Charakter statt Perfektion
Hee Chan Hwang kennt noch nicht viel von Schalke – was er aber bereits erlebt hat, begeistert ihn. „Der Klub ist großartig, die Fans auch. Seit ich angekommen bin, spüre ich das“, sagt der Südkoreaner, der als letzter von sieben neuen Spielern zum Aufsteiger der Fußball-Bundesliga gewechselt war: Am finalen Tag der Transferperiode wurde die Leihe des 30-jährigen Stürmers von den Wolverhampton Wanderers vollzogen.
Am Freitag vor einer Woche spielte Hwang, den Trainer Miron Muslic einen „geborenen Vollstrecker“ nennt, das erste Mal für die Königsblauen. In der 80. Minute wurde er im Auswärtsspiel beim 1. FC Union eingewechselt. Die Schalker führten 2:0, standen aber massiv unter Druck. In der 6. Minute der Nachspielzeit erzielten die Berliner das Anschlusstor. Danach drängten sie auf den Ausgleich.
Hee Chan Hwang vom FC Schalke 04 im WM-Einsatz für SüdkoreaDann aber, die Nachspielzeit war beinahe abgelaufen, gelang es den Gästen doch noch, an den Ball zu kommen. Sie stocherten ihn mehr nach vorn, als dass sie ihn spielten – und plötzlich hatte Hwang Platz auf der rechten Seite.
Er sprintete los, passte scharf und präzise nach innen – und Maximilian Wöber, der mit Hwang eingewechselt worden war, drosch den Ball zum 3:1 (1:0) ins Netz. Es war der pure Wille und das erste Schalker Bundesligator seit Mai 2023 und der erste Sieg im Oberhaus seit 1225 Tagen. Der Rest ging in einem erlösenden Jubel unter – und Hwang war mittendrin. „Diese Atmosphäre war verrückt. Ich kann es gar nicht abwarten, vor unserem Heimpublikum zu spielen“, betont er.
„Bei uns raschelt es im Training“
Die Gelegenheit könnte sich am Sonntag bieten, wenn es zu Hause gegen Mitaufsteiger SV Elversberg geht (17.30 Uhr/DAZN und im Liveticker bei WELT). Doch sicher ist das nicht. Denn Schalke verfügt mittlerweile über eine Reihe von offensiven Alternativen.
Hwang passt gut dazu. Der 82-malige Nationalspieler reiht sich in eine Gruppe von Profis ein, für die die aktuelle Saison eine große, für einige sogar die letzte Chance bietet, sich noch einmal in einer europäischen Spitzenliga zu beweisen.
Ob Torhüter Loris Karius (33) oder die Innenverteidiger Nikola Katic (29), Hasan Kurucay (28) und Maximilian Wöber (28) – sie sind alle im mittleren oder oberen Fußballalter. Auch die Mittelfeldspieler Robin Gosens (32), Dina Ebimbe (25), Ron Schallenberg (27), Janik Bachmann (30) und der derzeit verletzte Dejan Ljubicic (28) haben schon einiges an Höhen und Tiefen erlebt.
Und dann sind da die Offensivkräfte Kenan Karaman (32), Adil Aouchiche (24), Junior Adamu (25), Moussa Sylla (26), Edin Dzeko (40) und eben Hwang – auch sie werden vom gleichen Spirit angetrieben.
Sie wollen es denen beweisen, die ihnen unterstellten, nicht mehr gut genug für ganz oben zu sein. Dafür gehen sie an ihre Grenzen. „Dieser Konkurrenzkampf kann uns nur besser, stärker und kompakter machen. Die Jungs müssen sich um ihre Plätze fetzen. Bei uns raschelt es im Training“, sagt Muslic. Der Trainer weiß, wie wichtig Erfahrung ist, um mit Druck umzugehen.
Der wird groß sein. Daran ändert auch der gute Start mit vier Punkten aus drei Spielen wenig. Selbst das 0:0 gegen den FC Bayern, als sich die Schalker beinahe schon heroisch einen Punkt erkämpft hatten, darf nicht blenden. „Wir sind angekommen. Aber die nächsten zehn Monate werden brutal“, so Muslic.
Es braucht Persönlichkeiten, um gegen spielstärkere Gegner bestehen zu können. Die hat Schalke – und das wird sich, davon ist Muslic überzeugt, am Ende der Saison als wichtiger erweisen als Schnelligkeitsdefizite in der Innenverteidigung oder kreative Probleme in der Offensive.
Der große Einfluss des Loris Karius
Die entscheidenden Figuren sind Kapitän Karaman und Torhüter Karius. „Kenan ist superwichtig für uns. Er zieht Spieler mit“, sagt Muslic über den türkischen Ex-Nationalspieler. Karaman verkörpert die Mentalität, welche die Mannschaft seit dem Dienstbeginn des Trainers entwickelt hat. Er geht voran, gibt in der Kabine den Ton an. Torwart Karius ist ruhender Pol und Rückhalt. Seine starke Form, die er aus der Aufstiegssaison in die neue Spielzeit hinübergerettet hat, ist vielleicht der entscheidende Faktor.
Ob auf der Linie, im Eins-gegen-Eins oder in der Strafraumbeherrschung – es gibt derzeit wohl nur wenige bessere Bundesligatorhüter. Wäre es nach den Schalkern gegangen – Karius hätte die Chance verdient gehabt, von Bundestrainer Jürgen Klopp ins Nationalelf-Aufgebot nominiert zu werden. Dass es anders kam, dürfte Karius jedoch verschmerzen. Allein die Tatsache, „dass die Leute mich damit in Verbindung bringen, ist eine Auszeichnung“, hatte er gesagt.
Die Wertschätzung, die Karius auf Schalke erfährt, ist für ihn Genugtuung – und hilft, einige schmerzhafte Erlebnisse zu verarbeiten. Wie die von dem Spiel, welches das größte seiner Karriere werden sollte: als er 2018 mit dem FC Liverpool und seinem einstigen Mentor Klopp im Champions-League-Finale auf Real Madrid traf. Da wähnte er sich ganz oben.
Kurz vor der Halbzeit traf ihn Sergio Ramos mit dem Ellbogen am Kopf. Liverpool verlor 1:3 – auch, weil Karius trotz einer Gehirnerschütterung und Sehproblemen weiterspielte. Von da an ging es bergab. Er habe sich irgendwann sogar gefragt, ob alles noch Sinn ergebe.
Erst auf Schalke fand Karius wieder zu alter Stärke – und mit ihm die Schalker Mannschaft. Es sind wohl auch die überwundenen Rückschläge, die Karius so robust gemacht haben.
Sollte es so sein: Er ist nicht der einzige Schalker.
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