchte. Er weiß, was er an unserem Verein hat. Und wir wissen, was wir an ihm haben. Unsere Neuzugänge im Sommer zielen auch darauf ab, ihn noch mehr in Szene zu setzen. Ich bin sicher, dass sich das auch immer mehr auf dem Platz widerspiegeln wird.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke