„Klopp hat sehr detailliert analysiert, warum es bei der deutschen Mannschaft nicht läuft“
Knapp zweieinhalb Jahre ist es her, da erreichte RTL bei einer Übertragung eines Fußball-Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft mit Blick auf die Einschaltquote seinen bisherigen Rekordwert. 11,96 Millionen Fans sahen in der Spitze zu, als Deutschland in einem Testspiel 2:1 gegen die Niederlande gewann.
Wenn die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Donnerstag in der Nations League wieder gegen die Niederlande spielt (20.45 Uhr), ist davon auszugehen, dass die Bestmarke bei RTL geknackt wird. Immerhin gibt Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer seinen Einstand. Das Interesse dürfte groß sein. Wolff-Christoph Fuss wird das Spiel live aus Amsterdam für RTL kommentieren. Klopp und der 50 Jahre alte Fußballkommentator kennen sich gut. Während der WM in den USA, Mexiko und Kanada arbeiteten sie zusammen für Magenta.
WELT: Herr Fuss, Sie haben schon viele bedeutende Fußballspiele kommentiert. Die Länderspiel-Premiere von Jürgen Klopp dürfte ein Highlight in Ihrer bisherigen Karriere werden – oder?
Wolff-Christoph Fuss: Wenn man überlegt, dass man vor Jahren die Daseinsberechtigung der Nations League noch ernsthaft diskutiert hat, muss man jetzt sagen: Das hat ja fast die Kategorie WM-Finale. Dieses Spiel hat eine enorme Wertigkeit bekommen. Ich freue mich sehr darauf, weil es um so viel geht. Es wird so viel zu sehen geben. Ich bin fast geneigt zu sagen, man muss aufpassen, dass die Erwartungshaltung nicht überbordet, denn man kann nach anderthalb Trainingstagen nicht erwarten, dass die Truppe plötzlich übers Wasser gehen kann. Aber den Klopp-Effekt wird es geben. Die Haltung wird sich verändern, denn es kann und wird nicht so weitergehen wie bei der WM.
WELT: Während der WM haben Sie fast sechs Wochen für Magenta in einem Team mit Jürgen Klopp gearbeitet. Würden Sie sagen, dass Sie ihn jetzt noch besser verstehen als vorher?
Fuss: Ja, absolut. Auch wenn die WM-Reise hier und da auch mal etwas von einem Lausbuben-Schulausflug hatte, gab es viele Momente, die wahnsinnig inhaltsreich, kleinteilig und geprägt von ganz viel Tiefgang waren. Wenn Jürgen Klopp eine Fehleranalyse betreibt – und das meine ich jetzt nicht nur bezogen auf die deutsche Mannschaft –, kann er schon sehr ins Detail gehen. Darin ist er hervorragend. Was das betrifft, habe ich ihn in dieser Zeit noch einmal von einer ganz anderen Seite kennengelernt, auch in Bezug auf seine Empathie.
WELT: Haben Sie Dinge an ihm gesehen oder von ihm kennengelernt, die Ihnen mit Blick auf das Spiel am Donnerstag helfen können?
Fuss: Ja, Jürgen Klopp ist in der Lage, ein Feuer zu entfachen. Bei der WM war er quasi als erster Fan dabei – und als Experte. Was die deutsche Mannschaft betrifft, war er extrem euphorisch, aber als Experte gleichzeitig sehr analytisch und auch kritisch. Und in dieser Phase ergab sich die Genese vom ersten Fan und Top-Experten hin zum Top-Experten und Bundestrainer. Es war einzigartig, diese Entwicklung mitzuerleben. Wir haben natürlich viel über die deutsche Mannschaft diskutiert – und Jürgen Klopp hat sehr detailliert analysiert, warum es bei der deutschen Mannschaft nicht läuft. Und wo er Ansatzpunkte sieht, damit es besser laufen könnte. Einmal saßen wir zusammen im Produktionsmobil, da hat er mithilfe von Orangen, Wasserflaschen und Nüssen, die er hin- und hergeschoben hat, erklärt, wie und warum die Tore gefallen sind oder wie man sie möglicherweise hätte verhindern können. Das war beeindruckend – ein Kolloquium für Taktik und Empathie.
WELT: Welcher Moment war der prägendste mit Jürgen Klopp bei der WM?
Fuss: Ich sehe ja in erster Linie den Menschen. Wenn du mit einem Menschen viel Zeit verbringst, ist das idealerweise einer, mit dem du klarkommst. Und mit Jürgen Klopp kann man halt einfach sehr gut klarkommen und sehr gut Zeit verbringen, weil er einfach ein Top-Typ ist – mal ganz abgesehen von seiner fußballerischen Expertise. Jürgen Klopp hat ein Händchen für Menschen und er hat auch ein Händchen für Gruppen. Wenn er nach dem WM-Eröffnungsspiel mit uns anderthalb Stunden durch den strömenden Regen durch das nicht allerbeste Viertel von Mexiko-City laufen muss, macht er das, weil es in diesem Moment der Sache dient. Er fragt dann natürlich schon, wann wir denn da sind und ob wir wissen, wo wir hinlaufen, so wie jeder andere das auch gefragt hätte. Aber er läuft halt mit. Er ist absolut unprätentiös. Dazu ist er mit einem besonderen Talent gesegnet. Er kann Menschen zusammenbringen und für eine Sache begeistern.
Wolff-Christoph Fuss ist mit Sport-Moderatorin Anna Kraft liiert. Sie haben zwei TöchterWELT: Sie haben die Erwartungshaltung bereits angesprochen. Die ist immens hoch.
Fuss: Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir es nicht überkochen lassen. Denn noch einmal: Die Spieler werden nicht über Wasser gehen können. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass man sich bei dem einen oder anderen Spieler im Nachgang fragen wird, ob das noch derselbe Spieler ist, der gegen Paraguay im Sechzehntelfinale ausgeschieden ist.
WELT: Gut möglich …
Fuss: … und das wäre dann das, was Jürgen Klopp im Zuge einer Sofortmaßnahme erreichen kann. Er hat die Spieler jetzt drei, vier Tage zusammen und wird es in dieser Zeit schaffen, ein Feuer zu entzünden. Da bin ich mir sicher. Er wird keine besseren Fußballer aus ihnen machen, das geht nicht in der Kürze der Zeit. Doch er wird es mit ein, zwei taktischen Kniffen schaffen, die Mannschaft ein bisschen anders auf- und einzustellen. Er wird es aber vor allen Dingen schaffen, mit größtmöglicher Motivation die Jungs zu packen. Er spricht deren Sprache. Er ist in der Lage, die Leute dazu zu bringen, ihm zu folgen. Wir werden am Donnerstag auf dem Platz eine andere Haltung erleben. Das ist sicher. Die Spieler wissen, dass sie gefordert sind und sich reinhängen müssen. Wer nicht bereit ist, drei, vier Extra-Meter zu gehen, muss sich im Klaren darüber sein, dass der Trainer Spieler kennt, die dazu bereit sind.
WELT: Haben Sie als Live-Kommentator im Vorfeld eines Spiels noch die Gelegenheit, mit einem Trainer zu sprechen, damit dieser Sie in seine Gedanken einweiht – in diesem Fall also Jürgen Klopp?
Fuss: Ja. Wir sind verabredet. Worauf achtet er besonders? Wo hat er angesetzt? Wie hat er die Spieler auf die einzelnen Positionen vorbereitet? Das sind zentrale Fragen. Hat er noch irgendeinen Standard ausgemacht? Ich glaube, ein bisschen Analyse kommt da noch mit dazu. Also, was haben er und sein Team bei den Holländern gesehen, die es im Moment ja auch nicht so leicht haben? Diese Gespräche sind wichtig, auch im Vorfeld von Bundesligaspielen. Man wird da eingeweiht in die Ideen. Das hilft nicht nur mir als Kommentator, sondern auch den Trainern, da wir wissen, was sie vorhaben. Wir wissen, was der Trainer theoretisch will und sehen dann, wie die Mannschaft das praktisch umsetzt. Für die Beurteilung eines Spiels ist das für mich von Bedeutung.
2011 schon mal ein Team gewesen: Fuss, Klopp, Kerner (v.l.)WELT: Ich würde Ihnen zum Abschluss gern ein paar Sätze vorgeben, die Sie bitte vervollständigen. Jürgen Klopp als Bundestrainer wird ...
Fuss: … ein voller Erfolg.
WELT: Der größte Unterschied zwischen Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann ist …
Fuss: (überlegt etwas) ... Jürgen Klopp vermittelt eine deutlich größere Glaubwürdigkeit bei Spielern und in der Öffentlichkeit. Das hat mit ganz vielen Faktoren zu tun. Für die wenigsten kann Julian Nagelsmann etwas.
WELT: Der Spieler, der unter Jürgen Klopp besonders profitieren könnte, ist …
Fuss: … alle Spieler werden profitieren. Alle.
WELT: Die größte Gefahr für Jürgen Klopp ist…
Fuss: … eine zu große Erwartungshaltung.
WELT: Nach 90 Minuten gegen die Niederlande werden wir wissen, dass …
Fuss: … es einen Neuanfang im deutschen Fußball gegeben hat.
WELT: Wenn Jürgen Klopp bei der WM 2026 schon Bundestrainer gewesen wäre, dann …
Fuss: ... wäre Deutschland nicht im Sechzehntelfinale gescheitert.
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