Barca gegen Real – Giganten der Gegensätze
Für Xavi Espart wird es der erste Clásico, doch er weiß, was von ihm erwartet wird – auch verbal. „Die Wahrheit ist: Das wird ein Krieg. Wir werden alles geben. Wir haben die große Chance, unseren Vorsprung auszubauen. Dafür werden wir bis zum Äußersten gehen“, sagte der U19-Nationalspieler des FC Barcelona. Begierig nahm die spanische Presse die martialische Aussage auf.
Espart ist die neueste Entdeckung von Hansi Flick. Erst am Dienstag hatte der deutsche Trainer ihm bei der 2:4-Niederlage der Katalanen bei Paris St. Germain zu seinem Debüt in der Champions League und seinem ersten Tor verholfen. Für Espart war dies die ganz große Bühne. Doch was ist das schon gegen das Spiel der Spiele – wenn er mit Barca auf Real Madrid treffen wird?
Am Sonntag um 21 Uhr (live DAZN und im Liveticker bei WELT) ist es so weit. Zum 264. Mal kommt es in einem Pflichtspiel zu der Begegnung der beiden Schwergewichte des spanischen Fußballs, die so viel gemein haben – die aber noch mehr entzweit: fußballerisch wie weltanschaulich. Die Bilanz könnte nicht ausgeglichener sein: 106 Mal triumphierte Barcelona, 106 Mal Real. Doch in ihrer Selbstwahrnehmung und der ihrer Millionen Fans weltweit gibt es nach wie vor gravierende Unterschiede. Und die werden gerade von den Protagonisten auch wieder verstärkt herausgearbeitet.
Klub-Präsidenten bekriegen sich
Die Vereinsführungen fühlen sich in gepflegter Abneigung verbunden. Es wäre untertrieben zu sagen, dass Joan Laporta, der Barca-Präsident, und sein Amtskollege Florentino Pérez, der Real führt, ein schwieriges Verhältnis zueinander haben: Sie haben überhaupt keines. „Es existiert nicht mehr. Ich würde sogar sagen, dass wir uns mittlerweile in einer offenen Konfrontation befinden“, erklärte Laporta in einem Interview mit der französischen Sportzeitung L’Équipe. Real habe „jegliche Glaubwürdigkeit verloren – institutionell wie sportlich“.
Verbunden in Abneigung: Florentino Pérez (l.) und Joan LaportaDer Auslöser für die in dieser Heftigkeit ungewöhnliche Attacke waren Aussagen, die Pérez im Mai getätigt hatte. Damals war die Auseinandersetzung um einen Schiedsrichterskandal auf dem Höhepunkt – der Negreira-Affäre. Die Finanzbehörden hatten aufgedeckt, dass José Maria Enriquez Negreira, der bis 2018 Vizepräsident des spanischen Schiedsrichterkomitees war, über 17 Jahre hinweg Zuwendungen von mindestens sieben Millionen Euro vom FC Barcelona erhalten hatte. Angeblich, so Barca, als Entgelt für Berichte und Scouting-Informationen zu Schiedsrichtern.
„Real Madrid hat das Scheckbuch gezückt“
Pérez hatte dies als den „schwerwiegendsten Korruptionsfall in der Geschichte des Fußballs“ bezeichnet. „Ich habe sieben Meisterschaften gewonnen. Es hätten doppelt so viele sein können. Doch die anderen wurden mir gestohlen“, erklärte er. Gleichzeitig machten sich die Königlichen daran, selbst Belastungsmaterial zu dem Fall zusammenzutragen. Im Juni bestätigte die Uefa den Eingang von etwa 50.000 Seiten Unterlagen aus Madrid – versehen mit der Forderung, „die Untersuchung mit höchstmöglicher Geschwindigkeit bis zu ihrem Abschluss voranzutreiben und Entscheidungen zu treffen, die der Schwere der nachgewiesenen Vorfälle entsprechen“.
Laporta sieht darin nichts als Unterstellungen – vorgebracht von einem Rivalen, der vom Kurs abgekommen sei. Denn während Barcelona zuletzt zwei Meisterschaften in Folge gewinnen konnte, blieben die Königlichen titellos. „Ich glaube, dass sie den falschen Weg eingeschlagen haben und nun den Preis dafür zahlen müssen. Real Madrid hat das Scheckbuch gezückt und viel Geld für teure Spieler gezahlt, die nicht die erhofften Ergebnisse liefern“, sagte er.
An dieser Einschätzung ist etwas dran. Real hat in den vergangenen zwei Jahren knapp 300 Millionen Euro mehr für Ablösen ausgegeben als eingenommen – ohne dass sich nachhaltiger Erfolg eingestellt hat. Der Kader wird mit einem Marktwert von 1,5 Milliarden taxiert – doch die Schwierigkeit ist nach wie vor, aus vielen Stars wie Jude Bellingham, Arda Güler, Vinícius Júnior, Marc Cucurella und Yan Diomande, für den allein 125 Millionen Euro Ablöse gezahlt wurde, eine homogene Mannschaft zu formen.
Mourinho wirbt um Geduld
In der Meisterschaft gab es bereits zwei Niederlagen. José Mourinho, der im Sommer zu Real zurückgekehrt ist, wirbt um Geduld. „Ich bin gerade 105 Tage hier und wir sind noch nicht das, was ich mit dem Team sein will“, sagte er. Immer noch lasse Real zu viele Chancen für den Gegner zu, so der Portugiese, der einen deutlich defensiveren Ansatz verfolgt als Flick in Barcelona.
Zudem gibt es immer wieder atmosphärische Störungen. Vini jr., der für den Klassiker gesperrt ist, weil er am vorletzten Spieltag, als Real mühsam mit 1:0 gegen Villarreal gewinnen konnte, seinem Gegenspieler an den Haaren gezogen hatte, die Rote Karte gesehen hat, werden Wechselabsichten nachgesagt. Der Brasilianer wirkt zermürbt, nachdem es immer wieder zu rassistischen Anfeindungen gegen ihn gekommen ist.
Grau vor Silber: José MourinhoIn Barcelona, das mit fünf Punkten Vorsprung auf Atlético Madrid und sechs Zählern vor Real die Tabelle anführt, ist die Stimmung eine ganz andere. Das hängt vor allem mit der offensiven, teilweise begeisternden Spielweise zusammen. Auch Barca ist mit großen Namen gespickt – aber das Team ist organischer gewachsen. Gleich zehn aktuelle Spieler – von Superstar Lamine Yamal bis hin zu Xavi Espart – kommen aus der eigenen Jugendakademie La Masia. Zusammen bringen sie es auf einen Marktwert von 670 Millionen Euro – mehr als die Hälfte des kompletten Kaderwerts. Entsprechend kann das Geld für Zukäufe gezielter eingesetzt werden: In den vergangenen Jahren gaben die Katalanen 90 Millionen aus – nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was Real investierte.
„Flick ist ein herausragender Trainer“, sagt Barcas Präsident
„Eine unserer großen Stärken ist es, über außergewöhnliche Talente zu verfügen“, sagte Laporta. Er weiß auch, wem er zu verdanken hat, dass die Integration der jungen Spieler so gut funktioniert: Flick. Der sei ein „herausragender Trainer“, der gemeinsam mit Sportdirektor Deco daran arbeite, die Mannschaft weiterzuentwickeln, so der Präsident.
Hansi Flick könnte bei Barca eine Ära prägenDem früheren Bayern- und Bundestrainer, der im Mai seinen Vertrag bis 2028 verlängert hat, könnte tatsächlich gelingen, was ihm zu Beginn seiner Tätigkeit am Camp Nou nur wenige zugetraut haben: eine Ära zu prägen. Laporta macht keinen Hehl daraus, dass er mit Flick am liebsten bis zum Ende seines Mandats 2031 zusammenarbeiten möchte. Sollte Flick am Sonntag Real schlagen – er würde in der Gunst seines Präsidenten noch einmal steigen.
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