Messi geht durch die große Tür, Ronaldo nimmt den Ego-Ausgang
Die Gegensätze hätten kaum größer sein können: Hier die mit einer Lichtschau glorreich beendete Karriere, dort ein Statement in eigener Sache. Während sich Lionel Messi als absoluter Held von der argentinischen Nationalmannschaft verabschiedete, schrieb Cristiano Ronaldo beinahe zeitgleich ein letztes Kapitel seiner Egoshow.
Die beiden größten Fußballer ihrer Zeit sind in der Nacht zum Mittwoch quasi von der großen Bühne abgetreten. Der eine freiwillig, der andere unfreiwillig. Messi wurde dabei von 85.000 Fans im ausverkauften Monumental-Stadion von Buenos Aires frenetisch gefeiert, Ronaldo nach seinem Boykott nur noch durch eine öffentliche Klarstellung zu seiner Abreise vom portugiesischen Nationalteam auffällig.
Beim 3:0 im Freundschaftsspiel gegen Benin lief der 39 Jahre alte Superstar ein letztes Mal für Argentinien auf. Fangesänge, grenzenloser Jubel und ein Feuerwerk bildeten die Ouvertüre für einen historischen Fußball-Abend für „Messis letzten Tango“, bei dem die Partie gegen die von dem deutschen Trainer Gernot Rohr betreuten Beniner den Rahmen bot.
„Es war mir eine Ehre“
Messi steuerte bei seiner Abschiedsgala selbst einen Treffer per Elfmeter (71. Minute) sowie zwei Vorlagen für die Tore von Nicolas Otamendi (48.) und Nico Paz (61.) bei. Nach dem Spiel projizierte eine spektakuläre Lichtschau die Konturen Messis samt WM-Pokal in den nächtlichen Himmel über der argentinischen Hauptstadt. „Es war mir eine Ehre, dieses Trikot in den letzten 20 Jahren zu tragen. Ich habe nie aufgehört zu kämpfen. Nicht mehr dabei zu sein, wird mir sehr wehtun. Für die argentinische Nationalmannschaft zu spielen, ist das Schönste, was einem passieren kann“, erklärte das emotional bewegte Idol nach dem Abpfiff.
Sichtlich ergriffen: Lionel MessiEs war ein besonderer Moment in der Historie der Sportart. Niemand hat den Weltfußball in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten so konstant und nachhaltig geprägt wie Messi. Auch sein großer Widersacher im Weltfußball nicht: Ronaldo. Ohrenbetäubend war der Jubel, als die Stadionsprecherin vor dem Spiel „ein letztes Mal“ den Namen des Superstars aufrief. Ein riesengroßes himmelblau-weißes Trikot wurde über den Rasen gespannt, auf dem Messis Nummer 10 sowie ein „Gracias“ („Danke“) in großen goldenen Lettern aufgedruckt war.
Der verwandelte Elfmeter zum 3:0-Endstand war später der gelungene Schlussakkord einer beeindruckenden Laufbahn: Mit 126 Treffern ist er Rekordtorschütze der fußballverrückten Nation, mit 208 absolvierten Partien auch ihr Rekordspieler.
Geneigte Betrachter hätten auch Ronaldo einen ähnlich würdigen Abgang gewünscht. Doch den verhinderte der 41-jährige Star – wie so oft in seiner Karriere – im Alleingang selbst. Der divenhafte Stürmer hatte die Nationalmannschaft in der vergangenen Woche verlassen, nachdem er beim 2:1 im Nations-League-Spiel in Norwegen nicht eingesetzt worden war. In der Nacht zum Mittwoch gab er nun eine enervierende Erklärung für sein Fehlverhalten ab – und warf seinem Nationaltrainer Jorge Jesus obendrein auch noch Wortbruch vor.
Schon beim al-Nassr FC trainierte Jorge Jesus (l.) Cristiano Ronaldo. Das Wiedersehen bei der Nationalmannschaft verlief hingegen nicht ganz so harmonisch„Ich beschloss, das Trainingslager zu verlassen, ohne auf einen weiteren Wortbruch zu warten. Für mich ist die Wahrheit nach wie vor das Wichtigste in der Beziehung zwischen Menschen“, schrieb Ronaldo auf seiner Instagramseite und erläuterte die Geschehnisse rund um seine gleichermaßen abrupte wie beispiellose Abreise.
Zugleich entschuldigte er sich dafür, dass er das Team verlassen habe. „Trotz des absoluten Vertrauensbruchs seitens des Trainers – was Zeugen dieser Gespräche bestätigen können – hätte ich das nicht tun dürfen. Die Verantwortung liegt allein bei mir“, so Ronaldo. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Verbleib von diesem Moment an der Mannschaft nur geschadet hätte, und ich tat das, was ich immer gesagt hatte: Wenn ich mich nicht mehr als nützlich empfinde, packe ich meine Sachen und gehe.“
Nur noch die Rolle eines bemitleidenswerten Mitläufers
Wer seine Mannschaft derart im Stich lässt, sollte sich überlegen, ob die Berufswahl seinerzeit richtig war. Statt eine Teamsportart auszuüben, hätte bei Ronaldo ganz offensichtlich besser eine Individualsportart gepasst. Das hat er jahrelang nicht zuletzt durch sein infantiles Gockelgehabe nach einem eigenen Torerfolg auf dem Platz zelebriert. Getreu dem Motto: „Seht her, ich bin der Geilste!“ Das hat ihn zwar mit 146 Treffern in 234 Länderspielen nicht nur zum Rekordmann Portugals, sondern auch zum besten Torschützen in der Fußballgeschichte werden lassen – aber auf dem Feld hat er schon seit vielen Jahren nur noch die Rolle eines bemitleidenswerten Mitläufers inne.
Auch hier sind die beiden Karrieren der größten Fußballer ihrer Zeit diametral auseinandergegangen. Messi führte seine Mannschaft als absoluter Leader im Spätherbst seiner Laufbahn zunächst 2022 zum dritten argentinischen Triumph bei einer Weltmeisterschaft. Vier Jahre später sprang immerhin noch die Finalteilnahme gegen Spanien (0:1 nach Verlängerung) heraus. In beiden Titelkämpfen war es das 1,70 Meter kleine Genie, das sein Team beinahe im Alleingang durchs Turnier trug. So wie vor ihm der andere große argentinische Feingeist am Ball: Diego Armando Maradona. Der vor sechs Jahren verstorbene Regisseur triumphierte mit den Seinen bei der Weltmeisterschaft 1986 in vergleichbarer Rolle.
Schlusspunkt verpasst
Ronaldo hingegen hat seit dem Gewinn des EM-Titels 2016 viel von seinem Glanz eingebüßt. Beim 1:0-Finalsieg seinerzeit gegen Frankreich musste er nach 25 Minuten verletzt ausgewechselt werden und blieb als emsiger Profi in Erinnerung, der seine Mannschaft als verhinderter Spielertrainer von außen coachte. Es war das letzte große Hurra auf internationaler Bühne. Anschließend folgten das Aus im WM-Achtelfinale 2018 und drei Jahre später im EM-Achtelfinale sowie das vorzeitige Scheitern bei den Turnieren 2022 (WM-Achter) und 2024 (EM‑Sechster). Bei den globalen Titelkämpfen in diesem Jahr war dann im Achtelfinale gegen den späteren Titelträger Spanien Schluss.
Danach hätte auch er besser Schluss gemacht. Doch statt eines würdigen Abgangs entschied sich Ronaldo zur Überraschung vieler Experten zur Fortsetzung seiner internationalen Karriere – in der es aber offenbar einer Majestätsbeleidigung gleicht, wenn er mal draußen sitzen muss. Was ja mit 41 Jahren völlig normal ist. Und dass Portugal ohne den alternden Egozentriker bestens zurechtkommt, bewiesen vier Siege in vier Nations-League-Partien mit der vorzeitigen Qualifikation für das Viertelfinale.
Auf ihre Kohle gucken müssen die beiden größten Fußballer ihrer Zeit schon längst nicht mehr. Trotzdem gingen beide auch hier unterschiedliche Wege. Während Messi die Karriere bei Inter Miami in den USA ausklingen lässt, verhilft Ronaldo durch sein seit drei Jahren währendes Engagement beim al-Nassr FC dem Regime in Saudi-Arabien zu zweifelhafter Aufmerksamkeit. Der Argentinier soll als einer der absoluten Stars der Liga 18,2 Millionen Euro pro Jahr verdienen, der Portugiese auf 208 Millionen per annum kommen. Der eine kickt in einem Land, von dem maßgeblich die Demokratisierungsprozesse Deutschlands ausgingen und das gerade sogar eine zweite Amtszeit von Donald Trump als Präsident aushält, der andere in einem, in dem Homosexuellen die Todesstrafe droht.
Die jüngsten Ereignisse passen bestens in diese Reihe: Hier der mit einer Lichtshow gefeierte Messi – und dort der beleidigte Ronaldo mit einem Statement auf Instagram.
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