Was sich abgezeichnet hatte, ist nun offiziell. Berlin zieht seine Olympia-Bewerbung zurück. Darüber informierten Noch-Bürgermeister Kai Wegner, Innen- und Sportsenatorin Iris Spranger und der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand bei einer Pressekonferenz im Rathaus. Schon am Mittwoch hatten RBB und „Tagesspiegel“ über den bevorstehenden Schritt berichtet.

Wegner begründete den Rückzug mit der Rückmeldung aus Gesprächen mit den Sportfachverbänden, die letztlich über den deutschen Bewerber entscheiden, rund um die Berlin-Wahl am vergangenen Wochenende. Man habe zwar einiges an Unterstützung erfahren. „Wir haben aber in den Gesprächen auch gemerkt, dass sie ihre Entscheidung erst endgültig treffen werden, wenn die Wahl gelaufen ist. Denn natürlich ging es um politische Stabilität, auch bei den Spitzenverbänden des Sports“, sagte Wegner. Bei der Wahl gewann die Linke um Spitzenkandidatin Elif Eralp.

„Ich habe noch am Montag nach der Wahl versucht, mit dem einen oder anderen ins Gespräch zu kommen, damit diese Zukunftschance für Berlin erhalten bleibt. Wir haben dann aber in einer Pressekonferenz zur Kenntnis nehmen müssen, dass von Frau Eralp gesagt wurde, dass sich diese Bewerbung damit erledigt hat“, schilderte Wegner weiter. Eralp hatte die Olympia-Pläne am Tag nach der Wahl abgeräumt. Die 45-Jährige sagte, dass sich die „Entscheidung erledigt“ habe. Sie meinte, die Berliner hätten bei der Wahl auch gegen Olympia gestimmt.

„Danach haben wir weitere Gespräche geführt, aber die Spitzenverbände des Sports haben dann klar signalisiert, dass sie uns die Zustimmung so nicht geben können.“ Wegner machte damit die Linke indirekt verantwortlich für den Rückzug. „Ich bedauere das sehr. Ich bin ehrlicherweise auch traurig, dass Berlin und den Kindern dieser Stadt damit eine echte Chance genommen wurde“, sagte Wegner weiter.

Auch der Olympia-Beauftragte Niroomand erklärte, dass der Rückzug vor allem mit der fehlenden politischen Stabilität nach der Wahl zusammenhänge. „Also an dem Konzept hat es nicht gelegen. An der Kommunikation hat es auch nicht gelegen. Wir haben einfach die politische Stabilität, die wir benötigt hätten, nicht anbieten können“, sagte Niroomand.

Niroomands Gespräch mit Eralp

Nachdem er zuvor öffentlich gemacht hatte, dass ein Gesprächsangebot abgelehnt worden sei, habe es am Mittwoch doch noch ein Gespräch mit Eralp gegeben. „Das war meine letzte Hoffnung. Ich habe von ihr nicht verlangt, dass sie ihre Position ändern soll. Das, was sie vor der Wahl gesagt hat, soll sie auch nach der Wahl einhalten. Aber ich hatte mir gewünscht, und das habe ich ihr gesagt, dass sie sich aus Respekt vor der Arbeit von so vielen Leuten in dieser Stadt und aus Respekt vor der Abstimmung am Samstag in Baden-Baden, einfach zurückgehalten hätte“, sagte Niroomand.

Er habe Eralp mitgeteilt, dass sie „Verantwortung für die ganze Stadt“ tragen würde. „Wenn Sie sagen, Sie wollen einen, dann müssen Sie mit uns auch reden“, habe Niroomand der Linken-Politikerin gesagt. „Wenn das der neue Stil sein soll, dann mache ich mir nicht so große Hoffnung für die Zukunft.“

Man habe sich auch für den Rückzug entschieden, „um nicht in Baden-Baden mit einer einstelligen Stimmanzahl aus der Runde zu gehen“. In Baden-Baden wird am Samstag auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) entschieden, mit welchem Bewerber Deutschland ins Rennen um die Austragung Olympischer Spiele geht. Berlin wird dann nicht zur Auswahl stehen. „Berlin hat nicht verdient, dort abgewatscht zu werden. Dann behalten wir das Heft des Handelns selber in der Hand und treten dort nicht zur Abstimmung an“, sagte Niroomand.

Berlin wollte sich eigentlich mit dem Konzept „Berlin+“ gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben. Brandenburgs Sportminister zeigte sich enttäuscht über die zurückgezogene Bewerbung. „Olympische und Paralympische Spiele hätten wichtige Impulse für den Sport, für sportbegeisterte Menschen jeden Alters und für die Entwicklung der Region Berlin-Brandenburg geben können“, teilte Gordon Hoffmann (CDU) mit. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach am Rande eines Papstbesuchs in Rom von einer „riesigen verpassten Chance für Berlin“. Wahlen würden viel über Zukunftsperspektiven und Chancen entscheiden, betonte Kretschmer. „Und diese ist Berlin nun genommen.“

Dem Berliner Vorstoß wurden im Vergleich zur Konkurrenz aus München und Köln-Rhein/Ruhr aber zuletzt kaum noch Chancen ausgerechnet. Eine Evaluierungskommission des Deutschen Olympischen Sportbundes bewertete Berlin nur mit 74,6 Punkten. München kam auf 87 von 100 Punkten, Köln auf 85 Punkte.

Hinzu kam der politische Einschlag durch den Wahlsieg der Linken in der Hauptstadt. Zwar hatte das Abgeordnetenhaus zuvor mehrheitlich für eine Bewerbung gestimmt – allerdings noch unter der abgewählten schwarz-roten Koalition. Einen Bürgerentscheid gab es in Berlin anders als in München und Nordrhein-Westfalen nicht.

Befürworter verärgert

Eralps Aussagen hatten schon vor der Pressekonferenz des Senats unter den Olympia-Befürwortern für großen Ärger gesorgt. Niroomand warf der Politikerin vor, dass sie „innerhalb von 45 Sekunden die ganze Bewerbung vom Tisch gewischt hat, dadurch eine enorme Verunsicherung unter die Verbände gebracht hat, damit auch unsere Chancen richtig verringert hat“.

Die Diskussion über die Linke sei lange verharmlost worden, meint Politologe Werner Patzelt. Erst „jetzt, wo die Linke erstmals wirklich in die Nähe von Macht kommt“, wachse die Aufmerksamkeit für radikale Aussagen.

Handball-Legende und Füchse-Berlin-Boss Bob Hanning bezeichnete Eralps Statement als „unterirdisch und rotzfrech“. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sah in Eralps Aussagen „nur einen Vorgeschmack darauf, was Berlin von dieser Linken noch zu erwarten hat“.

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