Hendrik Dombeks sportliches Zuhause ist Erfurt – zumindest noch. Geht es nach der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG), soll der 29‑jährige Olympiastarter bald wie alle Sprinter in Berlin angesiedelt werden, während die Langstreckenläufer ins bayrische Inzell gehen sollen. Der Standort Erfurt soll für die Nachwuchsarbeit genutzt werden. Die Erfurter Athleten wehren sich bereits seit Monaten gegen die geplante Strukturreform, eine umstrittene Athletenvereinbarung wurde erst kurz vor Ablauf der Frist und „unter Protest“ unterschrieben.

Aus der Welt ist die Sache durch die Unterschrift mitnichten, wie Dombek im Gespräch mit WELT klar macht. Im deutschen Eisschnelllauf kocht es ohnehin weiter – auch weil die DESG im Streit mit dem Thüringer Landesverband eine für Samstag geplante außerordentliche Mitgliederversammlung kurzfristig abgesagt hat. Dort sollte das Präsidium um den umstrittenen Matthias Große abgesägt und durch eine neue Führung unter Leitung Thüringer Verantwortlicher ersetzt werden. Dombek, der auch Präsidiumsmitglied beim Verein Athleten Deutschland ist, sollte dabei als Berater eingesetzt werden.

WELT: Herr Dombek, wie würden Sie die letzten Monate zusammenfassen?

Hendrik Dombek: Die vergangenen Monate waren für alle Eisschnellläufer sehr kompliziert und emotional herausfordernd. Der Konflikt mit dem Verband, der uns nicht richtig mitgenommen, begleitet und informiert hat, überstrahlt leider alles. Statt sich optimal auf den Sport fokussieren zu können, mussten wir uns mit ganz anderen Themen auseinandersetzen. Nach wie vor sind die Zukunftsängste und Sorgen groß, deshalb war der Austausch unter uns Athleten sehr intensiv. Ich habe versucht, diese Ängste zu nehmen und meinen Teammitgliedern ein bisschen Sicherheit zu geben, damit die Situation sie nicht noch mehr belastet als ohnehin schon. Aber das Gefühl, nicht frei seine Meinung äußern zu können und alles hundert Prozent richtig machen zu müssen, weil jeder Schritt das Ende meines Stützpunktes oder meiner sportlichen Karriere bedeuten könnte, ist natürlich omnipräsent.

WELT: Wie sehr hat Sie der Streit mit dem Verband persönlich belastet?

Dombek: Mich hat es vor allem mitgenommen, zu spüren und zu erleben, wie es den anderen Sportlern geht. Mich haben Teamkollegen bis tief in die Nacht angerufen, die verzweifelt waren, die geweint haben und nicht wussten, wie es weitergehen soll. Das belastet mich weiterhin schwer. Ich weiß, dass ich nicht persönlich die Verantwortung für diese teilweise sehr jungen Sportler trage, aber ich möchte sie natürlich unterstützen.

WELT: In der jüngsten Pressemitteilung der Erfurter Athleten, zu denen Sie ja auch zählen, hieß es, dass die umstrittene Athletenvereinbarung des Verbands zwar unterschrieben werde. Allerdings nicht aus Zustimmung, sondern „aufgrund des erheblichen Drucks, der über Monate hinweg auf uns betroffene Athletinnen und Athleten ausgeübt“ worden sei. Es ist von der Wahrnehmung „psychischer Gewalt“ die Rede. Wie genau hat sich diese gezeigt?

Dombek: Das DESG-Präsidium hat wiederholt Ultimaten gestellt und diese stets mit konkreten Konsequenzen verknüpft. Uns wurde angedroht, von der Weltcupteilnahme ausgeschlossen zu werden, unseren Kaderstatus zu verlieren, die Finanzierung über die Bundeswehr oder die Polizei einzubüßen und nicht mehr zu Lehrgängen eingeladen zu werden, sofern wir die geforderte Unterschrift verweigern. Am Ende hieß es sogar kurzzeitig, dass wir nicht bei der deutschen Meisterschaft starten dürfen. Aber allein das Hin und Her zeigt, dass mit den Leben von Sportlern gespielt wird. Gleichzeitig fand keine Kommunikation mit uns statt. Es gab zwar ein Klärungsgespräch, aber danach keine weiteren Kontaktaufnahmen. Wir haben mehrfach angeboten, miteinander zu reden und sind auch weiterhin bereit, zu verhandeln.

Seit Monaten umstritten: DESG-Präsident Matthias Große

WELT: Letztendlich haben Sie doch „unter Protest“ unterschrieben. Warum ist es doch dazu gekommen?

Dombek: Die Abstimmung zwischen den Athleten war eng, dazu hat uns Athleten Deutschland als unabhängige Athletenvertretung jederzeit unterstützt. Es stimmt, dass wir uns lange dagegen gewehrt haben. Die Unterschrift bedeutet nicht, dass wir von unserer Kritik abrücken, aber wir haben uns für die sportliche Perspektive entschieden. Vor allem die jüngeren Athleten, 17 oder 18 Jahre alt, haben sehr darunter gelitten, dass diese Nicht-Unterzeichnung karrieregefährdend war. Diese Risiken konnten wir nicht mehr tragen und haben uns am Ende zu einer Unterschrift entschieden, um weitere sportliche Nachteile abzuwenden. Maßgeblich entscheidend war dabei für uns auch, dass uns das Kanzleramt und der DOSB signalisiert haben, dass der Standort Erfurt erhalten bleibt und damit unser größter Kritikpunkt ausgeräumt wird.

WELT: Die Kollegen von „ntv“ haben getitelt, die Erfurter Athleten seien „eingeknickt“. Fühlt sich die Unterschrift tatsächlich so an?

Dombek: Ich würde es nicht als Einknicken bezeichnen, sondern als Nachgeben unter enormem Druck. Einknicken gibt den Kern des Konflikts nicht wieder. Vielmehr ist ein System, in dem ein Spitzenverband die Macht hat, Athleten so zu behandeln und zu so etwas zu zwingen, das eigentliche Problem. Der Verband hat sich jeglicher Good Governance entzogen, und niemand konnte etwas dagegen tun.

WELT: Was ist es aus Ihrer Sicht für ein Zeichen, dass Deutschlands wohl größtes Talent Finn Sonnekalb öffentlich mit Abwanderung ins Ausland droht?

Dombek: Aus meiner Sicht ist das ein riesiges Warnsignal, dass sich ein Sportler zu so einem Schritt gedrängt sieht, um für seine Werte und seine persönlichen sportlichen Ziele zu kämpfen. Finn hat ganz sicher keinen Spaß daran, solche Aussagen öffentlich zu kommunizieren.

WELT: Hatten Sie ähnliche Abwanderungsgedanken?

Dombek: Bei Finn ist es eine Sondersituation, weil er die Angebote aus dem Ausland hat. Dass Finn in Erfurt ist und bleiben möchte, ist ein klares Signal, dass er an diesem Standort die besten Möglichkeiten zur Weiterentwicklung sieht. Ich persönlich muss sagen, dass ich ganz intensiv ans Aufhören gedacht habe. Ich habe mich gefragt, ob ich unter diesen Gegebenheiten Top-Leistung bringen kann. Gleichzeitig habe ich noch Spaß am Sport und bin Teil einer tollen Trainingsgruppe in Erfurt, die sich gegenseitig pusht.

WELT: Für Sie würde die Strukturreform zumindest zeitweise einen Wechsel an den Standort Berlin bedeuten. Was wäre eigentlich so schlimm daran?

Dombek: Ich möchte an dieser Stelle festhalten: Uns ist es während des ganzen Prozesses immer um das sportfachliche Konzept gegangen und nicht darum, einen anderen Standort schlechter zu reden oder sich grundsätzlich gegen sportliche Veränderungen zu verschließen. Das Problem war, dass niemand mit uns gesprochen, einen Plan aufgezeigt und dargestellt hat, warum Berlin oder Inzell bessere Trainingsmöglichkeiten bieten. Es wäre ein erzwungener Wechsel und damit das Aufgeben gewachsener, funktionierender Strukturen. Der Stützpunkt ist am Ende nicht nur die Eishalle oder eine Adresse, wo man hingeht, sondern es sind Trainingsgruppen, Trainer und tägliche Abläufe. Dazu spielt unser persönliches Leben hier in Erfurt. Wenn es sportfachliche Gründe gegeben hätte, wenn mit uns kooperativ gesprochen worden wäre, hätten wir sicher zu einer Lösung gefunden. Als Athleten fordern wir ein Mitspracherecht bei so zukunftsweisenden Entscheidungen, stattdessen wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden.

WELT: Wie würden Sie die Kommunikation zwischen den Sportlern und dem DESG-Präsidium grundsätzlich beschreiben?

Dombek: Wir haben E-Mails bekommen mit Drohungen oder Fristen und haben aus unserer Sicht sehr freundlich und umfassend darauf geantwortet, haben Nachfragen gestellt, haben Gesprächsangebote unterbreitet. Unsere E-Mails wurden an einigen Stellen nicht beantwortet, was natürlich sehr schade ist, wenn die Sportler sich Gedanken machen. Dann gab es einen größeren Termin, bei dem uns alles erklärt werden sollte. Wir haben dort Nachfragen gestellt, allerdings wurde uns gesagt, dass die Entscheidung feststehe und wir uns zu fügen hätten. Die Kommunikation seitens des Verbandes war aus unserer Sicht eher schwierig, während wir versucht haben, konstruktiv zu bleiben und Antworten zu bekommen.

WELT: Präsident Matthias Große hat in einem MDR-Interview im Sommer sinngemäß argumentiert, dass Sportler solche Opfer, wie eine temporäre Verlegung des Trainingsstandortes hinnehmen müssen, wenn sie Leistungssport betreiben möchten. Wörtliches Zitat: „Sie bleiben zu Hause bei Kind und Frau. Alles in Ordnung, so soll es sein. Aber dann können sie doch kein Leistungssportler sein.“ Verstehen Sie die grundsätzliche Argumentation dahinter?

Dombek: Ich habe mir das alles sehr detailliert angeguckt. Ich habe dort an vielen Stellen Whataboutism anstatt einer fachlichen Darlegung von Argumenten gesehen. Ich weiß, woher dieses Argument kommt: Ein Athlet hier in Erfurt ist vor Kurzem Vater geworden und hat erklärt, dass er deshalb nicht ohne Weiteres wegziehen oder dauerhaft abwesend sein kann. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller gewesen, sich stärker mit seiner individuellen Situation auseinanderzusetzen und dabei auch zu berücksichtigen, dass er gerade durch die Möglichkeit, hier am Stützpunkt zu trainieren, sportliche Höchstleistungen erbringt. Dieses Umfeld unter fadenscheinigsten Begründungen zerreißen zu wollen, kann ich nicht verstehen. Insofern hätte ich große Freude, mich über jedes Argument auszutauschen, wenn das Interesse besteht. Ich sehe es jedenfalls anders.

Seit 2018 ist Dombek im Eisschnelllauf-Weltcup unterwegs

WELT: Die Argumentation von Herrn Große ist darüber hinaus, dass sich aufgrund der Erfolglosigkeit der deutschen Eisschnellläufer bei den letzten vier Olympischen Winterspielen jetzt einfach zwingend etwas ändern muss.

Dombek: Den Athleten pauschal zu sagen: „Ihr seid nicht gut genug, deshalb muss sich jetzt etwas ändern“, wird der Leistung und dem Einsatz dieser Sportler in keiner Weise gerecht. Viele von uns haben über Jahre hinweg ihr gesamtes Leben dem Eisschnelllauf untergeordnet, mit großer Disziplin gearbeitet und auf höchstem Niveau alles investiert. Ihnen die Verantwortung für die ausbleibenden olympischen Erfolge zuzuschieben, ohne die eigenen Strukturen und die Unterstützung durch den Verband kritisch zu hinterfragen, ist aus meiner Sicht unfair. Natürlich muss man nach vier erfolglosen Olympischen Winterspielen Veränderungen diskutieren. Aber diese müssen sportfachlich begründet sein. Dafür braucht es einen ernsthaften Dialog mit den Athleten. Veränderungen um ihrer selbst willen sind kein Konzept für olympischen Erfolg.

WELT: Am Samstag hätte eigentlich die mit Spannung erwartete außerordentliche Mitgliederversammlung angestanden, für die auch ein Abwahlantrag für das Präsidium vorlag. Die DESG hat die Veranstaltung kurzfristig abgesagt. Welche Gedanken haben Sie zu dieser Entscheidung?

Dombek: Für mich ist die kurzfristige Absage durch das DESG-Präsidium absolut unverständlich. Wieder lassen die handelnden Personen eine Chance verstreichen, offene Fragen zu beantworten. So kann es nicht weitergehen. Was der Verband mit diesem Vorgehen in Kauf nimmt, ist eine enorme Belastung für die Athleten, die sich durch die gesamte Saison zieht. Diese permanente Ungewissheit kostet Kraft und Energie, die eigentlich in den Sport und die Weiterentwicklung des Eisschnelllaufs fließen sollten. Wir brauchen endlich Klarheit, Transparenz und verbindliche Entscheidungen.

Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er ist kein guter Schlittschuhläufer, dafür aber ein begnadeter Eisstockschießer.

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