Der neue Chef und seine Helfer legen voller Tatendrang schon früher los. Bereits am Freitag reiste Bundestrainer Jürgen Klopp mit seinem Trainerstab nach Herzogenaurach. Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft reisen bis kommenden Montag an. Klopp und seinem engsten Kreis ist es wichtig, dass alles perfekt vorbereitet ist.

Auf dem Gelände des Verbandsausrüsters Adidas wartet viel Arbeit. Der Niederländer Pep Lijnders, der Klopp als „rechte Hand“ beim FC Liverpool unterstützte und jetzt sein Assistenztrainer ist, zog sich kürzlich sogar ins Kloster zurück, um sein Deutsch zu verbessern.

Es ist eine besondere Woche für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Die erste Länderspiel-Periode unter dem Nachfolger des nach der aus deutscher Sicht peinlichen WM in den USA geschassten Julian Nagelsmann beginnt. Sie ist verbunden mit hohen Erwartungen, neuen Gesichtern und Hoffnung. Es ist ein Neustart mit Knalleffekt – und mit vier Spielen innerhalb von zehn Tagen. Im Zentrum ein neuer Bundestrainer, der den deutschen Fußball retten soll.

Am Donnerstag gab dieser sein Aufgebot für die ersten Spiele bekannt. Und erklärte, was und warum unter ihm jetzt anders läuft. Mit 16 Debütanten und zwei Kadern.

Mit der Zusammenstellung seiner ersten Aufgebote machte Klopp sofort deutlich: Es gibt kein Weiter so! Keine Einladung für Fan-Liebling Deniz Undav vom VfB Stuttgart, keine Berufung des ewigen Streitfalls Leroy Sané von Galatasaray Istanbul. Und auch Pascal Groß von Brighton & Hove Albion ist nicht dabei.

Dafür sind unter den 44 Namen solche, die selbst Fußball-Fans erst seit Kurzem geläufig sind. Klopps Botschaft: Deutschland hat gar kein Fußball-Qualitätsproblem, wie man noch im Sommer unter Nagelsmann denken konnte. Talent sieht Klopp ausreichend vorhanden. Jetzt will der 59-Jährige es sprichwörtlich zum Laufen bringen.

Klopps erstes Spiel in Amsterdam am Mittwoch

Am Mittwoch reist Klopp mit der Auswahl nach Amsterdam, wo die Mannschaft am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker bei WELT.de und RTL) in der Johan-Cruijff-Arena in der Nations League gegen die Niederlande antritt. Sonntagabend folgt in Augsburg das Spiel gegen Griechenland, in der folgenden Woche in München die Partie gegen Serbien und in Thessaloniki erneut gegen Griechenland. Nach zwei von vier Partien wechseln sich die Spieler größtenteils ab.

In dieser Woche wurde bei Klopps internen und öffentlichen Auftritten deutlich, was ihm beim Neustart wichtig ist: Mut, Offenheit, Kommunikation, Spielfreude und ein Wir-Gefühl.

Welche Strahlkraft Klopp besitzt, zeigt die Kartennachfrage. Das Spiel gegen Griechenland in Augsburg war binnen weniger Minuten ausverkauft. Bei Klopps Premiere werden 2600 deutsche Fans im Amsterdamer Stadion sein, beim Spiel in Thessaloniki 1400 – das sind jeweils fünf Prozent der Stadion-Kapazität, so viel gestattet der europäische Verband Uefa.

Für beide Partien mussten die Karten am Ende verlost werden, weil es mehr Anfragen gab. Für das Spiel in Amsterdam überstieg die Anfrage das Angebot um das Dreifache. Als Deutschland im September 2024, wenige Wochen nach der EM im eigenen Land, unter Nagelsmann in Amsterdam für ein Länderspiel gastierte, verkaufte der DFB lediglich 1116 Karten. Alle wollen sehen, was unter Klopp anders wird. Und was besser.

Pierre Littbarski, ehemaliger Nationalspieler und Weltmeister 1990, spricht bei „WELT – Stimme am Morgen“ über die Erwartungen an Jürgen Klopps erste Kader-Verkündung als Bundestrainer: „Kloppi hat jetzt einfach das richtige Händchen.“

Der neue Bundestrainer hat ein Gerüst, auf das er trotz aller Neuerungen aufbauen kann. Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah, Nathaniel Brown, Joshua Kimmich, Alexander Pavlovic, Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz – das sind acht potenzielle Stammspieler, die auch unter Nagelsmann gesetzt waren. Aber: Von den WM-Fahrern sind nur noch weniger als die Hälfte dabei. Antonio Rüdiger von Real Madrid und Torwart Manuel Neuer sind die einzigen Spieler, die nach der WM zurückgetreten sind.

Kimmich bleibt Kapitän und wird, anders als unter Nagelsmann, nicht mehr als Rechtsverteidiger spielen. Sondern wie beim FC Bayern im Mittelfeld.

Bei den Torhütern ordnet Klopp die Hierarchie nach dem endgültigen Nationalelf-Rücktritt Neuers neu. Dessen Erbe ist wieder der zuletzt vom Verletzungspech verfolgte Marc-André ter Stegen. Der 34-Jährige hat bei seinem neuen Klub Ajax Amsterdam eine Stammplatzsicherheit bekommen. Die Zeit des 23-jährigen Jonas Urbig, beim FC Bayern Neuers Backup, ist im deutschen Tor noch nicht gekommen. Auf den 36-jährigen Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim, der durch Neuers WM-Rückkehr seinen Status als Nummer 1 verlor, setzt Klopp nicht.

Der neue Bundestrainer versammelte seinen Staff in den vergangenen Tagen am DFB‑Campus. Er schwor die Nachwuchstrainer und weiteren Verbandsmitarbeiter bei einem sogenannten „Town-Hall-Meeting“ in Frankfurt am Main mit einer Rede ein und lud im Anschluss zum Grillen. Sich gegenseitig helfen, gern Verantwortung übernehmen – das ist Klopp wichtig. Ein Gemeinschaftsgefühl soll das Fundament des Neuanfangs werden.

Als Nationaltrainer umtreibt ihn eine Aufgabe, die weit über den Rasen hinausgeht. Beim Town-Hall-Meeting machte er deutlich, dass er den Patriotismus und den Stolz auf die eigene Nation nicht den falschen Leuten überlassen möchte. Sein Wunsch ist es, das Gefühl des „Sommermärchens“ von der WM 2006, als gefühlt ganz Deutschland mit der schwarz-rot-goldenen Flagge am Auto unterwegs war, wieder aufleben zu lassen. Seine Mannschaft soll das Land mitreißen.

Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp während seiner ersten Pressekonferenz

„In Deutschland hat gerade eine Wahl stattgefunden, die einige Leute vielleicht okay fanden, wo aber viele gesagt haben: Um Himmels willen, was ist da denn passiert?“, sagte Klopp am Donnerstag über den 43,8-Prozent-Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt. „Aus meiner Sportler-Perspektive sage ich: Ich würde uns gern die Fahne zurückholen. Positiver Patriotismus – gern!“

Der 59-Jährige setzt offensichtlich auf mehr Kommunikation als sein Vorgänger Nagelsmann. Die Bundesliga ist begeistert. „Er sorgt dafür, dass es einen echten Austausch gibt“, sagte Hoffenheims Trainer Christian Ilzer. „Er macht in seiner Rolle wirklich einen herausragenden Job.“

Auch beim FC Bayern sind die Verantwortlichen um Trainer Vincent Kompany und Sportvorstand Max Eberl nach einem Besuch Klopps in der Klubzentrale angetan. Doch alles ist wenig wert, wenn die sportlichen Ergebnisse nicht stimmen. Die hohen Erwartungen sorgen auch für Druck. „Ich erwarte sofort mehr“, so Klopp.

Defensive Stabilität als Basis

Fundamente seines Spielsystems sind wie bei seinen ehemaligen Klubs FC Liverpool, Borussia Dortmund und dem 1. FSV Mainz 05 eine hohe Intensität und Gegenpressing, Tempo und Aggressivität. Klopp setzt auf Raum- statt Manndeckung. Diese Thematik diskutierte der neue Bundestrainer auch mit Kompany. Defensive Stabilität ist die Basis.

Auch im Zusammensein abseits des Rasens wird es klarere Regeln geben als unter Nagelsmann. Klopp will nach den vielen Gesprächen mit den Spielern und Betreuern Punkte im Tagesablauf der Spieler verändern und neue Verhaltensregeln aufstellen. Im Kern: mehr Austausch beim gemeinsamen Essen und zwischen den Trainings.

Damit die Mission gelingt, zu der Klopp angetreten ist. Die Mission, den deutschen Fußball langfristig zurück an die Weltspitze zu bringen. Ein weiter Weg. Beim DFB sind sie sicher: Wenn es einer schafft, dann Klopp.

Die Fernsehsender hoffen bei seinen ersten Spielen auf Rekordquoten. Und die Fans darauf, dass die Nationalmannschaft endlich wieder Spaß bringt.

Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über Fußball, im Speziellen über die Nationalmannschaft. Zuletzt waren sie bei der WM in den USA. Bei den ersten Länderspielen unter Klopp werden Gartenschläger und Wolff abwechselnd auf der Medientribüne sitzen.

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