„Das ist das letzte Mal – ich will es richtig gut machen!“
Der finale Abschnitt seiner Triathlon-Karriere hat begonnen. Patrick Lange ist nach drei Hawaii-Siegen und im Alter von 40 Jahren auf der Zielgeraden angekommen. 2027 ist Schluss, sein Abschiedsrennen wird die Challenge Roth sein. Am 10. Oktober wird er nun ein letztes Mal in der Bucht von Kailua-Kona in die Ironman-Weltmeisterschaft starten. Ein letztes Mal 3,86 Kilometer Schwimmen im Pazifik, 180 Kilometer auf dem Rad durch die Lavawüste und dann noch 42,195 Kilometer in Laufschuhen bis ins Ziel auf dem Aliʻi Drive.
Die Profi-Männer starten um 6.20 Uhr Ortszeit (18.20 Uhr MEZ), kurz danach die Frauen mit Laura Philipp, Weltmeisterin von 2024, dann die Altersklassenathleten – unter ihnen Normann Stadler, Hawaii-Champion 2004 und 2006 (Livestream auf sportstudio.de, ab 0.25 Uhr im TV).
WELT: Der Sport hat Ihnen extreme Höhen, aber auch extreme Tiefen beschert. Große Emotionen. Glauben Sie, Sie können ohne?
Patrick Lange: Ohne Sport auf keinen Fall – aber ohne die Achterbahnfahrt auf jeden Fall. Ich glaube, die Kurve wird ein bisschen flacher werden, und das finde ich nicht schlecht. Im Moment bin ich aber noch im vollen Fokus und freue mich sehr auf Kona.
WELT: Ein letztes Mal Hawaii. Wie blicken Sie darauf?
Lange: Es ist ein bunter Strauß an Gefühlen. Ich bin auch etwas wehmütig, zum letzten Mal als Athlet an jenem Ort zu sein, der mich als Sportler geprägt hat wie kein anderer. Ich gehe mit der Attitude heran: „Das ist das letzte Mal – und ich will es richtig gut machen!“ Ich denke, dass die Challenge Roth 2027 dann der emotionale Abschluss sein wird, bei dem vielleicht auch ein paar Tränen fließen. Klar, Hawaii wird auch emotional, trotzdem weiß ich: Danach kommt noch ein tolles Rennen in Roth.
WELT: Wann und wieso fiel der Entschluss zum Karriereende 2027?
Lange: Das hat sich über Jahre entwickelt. Für mich war immer klar, dass das Verfallsdatum irgendwo bei 40 Jahren liegt. Das ist einfach im Triathlon so, das zeigt die Historie. Für mich, der als Quereinsteiger reingekommen ist, war und ist es nach wie vor ein totales Privileg, Triathlon als Profisport ausüben zu dürfen – und das hat die Entscheidung nicht unbedingt leichter gemacht.
WELT: Gab es in diesem Prozess dennoch den einen entscheidenden Auslöser?
Lange: Nein, aber es gibt einfach Dinge, die sich verändern. Dass ich zum Beispiel mehr Zeit zum Regenerieren brauche. Meine Entscheidung stand vor der Challenge Roth fest, und der Wettkampf hat dann bestätigt, dass es definitiv die richtige Entscheidung ist. So wie sich der Sport gerade entwickelt, muss ich realistisch sein. Ich bin leistungstechnisch noch immer auf dem Niveau meines letzten Hawaii-Sieges, aber es wird gerade so spezifisch und so schnell, gerade das Radfahren, dass ich mir nach Roth dachte: „Wow, das ist heftig! Da werde ich wahrscheinlich auch in absehbarer Zeit nicht mehr hinkommen.“ Mein Anspruch war es immer, kompetitiv auf der Höhe zu sein und Rennen zu gewinnen. Nur dabei zu sein, ist nicht mein Anspruch. Deshalb hat mir der Wettkampf aufgezeigt, dass es die richtige Entscheidung ist, bald aufzuhören.
Patrick Lange 2025 bei der Gala zum „Sportler des Jahres“WELT: Hat sich auch Ihre Sicht auf den Sport gewandelt? Dieser nötige, unbedingte Wille?
Lange: Ja, ein bisschen. Auch, weil ich mich viel mit der Zeit nach dem Karriereende beschäftige. Früher hatte ich dieses hundertprozentige Commitment und den totalen Fokus, es gab nur Triathlon – mittlerweile hat sich das Interessensfeld geweitet, diese Scheuklappen sind weg. Und dann sieht man, dass es auch noch andere schöne Sachen außerhalb des Spitzensports gibt.
WELT: Sie sagten, Hawaii hat Sie geprägt wie kein anderes Rennen. Man muss auch sagen: Es liegt Ihnen wie kein anderes Rennen, aber auch wie keinem anderen Athleten. Warum? Ja, Sie können gut mit Hitze und Luftfeuchtigkeit, aber das allein kann es nicht sein.
Lange: Es hört sich komisch an, aber ich glaube, im Vergleich zu der neuen Generation habe ich spirituell auf der Insel einfach eine andere Verbindung. Damit will ich nicht sagen, dass die Jungs keine Verbindung zu ihr haben oder diese Energie nicht spüren. Aber ich bin mit den Geschichten um Mark Allen und Co. aufgewachsen, habe das eingeatmet und spüre vielleicht etwas, was andere nicht spüren und kann mich dem vielleicht mehr öffnen. Ich fühle mich auf Hawaii einfach sehr stark verwurzelt und verbunden. Das war aber auch schon beim ersten Mal so. Es gibt einfach solche Orte. Und das war für mich von Anfang an Hawaii. Körperlich kannst du alles nur bedingt trainieren, deshalb denke ich, dass dies der entscheidende Faktor ist. Ich kenne ja auch das Gegenteil.
WELT: Sie sprechen vom Ironman Frankfurt. Ihr Heimrennen, bei dem es nie gut lief.
Lange: Der Gegenpol zu Hawaii. Warum hat das Rennen in Frankfurt für mich nie funktioniert? Man weiß es einfach nicht. Ich habe auf dieser Strecke wahrscheinlich mehr Zeit im Training verbracht als alle anderen Athleten. Ich weiß nicht, wie viele Male ich versucht habe, es zu verstehen – manchmal kannst du es nicht richtig fassen. Genauso ist es bei mir mit Hawaii. Aber ich bin sehr froh, dass es dieses Rennen ist. Wenn du dir als Athlet ein Rennen aussuchen kannst, bei dem du wirklich gut funktionierst, dann ist es das. Deswegen bin ich dafür sehr dankbar.
WELT: Was bedeutet das für den 10. Oktober? Sie erwähnten die schnellen Radzeiten der jüngeren Konkurrenz. Kaum noch aufzuholen trotz ihrer Laufstärke. Zählt Hawaii anders?
Lange: Das ist meine tiefe Überzeugung. Auch das schlechte Rennen Anfang Juli in Roth reiht sich ja ein in eine Historie bei mir, bei der man sagen könnte: Ich brauche das schlechte Rennen im Sommer, um auf Hawaii in Topform zu sein. Deshalb lasse ich mich davon nicht entmutigen. Aktuell ist es ja auch auf der Langstrecke so, dass es einen Hype auf Bestzeiten gibt. Aber das ist auf Hawaii anders. Dort weiß man vorher: Hier wird keine Weltbestzeit gebrochen, weil die Bedingungen das nicht hergeben. Und deshalb ist von dieser Seite beim Veranstalter eine gewisse Ruhe drin. Das heißt, Autos, Motorräder und sonstige beeinflussende Faktoren sind eher außen vor. Meine große Hoffnung ist, dass wir ein sehr faires Rennen haben werden. Und ich glaube, in einem fairen Kampf, wenn der Rückstand auf dem Rad in Grenzen bleibt – da könnte man jetzt aufschlüsseln, wie viel auf welchen Athleten, aber es muss einfach im Rahmen sein – dann ist auch auf Hawaii wieder alles möglich. Davon bin ich überzeugt. Und dafür arbeite ich nochmal sehr, sehr hart.
WELT: Können Sie in Worte fassen, was Ihnen diese Insel bedeutet? Der Ort Ihrer großen Triumphe, aber auch sportlicher Dramen. Zudem der Ort ihres Heiratsantrags.
Lange: Ich habe dort alles erlebt, aber die positiven Erfahrungen überwiegen bei Weitem. Für mich ist es das entscheidende Rennen auf der Langdistanz. Faris al-Sultan hat es auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß sagte: ‚Du kannst die ganze Saison Mist bauen, aber wenn du auf Hawaii performst, bist du der King.‘ Das gilt nach wie vor. Es war schon in der Schule so, dass ich unter Druck am besten performt habe. Im Sport ging das so weiter. Ich kann mich unfassbar gut auf dieses eine Event fokussieren, darauf hinarbeiten und habe dann trotzdem die Lockerheit, dort abzuliefern. Auf Hawaii schaffe ich es, 110 Prozent zu geben, während ich woanders vielleicht bei 90 Prozent bin. Mir gefällt einfach auch dieses Pathos, diese Inszenierung und das Zelebrieren des Mythos vor Ort.
Sein zweiter Streich: Patrick Lange 2018, als er nach 7:52:39 Stunden ins Ziel läuftWELT: Jetzt kehrt die Ironman-WM zum Ursprung zurück. Davon waren Sie seit der örtlichen und zeitlichen Trennung der Geschlechter ein Verfechter. Wie groß ist die Freude darüber?
Lange: Ich begrüße das sehr. Es hatte alles seine Gründe, warum man das Ende 2022 geändert hatte. Aber ich bin froh, dass wir wieder als Sportart voneinander profitieren können. Die Männer von den Frauen, die Frauen von den Männern. Wir werden, glaube ich, dieses Rennen medial auf ein sehr hohes Niveau pushen können. Es wird so viel Aufmerksamkeit draufliegen, wie in den letzten vier Jahren nicht mehr – und das kann nur gut sein. Darin liegt eine große Chance für alle. Ich finde es extrem gut, dass Ironman da auf die überragende Mehrheit der Athleten gehört hat. Absolut richtige Entscheidung aus meiner Sicht.
WELT: Nach Hawaii kommt für Sie im Juli 2027 der angesprochene Abschied in Roth. Haben Sie auch ein bisschen Angst vor dem Schritt?
Lange: Die Aussicht auf die Zeit nach der Karriere macht mir eher Vorfreude als Angst. Ich beschäftige mich schon lange damit, habe Ideen entwickelt und frühzeitig angefangen, mit Partnern und Sponsoren zu sprechen. Mir war immer klar, dass ich nicht zurück an den Physio-Tisch möchte.
WELT: Warum nicht? Und was folgt stattdessen?
Lange: Der Physiotherapeutenjob ist superschön – ich habe das sehr gerne gemacht –, aber das Kapitel ist für mich abgeschlossen. Und ich bin dankbar, dass ich andere Ideen habe, schon Pläne schmieden konnte und einiges bereits existiert – wie Laufseminare und ein Performance Camp. Es wird nicht die „eine“ Sache geben, ich möchte mich stattdessen vielseitig aufstellen. Wegen des Trainings musste ich zudem in den letzten Jahren einiges absagen, wofür ich dann Kapazitäten habe: Coaching, in Unternehmen gehen, Vorträge halten. Aufgrund meiner eigenen Geschichte würde ich mir außerdem wünschen, dass ich eine Art Mentoring-Programm für junge Sportler aufbauen kann. Mir hat lange ein bisschen Guidance gefehlt. Am liebsten würde ich das unentgeltlich machen, aber da muss ich erstmal sehen, wie sich die anderen Sachen entwickeln.
Sensationell damals: Platz drei beim Hawaii-Debüt 2016WELT: Auf was freuen Sie sich am meisten im Leben „danach“?
Lange: Nicht jeden Tag aufzustehen und zu denken: ‚Wie werde ich besser? Was muss ich dafür tun?‘ Diese bedingungslose, gnadenlose Selbstoptimierung. Nach dem Karriereende nicht mehr jeden Tag diesen Kampf mit sich zu führen – darauf freue ich mich am meisten. Auch mal in den Tag hineinzuleben, auch mal in den Urlaub zu fahren. Ganz banale Sachen. Ich bin froh, dass ich eine Frau an meiner Seite habe, die das alles mitmacht. Aber in all den Jahren waren wir vielleicht zweimal für eine Woche im Urlaub. Das ist ein Leben, das entbehrungsreich ist – das soll aber keine Beschwerde sein. Ich wollte es genau so, und es fiel mir nicht schwer. Irgendwann aber ist Zeit für etwas anderes. Auch einfach mal mit Kumpels ein Bier trinken und Fußball schauen – auch wenn der Anstoß am späten Abend ist. Oder endlich mal bei einem Formel-1-Rennen dabei sein. Ich bin riesiger Fan und war noch nie vor Ort.
WELT: Was sind Ihre sportlichen Pläne? Ihre große Stärke ist das Laufen …
Lange: Ich möchte gerne Marathon laufen – nächstes Jahr schon in Berlin. Auch Trailruns stehen auf meiner To-Do-Liste. Jan ist ja dieses Jahr ja in Chamonix dabei gewesen, so etwas finde ich spannend.
WELT: Sind Sie denn schon mal einen Marathon gelaufen, ohne dass er Teil der Langdistanz war?
Lange: Noch nie. Und ich bin gespannt, wie das wird. Ich vermute, dass ich nächstes Jahr um die 2:20 Stunden schaffen könnte. Mein Ziel wäre dann, wenn es mir Spaß bringt und ich eine richtige Marathon-Vorbereitung machen kann, dass es im folgenden Jahr vielleicht in die 2:15er-Richtung geht. Aber das kann ich schwer einschätzen. Der Marathon in Berlin hat es mir auf jeden Fall angetan, weil ich dort als Kind immer zugeschaut habe, wenn mein Vater gelaufen ist. Deswegen muss ich dort einfach laufen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke