Er hat viel gesehen und erlebt. Als Trainer des FC Bayern, als kroatischer Nationaltrainer. Niko Kovac nimmt heutzutage viele Dinge deutlich gelassener als noch vor einigen Jahren. Das Geschäft härtet ab. Und so lässt der 54 Jahre alte Trainer von Borussia Dortmund auch die latente, aber fast schon chronische Kritik aus dem Klub-Umfeld kaum an sich heran. Dass der Spielstil der Mannschaft zu unansehnlich sei. Dass er Spieler falsch einsetze. Dass er zu wenig auf junge Spieler setze.

Ja, die Auftritte sind häufig keine Gala-Vorstellungen. Doch die Punkteausbeute nimmt dieser Kritik den Wind aus den Segeln: Die Borussia gewann in dieser Saison bislang jedes Pflichtspiel, zuletzt das schwere Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart (1:0). Folge: Platz eins in der Liga vor dem FC Bayern. Kovac ist – nach dem Punkteschnitt zu urteilen – der erfolgreichste Trainer der BVB-Geschichte. Selbst der Rekordmeister in München spricht bereits von einer „Jagd“ auf den BVB.

Stellt sich die Frage: Kovac und der BVB – wann wird das endlich „Echte Liebe“?

Kovac weiß um dieses Grundraunen. Und ist bemüht gegenzusteuern. Doch es benötigt Zeit. Ein Beispiel dafür: Der Kroate redet seiner Mannschaft fast schon gebetsmühlenartig ein, dass vor allem die Offensivspieler es schaffen müssen, in die Tiefe, hinter die Verteidigung des Gegners vorzustoßen. Dies funktioniere nur mit Läufen in diesen Raum. Doch sowohl Konstantinos Karetsas als auch Ethan Nwaneri, die im Sommer zum BVB stießen, sind von ihren Ex-Vereinen eine andere Spielweise gewohnt. Sie fordern den Ball, meist mit dem Rücken zum Tor. Kovac muss ihnen nun täglich einflößen, dass sie ihre Spielweise anpassen müssen.

Die Idee einer Fünferkette wurde verworfen

Ein weiteres Beispiel, das am Ende jedoch scheiterte: In den vergangenen Monaten wurde intern intensiv diskutiert, ob es nicht besser wäre, das Spielsystem umzustellen. Von der defensiven Fünfer- auf eine Viererkette. Kovac war dieser Überlegung offen gegenüber eingestellt. Das Problem: Für das neue System bräuchte der BVB offensive Flügelspieler. Die Auswahl solcher Profis im Kader ist jedoch überschaubar. Besser gesagt: nicht vorhanden.

Die Idee musste verworfen werden. Also wurde entschieden, dass zumindest die Position der Außenverteidiger verstärkt werden soll, um der rechten Seite mehr Dampf zu verleihen. Der polnische Offensivspieler Marcel Regula war bereits im Anflug – als Giannis Konstantelias sich im ersten Saisonspiel gegen den HSV einen Kreuzbandriss zuzog. Mit Nwaneri musste ein Ersatz für diese Position verpflichtet werden, danach war das Transferbudget ausgeschöpft. Kovac waren die Hände gebunden, er muss nun mit den vorhandenen Bordmitteln arbeiten.

Dortmunds Trainer ist dabei bereit, ins Risiko zu gehen. Um dem BVB mehr Spielkultur zu verleihen. Sowohl Felix Nmecha als auch Nico Schlotterbeck waren nach ihren Verletzungen eigentlich noch nicht so weit, um wieder aufzulaufen. Nmecha kam dennoch zum Ende der vergangenen Saison wieder zum Einsatz, Schlotterbeck zuletzt beim Heimspiel gegen Paderborn. Vor allem der Mittelfeldspieler ist für das Kovac-Spiel essenziell, auf ihn kann der Trainer am wenigsten verzichten.

Wer nicht spurt, der spielt nicht

Immerhin: Für die Offensive erhielt Kovac Verstärkung. Mit Karetsas, Nwaneri und Konstantelias, sofern er denn fit wäre. Doch auch bei diesen Akteuren bittet Kovac intern ebenfalls um eines: Zeit. Aus seiner Sicht sind sämtliche Neuen nicht auf dem Fitnesslevel, das er einfordert. Zuletzt ließ er einen Laktattest durchführen, um exakte Daten über die körperliche Verfassung der Spieler zu erhalten. Individuell sollen sie nun auf das nächste Level gehoben werden. Denn seine Marschroute ist unmissverständlich: Wer nicht spurt, der spielt nicht.

Erste Zugänge merkten ihm gegenüber bereits an, dass sie ganz schön viel Laufarbeit verrichten müssten. Kovac nickte nur zustimmend. Seine Devise: Um spielerisch glänzen zu können, sind die Grundlagen unverhandelbar. 15 Partien ohne Gegentor in der vergangenen Saison sowie drei „Zu-null-Spiele“ in dieser Spielzeit sprechen eine klare Sprache.

Am vierten Spieltag gewinnt Borussia Dortmund mit 1:0 beim VfB Stuttgart und übernimmt die Tabellenführung vor Bayern München. Die Stuttgarter fallen nach der Niederlage auf den 14. Tabellenplatz zurück.

Seine Vorgesetzten trauen Kovac zu, diesen Prozess in die Tat umzusetzen, nämlich die Fans auch mit der Spielweise überzeugen zu können. Deshalb gibt es bereits einen klaren Fahrplan: In den kommenden Wochen sollen die Verhandlungen mit den Geschäftsführern um Sport-Boss Lars Ricken über einen neuen Vertrag aufgenommen werden. Präsident Hans-Joachim Watzke will Ricken, Klubchef Carsten Cramer sowie Finanz-Geschäftsführer Thomas Treß mit neuen Kontrakten ausstatten.

Sind diese Papiere unterschrieben, sollen die Gespräche mit der Kovac-Seite aufgenommen werden. Auch der Trainer ist nur noch bis zum kommenden Sommer gebunden. Kovac selbst sieht seinen Weg beim BVB noch nicht beendet, eine Einigung ist somit nur Formsache. Und vielleicht wird dann doch noch „Echte Liebe“ draus.

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