„So schlecht, dass sogar die Italiener überrascht waren“ – Trainer Montella unter Beschuss
Der Schuldige war für das Publikum in Bursa nach 27 Minuten gefunden. Die türkische Nationalmannschaft hatte gerade eine italienische Kombination im eigenen Strafraum zugelassen – Außenverteidiger Michael Kayode konnte unbedrängt einschieben. Es war das 0:3 aus türkischer Sicht. „Montella, tritt zurück“-Sprechchöre hallten durch die Timsah Arena, dazu immer wieder ein Pfeifkonzert.
Montella, Vorname Vincenzo, ist eigentlich Italiener, hatte aber beim Gastspiel seines Heimatlandes bei seinem aktuellen Arbeitgeber wenig zu lachen. 1:4 (0:3) verlor der türkische Nationaltrainer mit seinem Team – angesichts eines Gegners, der in den vergangenen Monaten auch nicht die Sterne vom Himmel spielte und nach der verpassten WM-Qualifikation mit Alt-und-Neu-Trainer Roberto Mancini selbst einen Neustart durchmacht, ein Debakel. Dazu war es die zweite Niederlage im zweiten Nations-League-Spiel nach dem Aufstieg in die A-Liga.
Nicht nur die Fans machen nach der verpatzten WM Trainer Montella für den Fehlstart verantwortlich. Auch die heimische Presse hat sich auf den 52-Jährigen eingeschossen – und fordert unverhohlen dessen Ende. „Wir müssen nun eine neue Ära mit einem anderen Trainer beginnen, der die Qualität unseres Kaders im Spiel widerspiegelt“, hieß es in der Zeitung „Hürriyet“. Das schonungslose Fazit zum Auftritt der Nationalmannschaft: „Wir waren so schlecht, dass sogar die Italiener überrascht waren.“
Auch die Sportzeitung „Fanatik“ zweifelt an einer Zukunft Montellas. „Er muss nach diesem Spiel ernsthaft hinterfragt werden. Meiner Meinung nach hat er sich das Vertrauen weitgehend verspielt. Die Nationalmannschaft braucht neue Energie, neue Ideen und eine veränderte Kaderzusammenstellung“, hieß es in einer Kolumne zum Spiel.
„Montella hat Arda Güler wirkungslos gemacht“
Kernvorwurf an Montella: ein zu defensives System, in dem das Potenzial der durchaus namhaften Einzelspieler verschenkt werde. Beispiel Arda Güler, der Star von Real Madrid, der gegen Italien auf der rechten Offensivseite ran musste. „Wir haben einen der besten Zehner der Welt. Doch leider hat Montella Arda durch diese Aufstellung wirkungslos gemacht“, klagte der Kommentator der „Hürriyet“. „Es ist ein System, in dem niemand in die Nähe des Tores kommt, der Angriff nie richtig in Schwung kommt, niemand Tore schießen kann.“
Montella sah sich schon nach dem peinlichen Aus in der Gruppenphase der WM im Sommer heftiger Kritik ausgesetzt, durfte aber weitermachen. Nun brodelt es erneut um seine Person. Die Buhrufe in der ersten Halbzeit seien zwar verdient gewesen und seine Mannschaft habe in den ersten 30 Minuten ein schlechtes Spiel gezeigt, sagte Montella selbst. Ansonsten wehrte er sich aber gegen die Kritik an seiner Person.
Im Kreuzfeuer der Kritik: Vincenzo Montella„Diese Mannschaft spielte vor zweieinhalb Jahren noch in der Liga C, wir haben mit mir die Liga B gewonnen und spielen jetzt in Liga A“, erklärte Montella auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. In den letzten beiden Austragungen der Nations League war der Türkei der Durchbruch gelungen. „Das Niveau in dieser Liga ist anders, es ist nicht einfach, alle drei Tage auf diesem Niveau zu spielen. Wir spielen auf einem ungewohnten Niveau, daran müssen wir uns erst gewöhnen“, sagte Montella.
Er verwies auf die Kaderwerte beider Mannschaften – Italiens Kader ist mit 856,5 Millionen Euro mehr als doppelt so viel wert wie der türkische Kader (411 Millionen Euro) – und eine daraus resultierende falsche Erwartungshaltung in der Türkei. „Vor dem Spiel herrschte die Stimmung, als ob uns ein leichtes Spiel bevorstünde. Aber ich habe meinen Spielern gesagt, dass es kein leichtes Spiel werden würde“, sagte Montella. Er sollte Recht behalten.
Kapitän Demiral entschuldigt sich
Alessandro Bastoni (9.), Davide Frattesi (22.) und Kayode (27.) sorgten schon früh für klare Verhältnisse. In der zweiten Halbzeit steigerte sich die Türkei zwar, kam durch Baris Yilmaz (47.) aber nur zum Anschlusstreffer. Francesco Esposito (50.) stellte den alten Abstand schnell wieder her.
Montellas Spieler fanden deutlichere Worte zur Pleite als ihr Trainer. „Wir entschuldigen uns bei unserem Land. Das war uns nicht würdig. Wir schämen uns für diese Leistung. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen“, sagte Kapitän Merih Demiral dem TV-Sender A Spor. Und Verteidiger Zeki Celik ergänzte: „Egal, wie gut Italien auch sein mag – ein 4:1 bei uns zu Hause hätte es nicht geben dürfen.“
Die Frage ist nun, ob sich der türkische Verband dem öffentlichen Druck beugt und Montella entlässt. Laut „Fanatik“ soll Verbandspräsident Ibrahim Haciosmanoglu das Stadion noch vor Beginn der zweiten Halbzeit verlassen haben. Es ist ein klares Indiz.
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