Vorweg: Ich bin voll bei Jürgen Klopp, der sagte: „Mir ist ein schlechter Start lieber als ein schlechtes Ende.“ Das ist der richtige Ansatz. Bestätigt wird Klopp dabei durch seine legendären Vorgänger Sepp Herberger und Helmut Schön. Auch sie konnten wie Klopp ihre ersten Spiele nicht gewinnen, mussten erst ihre Mannschaften entwickeln. Später wurden sie Weltmeister.

Darum habe ich auch Bastian Schweinsteiger bewusst widersprochen, als er nach der 0:1-Pleite gegen Griechenland konstatierte, Deutschland sei im Mittelmaß angekommen. Im Ergebnis hatte Basti zu dem Zeitpunkt recht, langfristig mache ich mir aber keine Sorgen um unsere Nationalmannschaft. Wir sind kein Mittelmaß. Wir haben genügend Spieler von hoher Qualität, um mit jeder Mannschaft der Welt mithalten zu können.

Lothar Matthäus und Bundestrainer Jürgen Klopp (r.)

Zugegeben: Frankreich, Spanien und England sind uns in der Masse der Topspieler aktuell etwas voraus. Ist unsere Top-Elf aber besser eingestellt und hat ihre Abläufe einstudiert, wird es jeder Gegner in Zukunft wieder schwer haben, Deutschland zu schlagen. Genau daran arbeitet Jürgen Klopp gerade. Die Spieler dafür hat er.

Ter Stegen ist zu Recht die Nummer eins

Fangen wir im Tor an. Marc-André ter Stegen ist Klopps Nummer 1 – und das zu Recht. Welche Erfahrung und Qualität er hat, zeigte er im Spiel gegen Holland, als er Deutschland mit seinen Paraden am Ende das Unentschieden rettete. Fakt ist auch: Beim Aufbauspiel und beim Herauslaufen zeigte der Ajax-Torhüter kleine Unsicherheiten. Aber nicht nur deshalb sehe ich in Jonas Urbig nach seinen zwei Klopp-Auftritten einen ernsten Herausforderer.

Sein Aufbauspiel, seine Bewegungen, seine Paraden und wie er die Flanken abfängt – ich dachte, ich sehe da den jungen Manuel Neuer. Bekommt er mehr Spielzeit bei Bayern unter Kompany, kann es mit ter Stegen bis zur EM einen Zweikampf geben. Mit Alexander Nübel hat Deutschland zudem eine erfahrene Nummer 3. Kurz: Auf der Torwart-Position muss sich die Nationalmannschaft traditionell keine Sorgen machen.

Marc-André ter Stegen hat nach seiner langen Verletzungspause zu alter Form zurückgefunden

Unser Innenverteidiger-Duo wird Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck sein. Beide sind die Abwehrchefs bei ihren Klubs Bayern und Dortmund. Beide haben ihre internationale Klasse bereits bewiesen. Mit Waldemar Anton gibt es einen erfahrenen Back-up. Mit Malick Thiaw, Yann Aurel Bisseck und Finn Jeltsch macht sich dahinter bereits die nächste Generation bereit. Sorgen? Nicht in der Innenverteidigung.

Links in der Viererkette sieht Klopp offenbar Nathaniel Brown gesetzt. Seine Ablöse von 50 Millionen Euro, die Bayern für ihn an Frankfurt bezahlte, untermauert, dass Brown sich ebenfalls in die internationale Klasse gespielt hat. Aber: Auch David Raum, der bei Leipzig Führungsspieler und Kapitän ist, gefällt mir gut. Ich persönlich könnte mir sogar vorstellen, Brown rechts auflaufen zu lassen, um links Platz für Raum zu schaffen.

Treu stieß in Griechenland körperlich an sein Limit

Wenn überhaupt sehe ich in unserer Top-Elf nur eine Position, auf der wir ein wenig abfallen: Wir haben keinen Top-Rechtsverteidiger. Der Freiburger Philipp Treu hat sich mit drei Startelf-Einsätzen hinten rechts die Pole-Position erarbeitet und überzeugt. Technisch ist sein Spiel aber ausbaufähig, körperlich stieß er beim Spiel in Griechenland an sein Limit.

Will Klopp nicht auf Brown als Linksverteidiger verzichten, gibt es für mich noch einen Gedanken: Wieso nicht Finn Jeltsch als Rechtsverteidiger? Der gelernte Stuttgarter Innenverteidiger kann das. Jeltsch ist robust, technisch stark und schnell. Er bringt ein Tempo von über 35 km/h mit. Er wäre für mich eine Alternative zu Treu.

Philipp Treu hat gute Leistungen gezeigt, ist aber noch nicht auf internationalem Topniveau

Vorn im Sturm sehe ich Kai Havertz gesetzt und konkurrenzlos. Er spielt diese Position für den aktuellen Premier-League-Sieger und Champions-League-Finalisten FC Arsenal. Nick Woltemade muss sich hinten anstellen und sich erst mal in seinem Verein Juventus Turin durchsetzen. Woltemade, der sich erneut schwertat, muss sogar um seine Back-up-Rolle kämpfen. Die Antwort auf unsere Torflaute im Sturm könnte Niclas Füllkrug heißen. Er macht bei Werder wieder seine Tore, ist kopfballstark und weiß, wo das Tor steht. Nicolò Tresoldi trifft ebenfalls konstant seit eineinhalb Jahren. Er muss sich nun entscheiden, ob er das deutsche oder italienische Trikot tragen will.

Ich sage ganz klar: Wir haben keinen Linksverteidiger wie einst Andi Brehme, keinen Rechtsverteidiger wie Philipp Lahm und auch keinen Miroslav Klose im Sturm. Dafür haben wir aber sehr viel Qualität im Mittelfeld, die es zur Weltspitze schaffen kann. Klopp hat dort so viele gute Spieler, dass er für fünf Positionen bis zu zehn Spieler zur Wahl hat.

Klopp liebt es, mit zwei flinken Flügelspielern zu agieren. Aktuell sehe ich da rechts außen einen Karim Adeyemi, der unter Hansi Flick beim FC Barcelona wieder aufblüht. Das kann aber auch ein Lennart Karl sein, wenn er seinen Verletzungsrückstand aufgeholt hat. Dazu hat sich Serge Gnabry zurückgemeldet. Auf links hat sich Derry Scherhant Vorteile gegenüber seinen Konkurrenten verschafft. Brentfords Kevin Schade hat ebenfalls gezeigt, dass er die Rolle spielen kann. Saïd El Mala hat großes Potenzial, das er aber in seinen zwei Kurzeinsätzen nicht gezeigt hat. Alle diese Profis bringen die Geschwindigkeit und das Dribbling mit, das Klopp auf den Flügeln sehen will.

Kimmich muss als Kapitän spielen

Klopps 4-1-4-1-System ist ideal für seine Philosophie des Gegenpressings. Gegen schwächere Gegner, die Deutschland dominieren muss – wie die Serben beim 2:0 –, kann der Bundestrainer da auch variieren. Wenn es gegen Topmannschaften geht, wird das aber das deutsche System sein.

Heißt für das zentrale Mittelfeld: Wir spielen mit einem echten Sechser und davor mit zwei Achtern, jeweils auf halblinks und halbrechts. Genau darum haben wir aktuell eine Kimmich-Diskussion.

Joshua Kimmich ist vor dem Spiel in der UEFA Nations League in Griechenland wieder Thema auf der Pressekonferenz mit Bundestrainer Jürgen Klopp gewesen. Der DFB-Kapitän wird wie auch gegen Serbien nicht dabei sein, weil er nicht zum „Kader 2“ gehört. „Für mich ist es ein Weltklasse-Spieler, ein ganz ganz zentraler Spieler und für Jürgen Klopp auch“, sagt unser Reporter Julien Wolff.

Kimmich ist Klopps Kapitän und muss daher spielen. Eine klassische Sechs ist er allerdings nicht. Beim FC Bayern setzt ihm sein Trainer Vincent Kompany einen zweiten Sechser an die Seite, der ihn absichert, wenn er nach vorn geht. Bei Klopp gibt es den nicht. Für die Klopp-Philosophie ist Kimmich eigentlich einen Tick zu offensiv. Da würde vom Profil ein Aleksandar Pavlović besser passen. Ich verstehe daher, dass der Bundestrainer seine Truppe auch mal ohne ihren Leitwolf sehen wollte. Dennoch: Klopp hat nicht so viele Leader, dass er sich erlauben könnte, auf einen Kimmich zu verzichten.

Vor Kimmich rechts ist der Dortmunder Felix Nmecha der Spieler, den es für Tom Bischof he­rauszufordern gilt. Der Bayer hat das Problem, dass er in seinem Klub nicht gesetzt ist. Überzeugt er Kompany, kann er auch Klopp überzeugen. Bischof gehört zu den Gewinnern der ersten Klopp-Wochen.

Kommen wir zu der Schlüsselposition und einem Luxus-Problem. Dieses Problem muss Klopp lösen. Ginge es nach mir, könnten gerne Jamal Musiala und Florian Wirtz zusammenspielen. Klopp hat nun beim Griechenland-Spiel bestätigt, dass Wirtz bei ihm grundsätzlich auch links außen spielen kann. Doch mit Kimmich als einzigem Sechser wäre das Duo Musiala/Wirtz gegen Top-Mannschaften zu offensiv.

Dann heißt es für Klopp in seinem System: Musiala oder Wirtz. Der Bayer und der Liverpooler sind wohl unsere besten Spieler, wenn sie wieder in Topform kommen. Einen davon draußen zu lassen, klingt daher absurd. Aber wir erinnern uns: In der deutschen Fußball-Geschichte gab es dieses Luxus-Problem schon einmal. Damals hieß es: Günter Netzer oder Wolfgang Overath.

Unter Klopp hat kein Spieler einen Freifahrtschein

Bundestrainer Schön fand eine Antwort auf die Frage: Er setzte bei der WM 1974 auf den kampfstärkeren Overath als Stammspieler. Netzer kam beim Turnier im eigenen Land nur zu einem einzigen Kurzeinsatz (beim 0:1 gegen die DDR), während Overath am Ende den WM-Pokal in den Händen hielt.

Technisch die wohl versiertesten Spieler in der aktuellen Nationalmannschaft – Jamal Musiala (l.) und Florian Wirtz

Ich würde mich sehr freuen, wenn Klopp die Frage beantworten könnte mit: Musiala und Wirtz. Nach Ansicht der ersten vier Länderspiele glaube ich aber nicht – vorausgesetzt, Klopp bleibt seinem System treu –, dass wir diese Lösung bei der Europameisterschaft 2028 sehen werden.

Ob Kimmich, Musiala oder Wirtz, eins sollte allen 44 Nominierten aus Kader 1 und Kader 2 nun klar sein: Unter Klopp hat kein Spieler einen Puffer oder Freifahrtschein.

Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke