Als der Schlusspfiff ertönte, sank Miro Muheim im Mittelkreis zusammen. Er musste einer Mischung aus mentaler und physischer Erschöpfung Tribut zollen, ehe er Sekunden später von seinen Mitspielern unter einer großen Jubeltraube begraben wurde. Der Schweizer mit dem feinen linken Fuß war erneut zum Matchwinner geworden, und seine Geschichte zeigt die ganze Schnelllebigkeit der Fußballbranche bestens auf.

Denn eigentlich hatten sie für einen der Aufstiegshelden keine Verwendung mehr beim Hamburger SV. Auf seiner Position besaßen bis dato das 17-jährige Megatalent Louis Lemke sowie der norwegische WM-Teilnehmer David Möller Wolfe die deutlich besseren Karten. Doch dann dokumentierte der Linksverteidiger gleich zweimal hintereinander eindrucksvoll, wie wichtig er noch immer sein kann.

Als der inzwischen erfolgreich am Kreuzband operierte Kapitän Nicolai Remberg am vorvergangenen Samstag in der Partie bei der TSG Hoffenheim kurz vor der Halbzeitpause verletzt raus musste, brachte HSV-Trainer Merlin Polzin Muheim auf der ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld. Der Profi brauchte eine kurze Weile, um sich zurechtzufinden, dann aber drehte er den 1:2-Rückstand entscheidend mit. Zunächst gab er die Flanke zum Ausgleich von Terem Moffi, dann traf er fulminant per Direktabnahme in der Nachspielzeit zum Sieg – und versetzte die mehr als 10.000 mitgereisten Fans in Ekstase.

„Gemerkt, dass ich ihn sehr gut getroffen habe“

Nun wiederholte er eine Woche später seinen Geniestreich aus Sinsheim im eigenen Stadion vor 57.000 Zuschauern. Und dieses Mal hieß die Glücksformel 117. Mit 117 km/h jagte Muheim den Ball in der 88. Minute zum 1:0-Sieg ins Tor des VfB Stuttgart. Für die Hanseaten war es der dritte Sieg hintereinander. Eine solche Serie gelang dem Nordklub zuletzt in der Spielzeit 2010/11. Die Fans wählten Muheim zum Spieler der Partie.

Wie schon beim Erfolg bei der TSG Hoffenheim war der 28-jährige Muheim der Mann für die entscheidende Situation. „Ich habe den Raum, um abzuziehen, und hau' dann einfach drauf, und der geht natürlich perfekt rein. Am Ende ein geiles Tor in einem super Moment“, sagte der 28-Jährige bei Sky über die entscheidende Szene nach einem sehenswert vorgetragenen Konter und seinen platzierten Abschluss aus rund 25 Metern.

Perfekte Schusstechnik: Muheim (M.)

Sein Schuss war sogar noch schneller als sein Treffer gegen Hoffenheim, der mit 105 km/h gemessen worden war. „Ich habe schon gemerkt, dass ich ihn sehr gut getroffen habe“, sagte Muheim.

Der Schweizer Nationalspieler steht sinnbildlich für den Aufschwung, den der HSV nach einem schwachen Saisonstart mit den 0:5-Klatschen gegen den 1. FSV Mainz 05 und bei RB Leipzig genommen hat. Angeschlagen war er von der Weltmeisterschaft zurückgekehrt. Wegen Verletzungen fiel er an den ersten drei Spieltagen aus. Beim 2:1 über den 1. FC Köln – den ersten Saisonsieg in der Liga – gehörte er noch nicht zum Kader. Die Perspektive war mehr als trüb.

Und nun gelang ihm wieder der Rollentausch vom Aussortierten zum Matchwinner. Von seinem Teamkollegen Sebastiaan Bornauw gab es hinterher ein großes Lob. „Er hat einen geilen linken Fuß. Bei ihm bin ich mir sicher, wenn er diesen Schuss zehnmal nimmt, trifft er mindestens achtmal“, sagte der Abwehrchef.

Drei Siege in Serie zuletzt unter Armin Veh

Muheim war eine der Veränderungen in der HSV-Startelf, zu denen Trainer Polzin gezwungen war. Da in Albert Sambi Lokonga (Muskelprobleme) auch der zweite defensive Mittelfeldspieler ausgefallen war, rückte Bilal Nadir in die Mannschaft. „Wir haben gebraucht, um reinzukommen“, sagte Polzin. „Spätestens mit der zweiten Hälfte haben wir das Spiel und das Stadion so auf unsere Seite gedreht, dass mit leidenschaftlichem Verteidigen, viel Laufen und viel Energie was drin ist.“

Dass der HSV trotz der Ausfälle wichtiger Spieler in der Lage ist, gegen Champions-League-Klubs wie den VfB Stuttgart zu bestehen, gebe „viel Kraft und Vertrauen“, so Polzin weiter. „Das macht mich glücklich. Die Mannschaft hat ausgestrahlt, dass der HSV mit seiner Art in der Bundesliga bestehen kann.“

HSV-Trainer Merlin Polzin

In der Vorsaison hätte man derartige prominente Ausfälle wie die von Remberg und Lokonga im Maschinenraum nicht verkraften können, nun aber ist der Kader der Hanseaten im zweiten Jahr seit dem Aufstieg deutlich breiter aufgestellt. Polzin kann dadurch jetzt selbst Schlüsselspieler ersetzen, ohne dass ein eklatanter Leistungsabfall erkennbar ist. Muheim war einer davon. Nadir, der vor der Saison ablösefrei von Olympique Marseille zum HSV gekommen war, der andere.

Dass der HSV erstmals seit der Saison 2010/11 wieder drei Spiele am Stück im Oberhaus gewonnen hat, war dem Trainer nicht bewusst. Schließlich habe man ja auch lange nicht in der Bundesliga gespielt, sagte er mit dem Blick auf die siebenjährige Zweitklassigkeit. Unter Coach Armin Veh gab es am 17. Dezember 2010 ein 2:1 bei Borussia Mönchengladbach, am 15. Januar 2011 ein 1:0 bei Schalke 04 und am 21. Januar 2011 ein 1:0 gegen Eintracht Frankfurt.

In der aktuellen Spielzeit geht es für den HSV am kommenden Samstag (15.30 Uhr/Sky und im WELT-Liveticker) gegen Aufsteiger SC Paderborn weiter. Der Wille ist da, die Serie auszubauen. Aber auch schon jetzt sieht das Zwischenzeugnis passabel aus: Mit neun Punkten nach sechs Ligaspielen liegt der HSV auf Platz neun der Bundesliga. Muheim und einem gewissen Matchglück sei Dank.

Deswegen stellte Polzin in seiner Analyse zuvorderst die Charakterstärke des Schweizers heraus. „Miro hatte keinen einfachen Start in diese Saison. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, die Schiene anders zu besetzen, mit mehr Intensität.“ Doch Muheim resignierte angesichts der eigenen Ausbootung nicht, sondern wartete auf seine Chance auf einer anderen Spielposition.

„Miro hat die neue Rolle angenommen“, sagte der Trainer. „Er ist in den schwierigen Wochen nicht übers Reden gekommen, sondern übers Handeln. Er hatte eine richtig gute Haltung, hat sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Deshalb freut es mich persönlich unheimlich für ihn, dass er jetzt so eine tolle Phase hat.“

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