Deutschland will Olympische Sommerspiele. Die Hoffnungen und Erwartungen auf positive Effekte für Wirtschaft und Gesellschaft sind riesig. Am 26. September wird aus drei verbliebenen Bewerbern der Kandidat bestimmt. Das will und kann Berlin:

Bei dieser Straße handelt es sich nicht nur um einen Weg. Ein Band, das sich quer durch Berlin zieht, das die Menschen verbindet, zum Sport animiert und den olympischen Gedanken mit Leben füllt. Vom Olympiastadion soll der urbane Erlebnisweg über das Brandenburger Tor bis zum ehemaligen Flughafen Tempelhof führen. Kultur, Begegnungsorte, Public Viewing und Wettkampfstätten mitten in der City – die Olympischen Spiele in der Hauptstadt sollen die Berliner und Besucher mitnehmen und begeistern.

Doch die Bewerbung hat vor allem einen großen Unsicherheitsfaktor: die Berliner.

Wenn an diesem Sonntag in der Hauptstadt gewählt wird, ist dies indirekt auch eine Abstimmung über die Olympia-Bewerbung. Sollte es eine linke Mehrheit geben, wäre dies ein herber Rückschlag für die Olympia-Träume, im schlimmsten Fall sogar das Aus. Sowohl die Grünen als auch die Linke haben sich gegen die Spiele in Berlin ausgesprochen. Anders als in Hamburg, München und Nordrhein-Westfalen durften es die Bewohner nicht direkt tun. Die Verfassung des Landes erlaubt kein initiiertes Referendum „von oben“. „Das ist ein Nachteil unserer Bewerbung. Die Berliner Verfassung erlaubt eine solche Volksbefragung nicht. Ich hätte mir sehr gewünscht, die Berlinerinnen und Berliner direkt über die Bewerbung abstimmen zu lassen“, sagt Kaweh Niroomand zu WELT AM SONNTAG.

Der 73-Jährige kämpft als Olympia-Beauftragter der Hauptstadt darum, die Spiele wieder nach Berlin zu bringen. Aufgrund der Komplexität des dreistufigen Verfahrens, bei dem am Ende 750.000 Stimmen gegen eine Bewerbung zusammenkommen müssten, glaubt er, dass die Bemühungen der „NOlympia“-Bewegung scheitern: „Ich gehe davon aus, dass NOlympia die ersten 20.000 Unterschriften erreichen wird. Dass die Initiative auch die beiden folgenden Hürden nimmt, halte ich dagegen für unwahrscheinlich. Deshalb sehe ich kein realistisches Risiko, dass Berlin nach einem nationalen Zuschlag seine Bewerbung zurückziehen muss. Das haben wir auch den Spitzensportverbänden aus meiner Sicht überzeugend dargelegt.“

Das Votum des Berliner Abgeordnetenhauses pro Olympia zählt bei der Evaluierung nur halb so viel wie die erfolgreicheren Referenden in NRW und München. Zudem ist die Möglichkeit eines zukünftigen Referendums mit offenem Ausgang eine Schwachstelle.

Bis zu 100 Sportstätten saniert, Schwimmen in der Spree für alle

Niroomand hält das dreistufige Konzept Berlins, das bei den Punkten Sportstätten, Infrastruktur und Unterbringung vor allem auf Nachhaltigkeit setzt, für eine Stärke. 97 Prozent der Wettkampfstätten sind bereits vorhanden. Wenn nicht in Berlin, dann etwa auf dem Golfplatz im brandenburgischen Bad Saarow, der Wildwasseranlage im sächsischen Markkleeberg oder dem Segelrevier in Warnemünde. Auch das Berliner Verkehrsnetz hält er schon für olympiatauglich, und bei der Bettenkapazität sieht er deutliche Vorteile gegenüber den Konkurrenten.

Berlin wirbt für sich

Die Sport- und Veranstaltungsstätten müssten natürlich olympiatauglich gemacht werden. Dies hätte aber laut Niroomand einen langfristigen Nutzen für die Stadt. Von der Schulturnhalle bis zum olympischen Schwimmbad würden 80 bis 100 Sportstätten saniert werden und nach den Spielen den Berlinern zur Verfügung stehen. Spektakuläre Bilder sollen Medaillenzeremonien und die Freischwimm- und Triathlonwettbewerbe in der Spree an der Oberbaumbrücke im Herzen der Stadt liefern. Wie in Paris in der Seine soll auch hier nach den Spielen das Schwimmen möglich sein.

Das Olympische Dorf, in direkter Nähe zur Messe, drei Kilometer vom Olympiastadion entfernt, wird die eklatante Wohnungsnot Berlins nicht lösen, aber 2500 neue Wohnungen bringen. Das Dorf soll von einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft gebaut werden, sodass die Stadt die Kontrolle über die Nachnutzung und Mietpreise hat.

Das Brandenburger Tor ist ebenfalls Teil des Olympia-Konzeptes

Das größte Pfund Berlins ist die Bekanntheit, um sich später als deutscher Bewerber gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können. „Berlin bringt eine besondere internationale Strahlkraft mit. Menschen aus aller Welt kennen diese Stadt und wollen hierher. Zugleich haben wir mit zahlreichen Welt- und Europameisterschaften, wie der gerade zu Ende gegangenen Basketball-Frauen-Weltmeisterschaft sowie den Special Olympics World Games, bewiesen, dass wir sportliche Großereignisse professionell organisieren können. Diese Kombination aus internationaler Anziehungskraft und Erfahrung ist ein starkes Argument für Berlin“, sagt Niroomand.

„Ein starkes Zeichen für Demokratie und Freiheit setzen“

Trotz der Größe wirkt Berlin im Vergleich zu den beiden Mitbewerbern klein. Viele Spitzensportverbände, die über die Bewerbungen entscheiden, sind in Bayern und NRW beheimatet. Eine mitentscheidende Frage für den Erfolg der Berliner wird sein, ob sich die Verbände auch von Regionalpatriotismus leiten lassen werden.

Sollte die Hauptstadt die Spiele beheimaten, hat Niroomand einen großen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass die Bilder vom Brandenburger Tor und vom Tempelhofer Feld um die Welt gegangen sind und die Menschen sagen: Das waren die fröhlichsten Spiele, die wir je gesehen und erlebt haben. Friedlich, offen, vielfältig – in einer Stadt, die genau diese Attribute verkörpert. Und dass Deutschland mit den Olympischen und Paralympischen Spielen in Berlin 100 Jahre nach 1936 ein starkes Zeichen für Demokratie und Freiheit gesetzt hat.“

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