Majestätsbeleidigung oder Abschied auf Raten? Ronaldo sitzt 90 Minuten auf der Bank
Die Perspektive dürfte ihm selbst recht komisch vorgekommen sein. Das gesamte Spiel musste Cristiano Ronaldo von der Bank aus betrachten. Immerhin durfte er von dort aus zweimal über einen Torerfolg seiner Portugiesen jubeln. João Félix (17.) und Gonçalo Ramos (54.) stellten am Sonntagabend den 2:1-Auswärtssieg in Oslo gegen Norwegen sicher – und damit die Tabellenführung in der Nations-League-Gruppe.
So weit, so schlecht. Denn die fußballverrückte Nation rätselt jetzt, ob Ronaldos Bankplatz eine Majestätsbeleidigung war oder schlichtweg ein Abschied auf Raten für den inzwischen 41 Jahre alten Superstar Portugals. Immerhin ist es fast zweieinhalb Jahre her, dass Ronaldo in einem Länderspiel 90 Minuten lang auf der Bank verbringen musste. Im Testspiel vor der Europameisterschaft 2024 in Deutschland saß der Stürmer bei der 1:2-Niederlage gegen Kroatien am 8. Juni 2024 die gesamte Spieldauer auf der Auswechselbank. Der damalige Nationaltrainer Roberto Martinez schonte ihn für das Turnier.
In einem Pflichtspiel Portugals saß der Angreifer sogar letztmals vor 18 Jahren draußen: während der 0:2-Niederlage gegen die Schweiz bei der EM 2008.
Schon seit geraumer Zeit ist zu beobachten, dass Ronaldo vom einstigen Weltklassestürmer in die Rolle eines Mitläufers abgestiegen ist – weil ihm inzwischen das fehlt, was ihn zu einem Ausnahmestürmer hat werden lassen: Rasanz, Tempo, Torgefahr. Bei der WM im zurückliegenden Sommer in den USA, Kanada und Mexiko kam er zwar auf drei Tore in fünf Spielen – aber er konnte nicht mehr die Aura früherer Tage auf dem Fußballfeld verkörpern.
„Wir wollen Ronaldo in den vier Matches“
Damals wurde gerätselt, ob es nicht besser wäre, die großartige Karriere des Mannes, der mit 146 Treffern Portugals Rekordtorschütze ist, auf internationalem Terrain nun doch zu beenden – bevor der Mythos mehr und mehr verblasst. Schließlich konnte er, anders als der neben ihm zweite Ausnahmespieler seiner Zeit, Lionel Messi, nicht mehr eine Mannschaft als Anführer durchs Turnier tragen. Während Messi, 39 Jahre alt, Argentinien zum zweiten Mal in Folge fast im Alleingang ins Endspiel führte, musste Ronaldo mit den Seinen bereits im Achtelfinale die Segel streichen. 0:1 gegen den späteren Weltmeister Spanien hieß es seinerzeit.
Ronaldo nach dem Aus bei der WMDoch der Angreifer mit dem Hang zur Egozentrik entschied sich für einen Verbleib in der Nationalmannschaft. Dass seine Mannschaft ihn nicht mehr zwingend braucht, wurde nun zum Auftakt der Nations League deutlich. Beim 1:0 gegen Wales am vergangenen Donnerstag blieb er weitgehend blass und wurde nach 68 Minuten ausgewechselt. Nun musste er in Oslo sehen, wie weiter am Denkmal gesägt wird.
Der neue Trainer, Jorge Jesus, wollte allerdings (noch) nichts von einem Bedeutungsverlust für den Star wissen. „Ronaldo hat fast 70 Minuten gegen Wales gespielt, und ich hatte das Gefühl, er könne heute nicht im zweiten Match in Folge starten. Wir wollen Ronaldo in den vier Matches. Auch wenn es jeweils nur für ein paar Minuten ist, wollen wir ihn auf dem Platz haben.“
Nach seiner Nichtberücksichtigung verschwand Ronaldo in Oslo schnurstracks in der Kabine – ohne sich von den rund 500 mitgereisten Fans zu verabschieden. Jesus wurde auf diesen Fauxpas bei der Pressekonferenz angesprochen. „Warum hat er sich nicht bei den Fans bedankt? Das müsst ihr ihn selbst fragen“, meinte der Coach. „Ich kann seine Gedanken nicht lesen, aber ich werde es wissen, wenn ich mit ihm spreche.“
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