„Wir schützen unsere Mitarbeiter so lange, wie wir glauben, dass es noch funktioniert“
Es ist 16 Jahre her, dass das Altstadttheater in Berlin-Köpenick eröffnet wurde. In jenem Stadtteil, in dem der 1. FC Union beheimatet ist. Das kleine Unterhaltungsetablissement ist stets gut besucht. Auch dann, wenn der „Rot-Weiße Salon“ gastiert – und aktuelle sowie ehemalige Protagonisten des Fußball-Bundesligisten auf einer kleinen Bühne im Gespräch mit Matthias Koch, einem freien Fotografen und Buchautor, Anekdoten erzählen.
Am Dienstagabend war Dirk Zingler, der Präsident, zu Gast. Unter ihm, der seit 2004 die Geschicke leitet, schaffte der Klub 2019 sensationell den Aufstieg in die Bundesliga und vier Jahre später gar den Sprung in die Champions League.
Die pure Erlösung: Unions Spieler feiern am vergangenen Samstag das 1:0 von Livan Burcu (M.)An die Königsklasse erinnert dieser Tage beim 1. FC Union aber nur wenig. Ganz im Gegenteil: Nach einem schwachen Saisonstart mit nur einem Punkt und 17 Gegentoren aus vier Spielen stand der Klub am vergangenen Wochenende gehörig unter Druck. Dank eines 1:0 gegen Aufsteiger SV Elversberg verschaffte sich Union mit seinem Trainer Mauro Lustrinelli ein wenig Luft.
Drei Trainer in drei Jahren
Der Schweizer war im Sommer verpflichtet worden. Er kam mit der Empfehlung, den FC Thun zum Schweizer Meister gekürt zu haben. Sein Engagement war verbunden mit der Hoffnung auf besseren Fußball bei Union. So erfolgreich Unions Fußball ob einer starken Defensivarbeit insbesondere in den ersten Jahren nach dem Aufstieg war, so bieder, so wenig ansehnlich war er zugleich. Nach fünf Jahren, in denen Erfolgscoach Urs Fischer bei Union war, bis sich im November 2023 aufgrund einer Niederlagenserie die Wege trennten, gab es auf der Trainer-Position keine Konstanz: Nenad Bjelica, Bo Svensson und Steffen Baumgart mussten vorzeitig gehen.
Als Präsident Zingler am Montag auf Trainer Lustrinelli und die Unruhe in der Öffentlichkeit vor der Partie gegen Elversberg angesprochen wurde, sagte er: „Wir führen keine Personaldiskussionen. Wir haben ihn ja verpflichtet mit dem Wunsch und mit der Aufgabe, unseren Fußball etwas zu verändern. Das macht er jetzt. Wir wussten auch, dass das erste Auswärtsspiel in Leverkusen (0:4, die Redaktion) und das zweite Auswärtsspiel in München (0:7) Spiele sein werden, wo wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht punkten. … Uns war bewusst, dass es holprig ist. Am Ende müssen wir sehen, wie die Jungs arbeiten. Wir müssen sehen, wie die Jungs es annehmen. Glauben sie selbst daran, dass sie den Fußball, den wir jetzt spielen wollen, dass sie das können? Glauben die daran? Oder sagen sie, ich muss da was spielen, was ich gar nicht will? Und das beobachten wir.“
Im Spiel gegen Elversberg fuhr der 62-Jährige fort, habe man „ein bisschen gesehen, was der Trainer will“. Die markanteste Änderung unter Lustrinelli: Union spielt hinten jetzt mit einer Vierer- statt mit einer Dreierkette. Die Mannschaft geht viel früher drauf und versucht, so es denn möglich ist, durch mehr Ballbesitz viel mehr Chancen aus dem Spiel heraus zu kreieren. In den Jahren zuvor erzielte Union seine Tore meist nach ruhenden oder lang nach vorn geschlagenen Bällen.
Wie nachhaltig das war, was die Mannschaft gegen Elversberg bot, bleibt abzuwarten. Am Samstag ist der BVB in Berlin zu Gast. „Wir schützen unsere Mitarbeiter so lange, wie wir glauben, dass es noch funktioniert“, ergänzte der Union-Chef mit Blick auf die Trainer-Personalie: „Wenn wir nicht mehr dran glauben, dann treffen wir auch Entscheidungen. Aber bei Mauro Lustrinelli sind wir ganz weit davon entfernt.“
Der Union-Chef gab zudem einen Einblick in den Umgang mit den Mitarbeitern. „Ich halte ganz bewusst eine Distanz zu Menschen, über die ich möglicherweise irgendwann schwierige Entscheidungen treffen muss“, sagte Zingler. Er könne nicht auf Kumpel mit jemandem machen, den er vielleicht irgendwann mal in sein Zimmer holen müsse, um ihn über dessen Entlassung zu informieren. Diesbezüglich berichtete er von dem Gespräch mit Ex-Trainer Fischer im November 2023, in dem man sich über die sofortige Trennung verständigt habe. „Bis zu dem Gespräch, in dem wir entschieden haben, dass wir uns trennen, haben wir uns gesiezt. Erst als entschieden war, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten, haben wir angefangen, uns zu duzen.“ Urs Fischer trainiert seit Dezember 2025 Mainz 05.
27. Mai 2019: Urs Fischer feiert nach einem 0:0 im Relegations-Rückspiel gegen den VfB Stuttgart den Bundesliga-Aufstieg mit UnionGroße Entscheidungen, darauf legte Zingler besonderen Wert, würden beim 1. FC Union nicht allein, sondern gemeinsam getroffen, „weil sie auch immer finanziellen Charakter haben. … Da ist immer eine Gruppe von Menschen, niemand ist allein verantwortlich. Von außen wird natürlich immer gern personifiziert und da braucht man auch den Schuldigen: Der macht es gut, der macht es schlecht“.
Matthias Koch, bei dem Zingler am Dienstag zu Gast war, zeigte dem Union-Chef der Reihe nach Fotos aus dessen bisheriger Amtszeit. Etwa von dessen Beginn im Jahr 2004. Damals stieg Union aus der 2. Liga in die Regionalliga ab. Um die drohende Insolvenz abzuwenden, rief der Klub zur legendären Spendenaktion „Bluten für Union“ auf.
Zingler selbst, das erzählte er im Altstadttheater Köpenick, half mit einem privaten Kredit. Es gab Bilder vom Bundesliga-Aufstieg 2019 zu sehen, vom Stadionumbau, von einem freudetrunkenen Präsidenten, wie er 2020 den Klassenerhalt feiert – oder wie er im September 2023 vor dem ersten Champions-League-Spiel in der Klubgeschichte im Medienraum von Real Madrid sitzt und das sichtlich genießt.
Ihm sei wichtig, betonte der Union-Präsident, dass die Menschen, die Woche für Woche ins Stadion kämen, „um für ein paar Stunden etwas Schönes zu erleben, spüren, dass Du alles gibst“. Siege der Mannschaft wären auch deshalb von Bedeutung, weil sie ein wesentlicher Bestandteil der Vergütung für alle Mitarbeiter im Klub wären. „Wir brauchen diese Glückseligkeit und diese Freude nach einem gewonnenen Spiel. Wenn Siege ausbleiben, sinkt die Stimmung natürlich“, ergänzte Zingler. Zusätzlicher Druck aber würde dadurch nicht entstehen, „denn Druck haben wir immer, weil wir jedes Spiel gewinnen wollen.“
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