„Man sollte keine Angst haben müssen, dass man mit der Deutschlandfahne komisch angeschaut wird“
Die deutsche Nationalmannschaft wird an diesem Sonntagabend das zweite Spiel in der Nations League bestreiten. Nach dem intensiven 1:1 gegen die Niederlande beim Debüt des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp ist nun in der Augsburger Arena Griechenland der nächste Gegner (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT). Vor dem Duell stand DFB-Sportdirektor Völler Rede und Antwort. Es war der Wunsch von Klopp, dass der 66-Jährige nach der verkorksten Nagelsmann-Ära und der Blamage bei der WM im Sommer weitermachen solle.
Frage: Welche Schulnote würden Sie der Klopp-Premiere geben und warum?
Rudi Völler: Gut. Wir haben einen wichtigen Punkt in den Niederlanden geholt. Das war ein guter Auftakt.
Frage: Hätte ein Rudi Völler den Ball früher in der Situation vor dem 1:0 ins Aus gespielt?
Völler: Nein, das Spiel sollte meiner Meinung nach nur bei Kopfverletzungen unterbrochen werden.
Das 1:0-Führungstor des DFB-Teams gegen die Niederlande lässt die Emotionen hochkochen. Virgil van Dijk nannte den Treffer eine „Schande“, weil die deutschen Spieler den Ball zuvor nicht ins Aus gespielt hatten, obwohl Brian Brobbey sich ohne gegnerische Einwirkung verletzt hatte und auf dem Rasen saß.Frage: Zum Start der Länderspiele hat Jürgen Klopp eine erste Ansprache an die Mannschaft gehalten. Wie kam die bei Ihnen an?
Völler: Jürgen spricht total authentisch und positiv, voller Energie. Manchmal fragt man sich, wo er die Energie eigentlich hernimmt. Das ist schon beeindruckend. Er schafft es, die Menschen auf seine Seite zu bekommen. Das ist für einen Trainer neben der fachlichen Qualität eine der wichtigsten Fähigkeiten. Aber wir sollten mit ihm und seinem Team auch Geduld haben. Wenn alles gleich gelingt, umso besser. Aber wenn ein Spiel mal nicht so läuft, wie wir uns das alle wünschen, dann müssen wir weiter seinem eingeschlagenen Weg und der Entwicklung der Mannschaft vertrauen. Siege sind auch jetzt gut, um die Menschen mitzunehmen. Wir haben aber auch unter Julian bis zur WM elfmal hintereinander gewonnen. Das Entscheidende ist dann immer das Turnier selbst. Das kommt für alle wieder in zwei Jahren – die EM.
Frage: Sie sprechen seine Energie an, die auch im Training zu sehen ist. Wie impulsiv erleben Sie ihn da?
Völler: Exakt genauso. Ich war selbst Trainer und schaue genau hin und bin neugierig, wie er gemeinsam mit seinem Trainerteam arbeitet, wie er spielen lässt. Auch im Training spürst du Jürgens Energie. Ich habe das schon mal erlebt, Christoph Daum war ihm in diesem Punkt ähnlich. Die grundsätzlich positive Stimmung gab es ja bei Julian (Nagelsmann, die Redaktion) auch. Irgendwann ist sie dann leider ein bisschen gekippt.
Frage: Hatten Sie noch mal Kontakt zu Julian Nagelsmann?
Völler: Wir haben einige Male telefoniert. Julian wird ein bisschen durchatmen, zur Ruhe kommen. Und dann wird er schnell wieder eine absolute Top-Mannschaft übernehmen, da habe ich keine Zweifel. Er ist ein exzellenter Trainer.
Frage: Es war immer Ihr Terrain, mit den Spielern mal einen Kaffee zu trinken und zu quatschen. Müssen Sie sich dafür jetzt mit Klopp die Lobby teilen? Er scheint ja auch immer und überall mit den Spielern im Gespräch?
Völler: Wir kommen uns da nicht in die Quere. Klar, Jürgen ist gefühlt überall. Aber das war ja auch so gewollt und ist richtig so. Nach einer Enttäuschung wie bei der WM brauchst du eine gewisse Aufbruchstimmung. Die ist grundsätzlich da, wenn es einen Wechsel auf der wichtigsten Position gibt – der des Bundestrainers. Ich will jetzt gar nicht ins Politische abschweifen, aber bei uns in Deutschland wirkt ja vieles gerade ein bisschen bedrückt und stark problembehaftet, auch die jüngsten Wahlen haben Spuren hinterlassen. Deswegen soll es wenigstens im Fußball wieder besser werden.
Frage: Machen Ihnen die Wahlen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, bei denen die AfD jeweils stärkste Kraft war, Angst?
Völler: Ich verfolge diese Entwicklung bereits ein bisschen länger. Das ist ja kein rein deutsches, sondern auch ein europäisches Problem. Ich bin mit einer Italienerin verheiratet. Meine Frau ist auch gegen den Rechtsruck in ihrer Heimat. In Italien gibt es den nicht nur viel länger, die rechtspopulistische Partei Fratelli d'Italia stellt zudem die Ministerpräsidentin. Ich sehe die Entwicklung mit Sorge: Die Empfänglichkeit für extreme Positionen und Parteien verschiedener Ausprägung nimmt auch in Deutschland zu.
Frage: Spüren Sie den Spagat zwischen dem, was Klopp gesagt hat: Wir möchten gern wieder die Fahne rausholen, dürfen sie aber nicht den falschen Leuten überlassen?
Völler: Ich weiß, was er meint, und verstehe den tieferen Sinn. Bei unseren Fans war die Deutschlandfahne aber auch in den vergangenen Jahren schon in guten Händen. Es gab immer viele Fahnen und viel Schwarz-Rot-Gold bei Länderspielen. Gerade bei der Heim-EM vor zwei Jahren, als wir mit dem Bus zu den Spielen gefahren sind, war die Stimmung auch deswegen super. Man sollte keine Angst haben müssen, dass man mit der Fahne gleich wieder komisch angeschaut wird. Positiver Patriotismus ist etwas ganz Normales und die anderen Nationen leben ihn ja auch.
Frage: Sie galten immer als der DFB-Außenminister. Um mal bei der Politik zu bleiben: Hat sich unter Super-Minister Klopp Ihre Rolle verschoben?
Völler: Ich habe es ja schon mal gesagt: Ich habe bei meiner Entscheidung, weiterzumachen, gewackelt. Die WM ist schiefgegangen und ich war mit im Boot. Viele beim Verband wollten, dass ich bleibe, auch Jürgen hat mich angerufen. Jetzt freue ich mich über meine Entscheidung und auf die nächsten zwei Jahre, die mein Vertrag noch läuft. Wenn ich gebraucht werde, in welcher Rolle auch immer, kann man sich auf mich verlassen.
Frage: Bayern-Patron Uli Hoeneß hat den vielen Familienbesuch bei der WM als „Betriebsausflug“ bezeichnet. Hätten Sie rückblickend als Sportdirektor da mehr dazwischenhauen sollen?
Völler: Ich verstehe, was Uli meint. Ich würde als Außenstehender wahrscheinlich genauso argumentieren. Man muss aber sagen: Deswegen haben wir die Elfmeter gegen Paraguay nicht verschossen. Die anderen Verbände haben es mit den Familien ähnlich gehandhabt. Es gab sogar Nationen, die haben ihre Spieler zwischendurch immer wieder für zwei Tage nach New York gelassen. Unser Problem war die Macht der Bilder, zum Beispiel mit den Familien beim Aussteigen aus der Mannschaftsmaschine am Flughafen. Schon nach dem ersten oder zweiten Spiel habe ich gedacht, dass uns das irgendwann noch einmal einholen könnte, wenn es sportlich nicht läuft. Das hat mir nicht gefallen, aber es war an dem kleinen Flughafen nicht anders zu lösen.
Frage: Wird es bei der EM 2028 weniger ein „Betriebsausflug“?
Völler: Es war ja keiner, aber es wird ja schon grundsätzlich anders, weil die Wege kürzer sein werden. Viele Familien werden immer nur kurz einfliegen und anschließend wieder weg sein.
Frage: Klopp hat neue Regeln aufgestellt – mehr Pünktlichkeit, weniger Handy im Mannschaftskreis. Sind die Abläufe im Hotel nun strenger?
Völler: Unter Julian gab es natürlich auch Regeln. Klar, es gab ein paar Anpassungen. Jeder Trainer hat seine eigenen Vorstellungen. Disziplin ist immer die Basis in einer Mannschaftssportart. Aber am Ende des Tages geht es darum, wie man Dinge auf den Platz bekommt: Es ist immer noch viel wichtiger, dass die Flanke vor das Tor fliegt und nicht dahinter.
Frage: Ihr Weltmeister-Kapitän Lothar Matthäus berichtete über eine Klopp-Anekdote von der WM 1990, als der damals 23-jährige DFB-Fan Klopp Ihr Team am Flughafen willkommen hieß. Welche früheren Berührungspunkte haben Sie mit ihm?
Völler: Ich wollte Jürgen mal als Trainer nach Leverkusen holen – 2008, als er von Mainz nach Dortmund gegangen ist. Aber wer wollte ihn damals nicht haben? Später versuchte er mal, Karim Bellarabi zu sich nach Liverpool zu holen, als ich noch in Leverkusen war. Da haben wir telefoniert. Es gab immer mal Schnittmengen zwischen uns.
Frage: Auch beim DFB gab es einst die Überlegung, ihn 2022 zu holen, wenn Joachim Löw seinen Vertrag erfüllt hätte …
Völler: Bei Jogis vorzeitigem Ausscheiden 2021 war Jürgen noch unter Vertrag in Liverpool. Es geht bei sowas auch immer um gutes Timing. Ich gehe mal davon aus, dass es im Laufe der Jahre immer mal ein Thema war, ihn zum Bundestrainer zu machen.
Frage: Liverpool-Star Florian Wirtz gehört zum zweiten Kader, ist jetzt nach den Verletzungen von Jamal Musiala und Kai Havertz vorzeitig zum Team gestoßen. Er steht in England gerade unter Dauerkritik. Wie schauen Sie auf ihn?
Völler: Er ist jetzt ein Jahr drüben, da sind die englischen Medien noch mal kritischer. Ich sehe einen Spieler, der alles tut, um seine außergewöhnlichen Qualitäten auch in England auf den Platz zu bringen. Flo ist immer noch jung, und er ist einfach Weltklasse! Ich weiß, dass er bei uns in der Nationalmannschaft ein ganz wichtiger, ein zentraler Spieler sein wird. Auch in den nächsten Turnieren. Er und Jamal (Musiala, die Redaktion) sind unsere Zukunft. Ja, Frankreich und Spanien haben einen starken Kader. Aber ich weiß: Wir sind besser, als wir es zuletzt gezeigt haben.
Frage: Mit Leroy Sané und Deniz Undav fehlen zwei WM-Fahrer im aktuellen Kader. Haben Sie mal mit ihnen gesprochen?
Völler: Nein. So ist es nun mal im Profifußball, da wird man auch mal nicht nominiert, da muss man dann durch und sich beweisen. Der Kader jetzt ist auch nicht in Stein gemeißelt. Im November zählt es, dann werden wir Jürgens komprimierten Kader sehen. Da sind keine 44 Spieler mehr eingeladen.
Frage: Wie verfolgen Sie Fifa-Boss Gianni Infantino, der trotz massiver Kritik aus der Fußballwelt zur Wahl im März eine weitere Amtszeit anstrebt?
Völler: Bei der skurrilen Verleihung des „Friedenspreises“ an Donald Trump musste ich eher schmunzeln, als dass ich mich ärgern konnte. Infantinos Idee des Verkaufs von WM-Anteilen war natürlich grenzwertig. Aber was mich fast am meisten gestört hat, war die zurückgenommene Rote Karte während der WM gegen US-Stürmer Balogun. Da hat Infantino meiner Meinung nach eine große Chance verpasst, der Fußballwelt etwas zurückzugeben. Ich an seiner Stelle hätte gesagt: Donald Trump hat mich angerufen, aber ich bin der Fifa-Präsident und sage jetzt, Balogun bleibt gesperrt, weil alles andere ja Betrug am Fußball ist. Es war ein Eingriff in den Sport, den es niemals geben darf.
Der massiv unter Druck stehende FIFA-Präsident Gianni Infantino will sich im kommenden Jahr zur Wiederwahl stellen. „Der FIFA-Präsident hat im April angekündigt, dass er 2027 zur Wiederwahl antreten wird. Natürlich hat sich daran nichts geändert“, sagte eine Sprecherin des Weltfußballverbands.Frage: Für das Länderspiel gegen Griechenland entfällt an diesem Sonntagabend der Tatort. Sie sind großer Fan der Kultserie. Wie traurig macht Sie das angekündigte Serien-Aus vom Kölner Ermittler Max Ballauf nach 30 Jahren?
Völler: Das ist schon traurig. Ein Trost für uns Tatort-Fans ist, dass zumindest Dietmar Bär weiter ermittelt. Ich schaue mir sehr gern die Stuttgarter Kommissare Richy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz an. Ich hoffe, das Duo macht noch lange weiter. Wobei ich sagen muss, dass auch neue Tatort-Ermittler gut sein können. Ich finde die Frankfurter sensationell, die alte Fälle aufarbeiten. Das Konzept ist hochspannend.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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