Mehr als ein halbes Berufsleben hat Jochen Saier schon beim SC Freiburg verbracht. Erst als Nachwuchskoordinator, dann als Sportdirektor und aktuell als Vorstand Sport. Ein bis heute mit Nachhall wirkendes Ereignis fiel indes ein Jahr vor dem Beginn seines Engagements bei den Breisgauern, das 2002 startete: die Eröffnung der vereinseigenen Fußballschule. „Rückblickend“, sagt Saier, „war das natürlich eine unglaublich wichtige Weichenstellung. Denn die Fußballschule war und ist das Fundament, auf dem der Verein in den vergangenen Jahren sehr, sehr gut stehen konnte.“

Fußballvisionär Volker Finke hatte sich seinerzeit für den Bau stark gemacht. Statt in seine Mannschaft zu investieren, riet der Trainer den Klubverantwortlichen zur Errichtung eines Nachwuchsleistungszentrums, das den Verein 20 Millionen D-Mark kostete – fast die Hälfte des damaligen Jahresetats. „Steine statt Beine“, so lautete sein Motto, und bis heute wirkt es nach.

Was sich auch am aktuellen Kader der deutschen Nationalmannschaft ablesen lässt: Mit Yannik Engelhardt, Max Rosenfelder, Derry Scherhant und Philipp Treu stehen vier aktuelle Nationalspieler im Breisgau unter Vertrag, vier weitere wurden dort ausgebildet. Nur der Rekordmeister FC Bayern (neun) stellt mehr Profis für die Auswahl von Bundestrainer Jürgen Klopp ab. Freiburg, dieser Klub mit den lange Zeit bescheiden anmutenden finanziellen Mitteln, ist sukzessive zum Role Model für den deutschen Fußball geworden.

Akademie als Erfolgsmodell

Neben der vereinseigenen Rekordzahl an abgestellten Nationalspielern, von denen insbesondere Rechtsverteidiger Treu im Team von Klopp zu überzeugen wusste, stehen die Freiburger auch sportlich glänzend da. Sieben Spiele haben sie bis dato bestritten, sechs davon gewonnen. Lediglich beim 2:2 vor der Länderspielpause in Frankfurt verließen die Mannen von Coach Julian Schuster den Platz nicht als Sieger. Der Lohn: Platz drei der Bundesliga, dazu der Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals und das Erreichen der Gruppenphase in der Conference League.

Einer der Väter der Freiburger Erfolge: Trainer Julian Schuster

Dass sie auf diesem Weg ihren Prinzipien treu geblieben sind, macht den Erfolg umso erstaunlicher. „Im Europa-League-Finale 2026, wahrscheinlich dem größten Spiel der Vereinsgeschichte, standen fünf Spieler aus der Freiburger Fußballschule in der Startformation. Drei wurden eingewechselt, und zwei weitere standen im Kader“, erklärt Saier im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. „Es ist in unserer Kultur fest verankert, dass der erste Blick bei uns immer ins eigene Haus geht, bevor wir nach außen gucken. Das machen wir auch in Zeiten, in denen wir eine gewisse Flughöhe erreicht haben – wie gerade jetzt. Das ist die Kunst: Dass man trotzdem bei sich und auf seinem Weg bleibt, auch wenn sich die Rahmenbedingungen verändert haben.“

Die veränderten Rahmenbedingungen können sie inzwischen auch an ihrem Kontostand ablesen. Von einem Festgeldkonto, das 200 Millionen Euro umfassen soll, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Saier mag diese Zahl nicht bestätigen, lässt aber durchblicken, dass sein Verein inzwischen zu den reichsten der Bundesliga gehört. „Die Zahl lasse ich mal unkommentiert“, sagt der Sportvorstand. „Eine Maxime, der der Verein stets treu bleiben konnte, lautete schon vor 25 Jahren, dass wir in den guten Zeiten etwas für die schwierigen Zeiten beiseitelegen müssen. Der Verein hat in all seinen Jahren in der Bundesliga positive Finanzergebnisse erzielt, um auch für längere Phasen in der zweiten Bundesliga vorbereitet zu sein.“

Seit 24 Jahren in Freiburg: Jochen Saier

Gesunde Strukturen, aber auch die Transferpolitik seien dafür ausschlaggebend gewesen: Im richtigen Moment einen lukrativen Verkauf zu tätigen, um dadurch das finanzielle Potenzial für die Verpflichtung von zwei, drei interessanten, entwicklungsfähigen Spielern zu haben. „Über diesen Weg sind wir auf Strecke kadermäßig dichter und auch besser geworden“, erklärt Saier.

Mit seinem identitätsstiftenden Ansatz und der besonderen Talentförderung, die Freiburg bereits einführte, als die Konkurrenten noch nicht einmal über den Bau von Nachwuchsleistungszentren nachdachten, gilt der SC nun vielen Vereinen in Deutschland als Vorbild. Auch wegen der hohen Durchlässigkeit der Hochbegabten zur Männermannschaft: Insgesamt sind in den 25 Jahren des Bestehens der Fußballschule 73 Spieler aus der Akademie in den Profikader aufgerückt. Das ist eine enorme Zahl.

Einer von ihnen ist inzwischen absoluter Leistungsträger in der Nationalmannschaft: Nico Schlotterbeck. Der (gerade wieder verletzte) Innenverteidiger wechselte 2022 für eine Ablöse in Höhe von 20 Millionen Euro zu Borussia Dortmund – der bis dahin zweitteuerste Verkauf der Vereinsgeschichte. Ein Jahr später folgte Kevin Schade für 25 Millionen Euro zum FC Brentford. Wie Schlotterbeck, Noah Atubolu und Mika Baur ist auch er aktueller Nationalspieler mit Freiburger Geschichte.

Und in diesem Sommer schließlich sorgte Johan Manzambi für einen wahren Geldregen. Der Schweizer kam als 17-Jähriger ablösefrei aus der Jugend von Servette Genf zum SC, wurde dort gefördert, über die A-Jugend sowie die zweite Mannschaft mit Bedacht nach oben gebracht und dann im Juli nach einer starken Weltmeisterschaft für 65 Millionen Euro an Aston Villa verkauft.

Bundesliga-Star Johan Manzambi setzt sich gegen zwei Algerier durch und bedient dann Embolo, der eiskalt abschließt. Der Treffer im Video.

Auch wenn er nicht seine komplette Ausbildung im Breisgau genossen hat, steht der Rekordverkauf symbolisch für den Freiburger Weg. Denn auf der anderen Seite hat der Klub trotz immenser Einnahmen mehr als solide auf dem Transfermarkt agiert und den im halbjährlichen Rhythmus stattfindenden „Punk“ nie mitgemacht. Torwart Mio Backhaus, der vor der Saison von Werder Bremen zum SC kam, ist mit zwölf Millionen Euro Rekordeinkauf der Freiburger Vereinsgeschichte. Dahinter folgen Rechtsaußen Ritsu Doan, der 2022 für 10,4 Millionen Euro von Eindhoven in den Breisgau kam, und Yuito Suzuki. Der japanische Spielgestalter wechselte vor einem Jahr für zehn Millionen Euro von Bröndby zum SC.

Dort, wo einige Klubs der Versuchung nach einer schlagartig verbesserten Mannschaft erlegen sind, ist Freiburg stets seiner Philosophie treu geblieben und hat sich nie am bisweilen abstrus anmutenden Wettbieten beteiligt.

Yannik Engelhardt (l.) und Max Rosenfelder vor dem Nations-League-Heimspiel gegen Griechenland

Auch in anderer Hinsicht bietet der Klub Einmaliges: In einer von „Hire and Fire“ geprägten Branche mit wenig Geduld für die handelnden Protagonisten stellt der SC einen schönen Gegenentwurf dar. Seit Finke, der mit seinem Weitblick seiner Zeit voraus war und als Coach von 1991 bis 2007 wirkte, waren in den vergangenen 19 Jahren lediglich vier (sic!) verschiedene Trainer beim SC aktiv: Robin Dutt (von 2007 bis 2011), Marcus Sorg (Juli 2011 bis Dezember 2011), Christian Streich (Dezember 2011 bis 2024) und seither Schuster.

„Viele Vereine falsch abgebogen“

Mit dem Grundvertrauen in den wichtigsten Angestellten des Vereins unterscheidet sich der SC wesentlich von fast allen anderen Kontrahenten. Die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers in der Fußball-Bundesliga betrug über einen Zeitraum der vergangenen zehn Jahre betrachtet lediglich 13 Monate.

Auch Saiers Wirken als Freiburger Funktionär ist von einer großen Konstanz und beidseitiger Loyalität geprägt. „Wir zeigen, dass wir mit ein bisschen mehr Ruhe und eben nicht dieser Effekthascherei unsere Ziele verfolgen. Das trifft auf erfolgreiche Zeiten wie gerade jetzt zu, aber auch auf Phasen, in denen es etwas holpriger läuft. Das haben wir mit klaren Leitplanken erreicht“, sagt der 48‑Jährige.

Die von Klopp vorgenommene Kadernominierung sei eine deutliche Bestätigung der geleisteten Arbeit beim SC. „Wir wollen weiterhin bei uns bleiben. Wir wollen maximalen Erfolg, aber halt auf und mit unserem Weg. Das ist ja die große Kunst: zusammenzuhalten, wenn die Ansprüche von außen steigen, wenn sich der Blick auf uns ändert. Ich glaube, es ist schon ein Schlüsselfaktor für uns, dass wir uns nicht zu sehr von außen treiben lassen.“

Eine Ruhe, die in Fußball-Deutschland ihresgleichen sucht und ein Erfolgsmerkmal der Freiburger geworden ist. „Diesem Weg sind wir treu geblieben, und trotzdem haben wir in den vergangenen Jahren auch ambitioniert in unseren Kader investiert“, so Saier. „Die Grundlage für Erfolg ist natürlich eng mit der Kaderqualität verbunden, aber vor allem auch über die Arbeitsweise und die Stabilität im Klub.“ Sein Verein habe einen klaren Markenkern entwickelt und verfolge einen Weg, den alle aus Überzeugung mittragen würden. „Auch daher konnte der SC so wachsen wie in den vergangenen Jahren“, sagt Saier. „Wir wollen Grenzen verschieben, aber auf unserem Weg bleiben. Das ist ein hoher Anspruch. An dieser Weggabelung sind in der Vergangenheit ja viele Vereine falsch abgebogen.“

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