Gravierende Veränderungen gab es im Leben von Jan Henric Buettner schon einige. Um nur drei Beispiele zu nennen: In den 1990er-Jahren baute der gelernte Betriebswirt AOL Europe auf, geriet dabei in einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Medienriesen Bertelsmann, der ihm stolze 80 Millionen Euro als Entschädigung bezahlte. Das Geld wiederum gab ihm 2006 die Freiheit, das an der Ostsee gelegene Gut Weissenhaus zu kaufen und es als Hotelier zu einem Luxusresort auszubauen. Schließlich kreierte er an der ostholsteinischen Küste vor zwei Jahren mit Branchenprimus Magnus Carlsen auch die „Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge“, deren Weltmeister der Norweger ist, und wurde quasi über Nacht zu einem Global Player des königlichen Spiels.

Sein Leben verlaufe in Zyklen, sagt der erfolgreiche Unternehmer aus Hamburg WELT AM SONNTAG. Und wenn ihn das Gefühl beschleicht, etwas vollendet zu haben, trachte er nach etwas Neuem, so wie seit dem 26. Juni, als er seine Kandidatur für die Wahl des Präsidenten des Schach-Weltverbandes Fide bekanntgab. Er wäre der erste Deutsche, der in der 102-jährigen Geschichte der Organisation dieses prestigeträchtige Amt bekleiden darf. Die Entscheidung darüber fällt am Wochenende in Samarkand. Im Rahmen der seit dem vergangenen Dienstag in der usbekischen Oasenstadt ausgetragenen Schach-Olympiade stimmen die 204 Mitgliedsländer der Fide über ihren Verbandschef für die nächsten vier Jahre ab.

Alleiniger Aspirant für den Chefsessel ist der 62-jährige Norddeutsche nicht. Als Gegenkandidaten positionierten sich Timur Turlow, 38, und der zwei Jahre jüngere Wadim Rosenstein. Das Trio lieferte sich einen erbitterten Dreikampf.

Rosenstein initiiert ein Schachprojekt nach dem anderen

Turlow gilt als reichster Mann Kasachstans und fungiert dort auch als Schach-Verbandspräsident. Ursprünglich wollte der Milliardär als Fide-Vizepräsident des seit 2018 amtierenden Russen Arkadi Dworkowitsch kandidieren. Doch nachdem kurz vor der Bewerbungsfrist der bisherige Präsident von der EU sanktioniert worden war, weil er bis 2018 höchste Regierungsämter ausübte und in seiner Funktion die „territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine“ gefährdete, beschloss Turlow nach Dworkowitschs Rücktritt, sich um dessen Nachfolge zu bewerben.

Timur Turlov

Turlow ist in Moskau geboren, überführte seine an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ gehandelte Bank Freedom Finance von Russland nach Kasachstan und tauschte 2022 seinen russischen gegen einen kasachischen Pass. Seit Langem fungiert er als wichtigster Geldgeber der Fide, wobei er keinesfalls unumstritten ist. Recherchen der investigativen Plattform Hindenburg Research hätten ergeben, dass seine Freedom Holding russischen Oligarchen helfen soll, westliche Sanktionen zu umgehen. Auch Turlow selbst ist sanktioniert – von der Ukraine, die ihm eine Nähe zu Russland vorwirft, dessen Schachverband vom Internationalen Sportgerichtshof Cas für drei Jahre gesperrt wurde, weil er Turniere in den besetzten ukrainischen Regionen veranstaltet hatte.

Auch Wadim Rosenstein ist Unternehmer und äußerst vermögend. Seine Mutter stammt aus Russland, der Vater kommt aus der Ukraine. Von dort zog die Familie 2000 nach Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft er als einzige besitzt. Der in Düsseldorf mit seiner WR Group Holding ansässige Mäzen agierte jahrelang auf dem russischen Markt. Den Düsseldorfer SK hatte er mit viel Geld und bekannten Großmeistern zum deutschen Schachmeister geformt. Er initiiert ein Schachprojekt nach dem anderen. Etwa ein Weltrekordturnier über 67 Stunden in der peruanischen Hauptstadt Lima. Oder einen Schaukampf in Miami zwischen den aktuell stärksten Schachteams aus Amerika und Usbekistan. Oder eine Weltklasseserie für Frauen auf vier Kontinenten.

Rosenstein setzte – anders als Buettner und Turlow – bei seiner Kampagne vor allem auf Einzelgespräche und mied Interviews. Eine Online-Debatte vor zwei Wochen mit seinen Kontrahenten verließ er nach einem knapp vierminütigen Eingangsstatement mit den Worten: „Wir sehen uns in Samarkand!“ Ihm habe das Format nicht die Voraussetzungen für eine sachliche und faire Diskussion geboten, begründete er sein Ausklinken aus dem Dreiergespräch. Sollte er gewählt werden, versprach er derweil den Nationalverbänden, „werde ich immer für euch da sein“.

Unmut erregte Rosenstein unter der Wählerschaft aber auch durch ein Foto. Es zeigt ihn bei einem Turnier in Moskau kurz nach der russischen Invasion in der Ukraine. Dort sitzt er Großmeister Sergej Karjakin gegenüber, einem glühenden und bekennenden Anhänger Wladimir Putins mit einem Platz im russischen Parlament.

Buettner: „Niemals! Was habt ihr getrunken?“

Im Gegensatz zu Rosenstein erhielt Buettner keine Unterstützung vom Deutschen Schachbund, der Rosenstein zu seinem Fide-Delegierten berief. Buettner ließ das kalt, er entgegnete: „In den vergangenen Monaten haben mich viele angesehene Mitglieder der internationalen Schachgemeinschaft ermutigt, für das Amt des Fide-Präsidenten zu kandidieren, woraufhin ich mich entschlossen habe, diese Verantwortung zu übernehmen.“

Dass Buettner sich der Herausforderung stellte, ist der Mutter von Bibissara Assaubajewa, der kasachischen Blitzschach-Weltmeisterin, zu verdanken. Beide Frauen sowie Bibissaras Verlobten, den WM-Herausforderer Javokhir Sindarov aus Usbekistan, hatte der leidenschaftliche Macher am ersten Juni-Wochenende zur Formel 1 nach Monaco eingeladen. Während er mit den beiden Schach-Koryphäen das Rennen verfolgte, war seine Frau Holly mit Bibissaras Mutter unterwegs, die ihn während ihres Bummels unvermittelt über WhatsApp fragte, ob er nicht für die Fide-Präsidentschaft kandidieren möchte. Buettners erste Reaktion war: „Niemals! Was habt ihr getrunken?“

Trotz seiner anfänglichen Antihaltung ließ Buettner die Idee mit der Fide-Präsidentschaft nicht mehr los. Das Umdenken sei auf „meine amerikanische Ader“ zurückzuführen, sagt er. 15 Jahre lebte er an der dortigen Westküste. „Der deutsche Ansatz lautet oft: ‚Ja, aber …‘. Grundsätzlich findet man etwas interessant, doch letztendlich macht man nichts. In Kalifornien ist genau das Gegenteil der Fall: „Warum nicht?“ Und das habe er sich irgendwann auch gesagt.

Buettners Schach-Manifest

Buettner setzt darauf, dass seine Geschäftserfahrungen den Schach-Weltverband modernisieren können. Seine hehre Vision lautet: „Ich bin nicht hier, um das Schach zu verändern. Ich bin hier, um das Schach wachsen zu lassen.“ In seiner Kampagne priorisierte er die Stärkung der nationalen Verbände, die Gewinnung neuer kommerzieller Partnerschaften, die Förderung des Schulschachs, die Erweiterung der Möglichkeiten für Frauen und aufstrebende Schachnationen, die Beschleunigung digitaler Innovationen und die Schaffung nachhaltigen langfristigen Wachstums für das globale Schachökosystem.

Identische Inhalte finden sich auch in den Wahlprogrammen von Turlov und Rosenstein wieder. Doch keiner aus dem Dreierzirkel formulierte seine ambitionierten Vorhaben so deutlich wie Buettner in seinem Schach-Manifest, das zehn Verpflichtungen umfasst. So verspricht er, 50 Millionen US-Dollar an neuen Einnahmen zu generieren. Wobei 20 Prozent dauerhaft an die Mitgliedsverbände auszuschütten seien. Potenzielle Geldgeber seien bislang nur abgeschreckt, weil sie wegen intransparenter russischer Strukturen keinen Zugang hatten. Seit über drei Jahrzehnten wurde die Fide von Oberhäuptern aus der osteuropäischen Föderation diktiert. Unter Buettner wird sich das grundlegend ändern.

Darüber hinaus sollen zehn Millionen Kinder für Schachprogramme in Bildungseinrichtungen gewonnen werden. Die Beteiligung von Frauen soll um 50 Prozent steigen. 10.000 Trainer und Schiedsrichter erhalten eine Ausbildung. 100 neue internationale Turniere werden unterstützt, Transparenzberichte vierteljährlich veröffentlicht.

Wobei die Integrität der Fide für Buettner oberste Priorität besitzt. In einem Interview mit dem deutschen Schachportal „Perlen vom Bodensee“ warf er der Institution vor, korrupter als der Fußball-Weltverband Fifa zu sein. Er finde erschreckend, wie offen das jetzt bei der Wahl laufe. „Der Preis für eine Stimme liegt in Europa bei 40.000 Dollar, in Afrika bei 5000. Wir haben es mit einem Klientelsystem zu tun, das sich über die vergangenen 40, 50 Jahre etabliert hat. Alle vier Jahre kommt jemand vorbei und verteilt Geld. So etwas Korruptes hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.“

Buettner ist der Einzige aus dem Bewerberreigen, dem keinerlei Nähe zu Russland nachgesagt werden kann. Schach ist dort Nationalsport und probates Propagandawerkzeug. Schon deshalb wünschten ihm viele, dass er obsiegt. Aber auch, weil sich dadurch der Weltverband aus russischer Kontrolle löst. Das wäre, betont Buettner, eine großartige Errungenschaft.

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