Es ist eine große Vision, in Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier „ein historisches Ziel“, das an diesem Samstag etwa 600 Menschen im Kurhaus von Baden-Baden zusammengebracht hat und etliche vor die Bildschirme gelockt hat. „Wir wollen Olympische und Paralympische Spiele. Wir wollen sie endlich wieder nach Deutschland holen, und zum ersten Mal überhaupt in unser wiedervereintes Land“, sagt Steinmeier. „Ich freue mich sehr, dass wir uns heute Nachmittag so richtig auf den Weg machen, gemeinsam auf den Weg machen, um dieses Ziel zu erreichen.“

Es ist 14:42 Uhr, als der Bundespräsident an der Seite von DOSB-Chef Thomas Weikert auf einen Zettel blickt und kurz danach feierlich verkündet, was wegweisend sein wird: Mit welchem Bewerber geht Deutschland in das internationale Rennen um die Austragung der Spiele? Siegt der vermeintlich leichte Favorit München – oder KölnRheinRuhr? Ein Kopf-an-Kopf-Rennen war erwartet worden, das Ergebnis schien unerwartet offen. „Sieger ist: München“, verkündet Steinmeier dann.

Damit wird sich die bayerische Hauptstadt um die Austragung der Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben – und zwar wie 1972 mit Kiel als Segel-Standort. „Die Spiele können Deutschland verändern“, sagt Paralympics-Sieger Niko Kappel in Baden-Baden, „aber Deutschland kann auch die Spiele verändern.“

Von einst vier deutschen Kandidaten blieben zwei

Aus ursprünglich vier Bewerbern standen an diesem Samstag bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nur noch zwei Kandidaten zur Wahl. Hamburg hatte zurückgezogen, nachdem die Bevölkerung im Frühjahr eine Bewerbung im Bürgerschaftsreferendum mit 54,9 Prozent der Stimmen abgelehnt hatte. Der Berliner Senat hatte seine Bewerbung diese Woche nach dem Sieg der Linken bei der Abgeordnetenhauswahl kurzfristig zurückgezogen. Mit dem Sieg der Linkspartei, die Olympische Spiele in der Stadt ablehnt, und der Aussicht auf einen von dieser geführten Senat fehlten bei Sportverbänden das Vertrauen in die nötige „politische Stabilität“, begründete Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner.

Dass ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der Evaluierungskommission des DOSB München (87 von 100 Punkten) knapp vor KölnRheinRuhr (85) sah, musste keine Vorentscheidung sein: Der Bericht war zum einen nicht bindend, zum anderen waren die Punkunterschiede sehr klein. „Das sind Nuancen“, sagte Weikert im WELT-Interview vor der geheimen Abstimmung. „Für die Wahl spielen auch die subjektiven Komponenten eine Rolle.“

Die zwei verbliebenen Kandidaten, die beide stark auf Nachhaltigkeit und bestehende Sportstätten setzen, fasste er in ihren größten Stärken wie folgt zusammen: „KölnRheinRuhr kann 17,6 Millionen Tickets verkaufen, so viele wie niemals zuvor bei Olympischen Sommerspielen. Sie haben ein geballtes System von Großstädten und verschiedene außergewöhnliche Wettkampfstätten. Nehmen Sie allein die Schwimmwettbewerbe auf Schalke vor 60.000 Zuschauern.“ Das Münchner Konzept besteche durch Kompaktheit und sehr kurze Wege. „Es werden zudem alle Stätten von 1972 genutzt – vom Olympiastadion bis zum Reiten.“ Wichtig: Beide Bewerber konnten einen großen Rückhalt in der Bevölkerung vorweisen mit 66,42 (München) beziehungsweise 65,87 Prozent (KölnRheinRuhr).

Die Botschaft von Weikert für die Wahlentscheidung: Welches Kandidatenkonzept hat die größten internationalen Erfolgsaussichten? Der neue Sport-Staatsminister Ronald Rauhe betonte das am Freitag ebenfalls: „Wir haben eine internationale Aufgabe zu erfüllen und müssen mit der Stadt oder Region ins Rennen gehen, mit der Deutschland international die größten Chancen hat“, sagte der 44-Jährige.

„Eine Riesenchance für ganz Deutschland“

Die Entscheidung lag dann bei den 42 olympischen Spitzenverbänden mit je drei Stimmen, die nur „im Block“ vergeben werden durften, sowie den Präsidiumsmitgliedern und persönlichen Mitgliedern des DOSB. Von Letzteren mussten drei ihre Teilnahme in Baden-Baden absagen, sodass insgesamt 141 Stimmen zu vergeben waren. „Beide hätten es verdient, für unser Land ins internationale Rennen zu gehen. Ich danke den vielen Menschen, die sich in den vergangenen Monaten in ihrer Heimatregion für Olympia engagiert haben“, sagte Steinmeier vor der Bekanntgabe. „Herzlichen Dank. Wir werden gleich einen Sieger haben, aber keinen Verlierer.“

Steinmeier fuhr fort: „Denn die Bewerbung um das größte Sportfest der Welt ist nicht nur für die ausgewählte Region ein Gewinn, sie ist eine Riesenchance für ganz Deutschland.“

Nach der Entscheidung für München liegt der Ball nun beim IOC auf internationaler Ebene. Die IOC-Vollversammlung entscheidet über die Vergabe der Olympischen Spiele, das finale Votum über die Gastgeberstadt 2036 wird nach derzeitigem Stand für 2029 erwartet. Wann über die Vergabe der Spiele 2040 und 2044 entschieden wird, ist noch unklar. Das IOC legt sich meistens sieben Jahre im Voraus fest.

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