Kurz nach dem Gegentreffer war es, als Jürgen Klopp am Sonntagabend in Augsburg Platz nahm. Der Bundestrainer, der sonst überwiegend an der Seitenlinie stand, setzte sich nach dem Treffer des Griechen Dimitrios Kourbelis auf eine große blaue Kiste, in der Getränke für die deutschen Nationalspieler gekühlt werden. Es gibt ein Bild von diesem Moment. Klopp sieht darauf sehr nachdenklich aus. Es hat den Anschein, als würde er kurz innehalten. Der 59-Jährige, der auf den Rasen starrt, wirkt ernüchtert.

Es ist ein Bild mit Symbolcharakter. Von einem Abend, an dem 28.945 Zuschauer zum Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Griechenland in die Arena von Augsburg gekommen waren – und von denen sich ein Großteil mehr erwartet haben dürfte als diesen Auftritt. Das 0:1 (0:1) weckte Erinnerungen an viele desaströse Spiele. Ausnahme waren die ersten 15 Minuten nach dem Seitenwechsel.

Ernüchterung in Augsburg: Jürgen Klopp sah eine schwache Leistung seines Teams gegen Griechenland

Nach dem 1:1 in den Niederlanden am vergangenen Donnerstag bekam der Anhang am Sonntag gegen Griechenland vor Augen gehalten, wie es um den deutschen Fußball steht: schlecht. „Wir sind keine Top-Mannschaft mehr“, sagte Bastian Schweinsteiger, Weltmeister von 2014, in seiner Funktion als ARD-Experte: „Wir sind Mittelmaß – und haben keine Spieler mehr, die den Unterschied ausmachen. Die Griechen haben sie.“ Einzig Joshua Kimmich erwähnte er. Harte Worte, aber treffend zugleich.

„Wenn die Euphorie jetzt weg ist, tut mir das leid“, sagt Klopp

Es war ein bitterer Realitäts-Check, den der Bundestrainer in der Kabine zunächst mit den Spielern besprach, ehe er sich den Fragen der Medien stellte. Dabei stemmte er sich gegen eine neu aufkommende Negativstimmung im Land nur drei Monate nach dem Flop bei der WM, als Deutschland im Sechzehntelfinale an Paraguay gescheitert war. Im Anschluss an den vorzeitigen WM-K.o. war Julian Nagelsmann Anfang Juli als Bundestrainer zurückgetreten.

Ende Juli wurde Jürgen Klopp als Nachfolger inthronisiert. Ein Ruck ging durch den deutschen Fußball, wie ein Heilsbringer wurde der neue Bundestrainer gefeiert. „Wenn die Euphorie jetzt weg ist, tut mir das leid“, sagte der 59-Jährige. Bei ihm sei das nach zwei sieglosen Spielen keineswegs der Fall. „Es gibt für mich keinen Grund, jetzt in Depression zu verfallen und zu sagen, wir sind ja doch so schlecht. Sind wir nicht“, sagte Klopp: „Aber wir sind auch nicht jetzt schon wieder so gut, wie wir gerne wären.“

Klopp übernahm die Verantwortung für den Fehlstart in die Nations League, für seine große Sichtung mit dem Doppelkader inklusive zahlreicher Neulinge, für Aufstellung und Ergebnis. Und er wandte sich nach der Niederlage gegen die Griechen direkt an die Medien: „Wenn ihr euch auf dem Weg an jemandem auslassen und jemanden kritisieren wollt, macht das mit mir. Lasst euch an mir aus – und lasst die Jungs in Ruhe.“

Nicht nur die Nationalmannschafts-Neulinge, sondern auch die etablierten Spieler bräuchten Unterstützung: „Das sind Topspieler in Topvereinen. In Sack und Asche müssen sie nicht gehen.“ Wer die Art Fußball, die er der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit harter Arbeit einimpfen möchte, „mitgehen will, für den wird immer eine Tür offen sein“, sagte Klopp an die Adresse der Spieler. Das sollte auch heißen: Zweifel an seinem Weg lässt er nicht zu.

Timo Hildebrand, ehemaliger Nationaltorwart, kommentiert bei „WELT – Stimme am Morgen“ die jüngsten Länderspiele unter Jürgen Klopp. Trotz durchwachsener Ergebnisse sieht er Potenzial: „Wir müssen ihm einfach vertrauen“, so Hildebrand.

Aber auch der so erfolgreiche ehemalige Vereinscoach, der mit dem BVB und dem FC Liverpool viele Titel gewann, kann als Nationaltrainer nicht zaubern. „Dass der deutsche Fußball aktuell nicht in der besten Situation aller Zeiten ist und Jürgen Klopp nicht vorbeikommt und einfach kurz mit Handauflegen alle Probleme löst, das wusste ich vorher“, sagte er: „Wenn es irgendwer nicht wusste, weiß er es jetzt.“

Er ist der 13. Bundestrainer in der Geschichte des deutschen Fußballs – und neben Sepp Herberger (1937) und Helmut Schön (1967) erst der dritte, der keines seiner ersten beiden Spiele gewinnen konnte. Sowohl Herberger als auch Schön holten später mit der deutschen Nationalmannschaft Titel. Herberger wurde 1954 Weltmeister, Schön 1972 Europameister und zwei Jahre später Weltmeister.

Deutschland fehlen die Ideen in der Offensive

Der Weg dahin aber ist noch weit. Wie es um die deutsche Mannschaft bestellt ist, die bei den vergangenen drei WM-Turnieren jeweils vorzeitig scheiterte, zeigte sich am Sonntag sehr deutlich. Es gab nur wenige gute Angriffe, auch wurden Zweikämpfe nicht in dem Maße angenommen bzw. geführt, um den Gegner vor große Probleme zu stellen. Hier und da traute sich der eine oder andere Spieler mal etwas zu, oft aber kam dann der letzte Pass nicht an oder der Ball ging neben bzw. über das Tor.

Es war schlichtweg zu wenig und qualitativ nicht ausreichend – in einem Spiel, in dem sich ob der Taktik des Gegners zwar weniger Platz bot als noch vor wenigen Tagen in Amsterdam. Aber manchmal ist es eben auch nur die eine geniale Idee, der es bedarf, um den Gegner zu knacken. In Augsburg fehlte dieser Spielertyp im deutschen Team.

Im November, wenn die abschließenden Nations-League-Spiele in Serbien und daheim gegen die Niederlande anstehen, wird sich zeigen, auf wen Klopp künftig setzt. Der aktuelle 44-Mann-Kader wird dann wieder auf üblicherweise 23 Spieler reduziert. Die Tür, betonte er in Augsburg erneut, sei für jeden offen.

Joshua Kimmich war im Mittelfeld viel zu oft auf sich allein gestellt

Klopp relativierte das Zustandekommen der Niederlage am Sonntag. „Wir sind eine Woche zusammen. Treffen auf einen defensiven Gegner. Sind eine neu zusammengewürfelte Truppe. Und dann müssen wir Abläufe haben“, sagte der Bundestrainer. „Dass wir jetzt hier einen tiefstehenden griechischen Gegner nicht komplett auseinandernehmen, das war klar. Damit, das Spiel heute nicht hoch zu gewinnen oder sogar zu verlieren, hätte ich wirklich leicht leben können. Verlieren darfst du es nicht.“

Verunsichert standen die deutschen Spieler nach dem Abpfiff vor der Tribüne. Es gab Applaus, aber auch vereinzelt Pfiffe. Klopp stand hinter den Spielern und bedankte sich klatschend für die Unterstützung.

Noch in der Nacht begab sich der DFB-Tross zurück ins Teamquartier nach Herzogenaurach. Klopp hatte für die Spiele in der Nations League gegen die Niederlande, Griechenland, am Donnerstag gegen Serbien (20.45 Uhr/ZDF und im Liveticker bei WELT) und Sonntag in Griechenland (20.45 Uhr/RTL und im Liveticker bei WELT) insgesamt 44 Spieler nominiert – und in zwei Kader geteilt. Ein Großteil von Kader eins verabschiedete sich am Sonntag. Nur Serge Gnabry, Nico Schlotterbeck, Philipp Treu, Bambasé Conte, Finn Dahmen und Jonathan Burkardt dürfen noch bleiben.

Der Druck ist schon nach zwei Spielen groß

Viel Zeit bleibt dem Coach bis zum Spiel gegen Serbien, das seine zwei Nations-League-Partien verloren hat, allerdings nicht. „Die zweite Gruppe ist ausgeruht, wir werden zweimal trainieren“, kündigte Klopp an. Der Druck ist groß. Noch eine Niederlage würde die Stimmung vollends kippen und den Klopp-Effekt komplett verpuffen lassen.

Ob es von den Rängen die Unterstützung geben wird, die man sich ob der sportlichen Brisanz nicht nur wünscht, sondern die es vielleicht auch braucht, bleibt abzuwarten. Beim Spiel in Augsburg warb der DFB sehr offensiv auf den TV-Werbebanden für Tickets, die es für das Serbien-Spiel noch gibt. Dass es bislang noch nicht ausverkauft ist, könnte am Oktoberfest liegen, das derzeit in München ist und dafür sorgt, dass die Hotels teils ausgebucht oder aber die Zimmerpreise wegen der großen Nachfrage zu hoch sind.

Knapp 75.000 Zuschauer passen in die Arena. Wie viele auch immer kommen werden, die deutsche Mannschaft steht unter Zugzwang. Was ihre weitere Entwicklung betrifft, gab sich der Bundestrainer zuversichtlich. „Am Ende wird es einen Moment geben in der näheren Zukunft, an dem wir bereit sind, gegen jeden Gegner unangenehm zu sein.“ Fragt sich nur, wann.

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