Klopp wird für Dinge gefeiert, die selbstverständlich sein sollten
Jürgen Klopp erzeugt Aufbruchsstimmung. Im deutschen Fußball – und vielleicht sogar ein wenig darüber hinaus. Das ist richtig und wichtig. Doch der Hype um den neuen Bundestrainer nimmt derzeit mitunter absurde Züge an. Klopp wird oft nicht nur als Hoffnungsträger gesehen, sondern als Heilsbringer. Das könnte gefährlich sein. Denn es verschiebt den Fokus von den wahren Problemen des deutschen Fußballs. Und erzeugt möglicherweise überhöhte Erwartungen.
Klopp kann wenig dafür, dass seine Person derzeit eine solche Wirkung entfaltet. Er macht bislang alles richtig. Der 59-Jährige strahlt schon von seinem Naturell her – unabhängig vom Amt – Leidenschaft und Zuversicht aus. Und hat zuletzt eine perfekt vorbereitete und mit seinem Team durchdachte Pressekonferenz abgeliefert.
Doch Nationalspieler, Funktionäre und Trainer aus der Bundesliga, Fernsehexperten und Medien loben auch Dinge, die selbstverständlich sein sollten. Ein Auszug: Klopp spricht mit Spielern. Klopp führt viele Gespräche. Klopp reist zu Spielen ins Stadion. Klopp schreibt eine E-Mail an ehemalige Nationalspieler. Klopp lacht die Spieler bei der Begrüßung an.
Natürlich ist das gut. Natürlich ist das wichtig. Aber das sind grundlegende Aufgaben eines Bundestrainers.
Die Nationalmannschaft ist neu aufgestellt: Jürgen Klopp hat seinen Kader für die anstehenden Länderspiele vorgestellt. Sehen Sie die DFB-Pressekonferenz hier in voller Länge.Dass die Aspekte, die selbstredend sein sollten, als besonders rüberkommen, sagt viel über die vergangenen Jahre beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus. Wie kann es sein, dass es so herausragend scheint, dass der Bundestrainer die Nachwuchstrainer des Verbandes einbindet und zu den DFB-Mitarbeitern spricht?
Das eigentlich Erstaunliche am Klopp-Hype ist nicht, dass Klopp gute Arbeit macht. Es ist, dass beim DFB inzwischen Selbstverständlichkeiten wie außergewöhnliche Führungsleistungen wirken. Und auf Menschen außerhalb des Verbandes auch.
Auch Julian Nagelsmann sprach vor den DFB-Mitarbeitern
Vor zwei Jahren sprach Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann übrigens ebenfalls vor den Verbandsangestellten, um ihnen bereits vor seinem öffentlichen Auftritt zu erklären, wer warum in seinem Aufgebot dabei ist. Nach der EM 2024 in Deutschland sprach auch Nagelsmann über Zusammenhalt in diesem Land. Ganz neu ist das also nicht.
Die positive Verwunderung und die Begeisterung für Klopp zeigen, dass es in Deutschland offenbar über den Sport hinaus an grundlegenden Dingen mangelt. Sonst würden sie nicht als so speziell herausgestellt werden.
Vielleicht erzählt dieser Hype sogar mehr über unsere Zeit als über Klopp. Einer, der alle mitnimmt, der menschlich kommuniziert, zielgerichtet und doch mit Lockerheit und Humor – das ist offensichtlich selten geworden in einer Zeit, in der viele Menschen lange Dialoge mit der KI führen und stark auf sich und ihr digitales Leben fokussiert sind.
Was durch den Klopp-Hype und das Nagelsmann-Bashing mitunter in den Hintergrund rückt, ist die Verantwortung der Mannschaft für die aus deutscher Sicht peinliche WM 2026. Nagelsmann hat Fehler begangen, ohne Frage. Zunächst machte er einiges gut, vor allem in seinem letzten Jahr als Bundestrainer aber wurde er dem Amt mehrfach nicht gerecht.
Die Fehler seines Vorgängers sorgen dafür, dass bei Klopp Selbstverständlichkeiten gelobt werden. Dennoch: In der aktuellen Heroisierung Klopps könnte man denken, Nagelsmann habe nicht mit einem Spieler gesprochen, ausschließlich WhatsApp für seine Kommunikation genutzt und nicht ein Fußballspiel angeschaut. Das ist nicht richtig.
Eine gute Atmosphäre um die Mannschaft, ein Bundestrainer als positiver Repräsentant des Landes, Auftritte voller Energie – das ist alles wichtig. Doch am Ende bleibt die Qualität einer Nationalmannschaft nicht von der Qualität ihrer Spieler zu trennen.
Klopp macht bei seinem Start auch personell viel Neues. Das ist gut so. Doch das Gerüst der Nationalmannschaft bleibt (erst mal) im Kern dasselbe. Die deutsche Achse: Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah, Joshua Kimmich, Florian Wirtz, Jamal Musiala, Kai Havertz. Sie hat es mit Deutschland in den vergangenen Jahren bei großen Turnieren nicht weiter als ins Viertelfinale geschafft. Damit bleiben auch die großen sportlichen Fragen. Können diese Spieler Deutschland zurück in die Weltspitze bringen? Und wenn ja – wie schnell? In zwei Jahren steigt die EM in Großbritannien.
Team beim DFB: Jürgen Klopp, Rudi Völler und Marc Kosicke (v.r.), Klopps Berater und Co-TrainerKlopp wird neue Spieler einbauen. Doch entscheidend werden die Schlüsselspieler, die Unterschiedsspieler, sein. Klopp muss ab dem heutigen Donnerstag, an dem seine erste Partie in den Niederlanden ansteht, als Trainer überzeugen. Nicht ausschließlich als Kommunikator und Neustarter.
Der ehemalige Nationalspieler und Sky-Experte Didi Hamann hat völlig recht, wenn er vor unkritischem Personalkult um Klopp warnt: „Stell dir mal vor, der Nagelsmann hätte das gemacht. Ich will nur mal ein warnendes Wort aussprechen. Wenn der Nagelsmann das gemacht hätte, dann hätten sie ihn zerrissen“, sagte Hamann über die Nominierung der zwei Kader zum Start unter Klopp.
Seine Mission als Bundestrainer hat Klopp mit Sinn aufgeladen. Er will Erfolg und Spaß haben und vermitteln. Er will Deutschland etwas geben. Das ist sympathisch. Es ist wichtig. Und es ist ein guter Start. Aber eben nicht mehr.
Gemessen wird er an Ergebnissen, wie alle anderen vor ihm. Klopp selbst hat deutlich gemacht, dass es wohl dauern wird, bis ein anderer Fußball zu erkennen sein wird. Es ist seine erste Station als Auswahltrainer. Ein anderes Arbeiten als auf dem Posten als Klubtrainer. Eine Herausforderung, selbst für solch einen Toptrainer wie ihn.
Klopp muss jetzt beweisen, dass aus der Aufbruchsstimmung auch Aufbruch auf dem Rasen wird.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA. Klopp ist der vierte Bundestrainer, den er als Nationalelf-Reporter erlebt.
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