„Ich habe mich teilweise abgewertet gefühlt als Mensch“, gesteht Paderborns Trainer
Von der Bezirksliga in die Bundesliga. Als Spieler war Ralf Kettemann unter anderem für die Stuttgarter Kickers und den VfR Aalen in der 3. Liga und der Regionalliga Süd aktiv. In Ilshofen begann er 2011 als Spielertrainer und blieb acht Jahre. Weitere Stationen vor seinem Wechsel nach Paderborn waren die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim und die U19 des Karlsruher SC. Gerade in seinen Anfängen musste der 40-Jährige aber dem Job Tribut zollen, wie er im Gespräch erzählte.
Frage: Herr Kettemann, Sie führten den SC Paderborn gleich in Ihrem ersten Jahr als Trainer im Profibereich 2026 in die Bundesliga. Ein Erfolgsgeheimnis ist, dass Sie eine hervorragende Bindung zu Ihren Spielern haben. Kommt Ihnen Ihr Alter dabei entgegen?
Ralf Kettemann: Es hilft mir, dass in mir ein ganz großes Spielkind rumturnt. (lächelt) Ich habe im Umgang mit den Jungs auch manchmal einen Pfeil im Kopf, kann mit ihnen Bullshit labern, wir können uns gegenseitig triezen. Was man im Fußball halt so kennt. Das gehört auch dazu, wenn sich alle in der Kabine gegenseitig respektieren. Das hilft, um eine Verbindung zu den Spielern aufzubauen. Nützlich ist dabei sicher auch mein Alter.
Frage: Sie benutzen die Redewendung „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Wie meinen Sie das – etwa auf Ihren Trainerjob heruntergebrochen?
Kettemann: Ich nenne mal zwei prominente Beispiele: Sowohl bei Diego Simeone (Coach von Atlético Madrid, die Redaktion) als auch bei Jürgen Klopp (Bundestrainer) erkennt man aufgrund ihrer sehr emotionalen Außendarstellung sofort, dass sie Heavy-Metal-Fußball spielen lassen. Da scheppert es auch mal. Das zeigt, dass sich die Ausstrahlung eines Trainers auf eine Mannschaft übertragen kann. Bei Simeone und Klopp ist das extrem positiv.
Frage: Das heißt für Sie?
Kettemann: Dass jede einzelne Handlung, die ich mache, von meinen Jungs extrem wahrgenommen wird. Darum möchte ich das Beste vorleben, auch im zwischenmenschlichen Bereich. Ich will als Trainer idealerweise nicht nur in die Köpfe meiner Spieler vordringen, sondern in ihre Herzen. Im Trainerberuf ist die Fähigkeit der Empathie bei so vielen unterschiedlichen Charakteren in einer Mannschaft bedeutend. Ich kann sowohl das Primitive bedienen als auch tiefgründige Gespräche führen. Das schafft Verbindung.
Frage: Verbringen Sie viel Zeit in der Kabine Ihrer Mannschaft?
Kettemann: Fast gar keine. Ab und an schaue ich mal rein, beleidige die Jungs hoch und runter, weil sie wieder ihre Handys in den Händen haben. (lacht) Grundsätzlich muss ich aber feststellen: Wir haben eine tolle Kabine, die Truppe funktioniert hervorragend. Ich bin seit Sommer 2025 in Paderborn – und es gab bisher noch keinen zwischenmenschlichen Vorfall.
Frage: Gibt es beim SCP einen Strafenkatalog für die Spieler? Bestimmen Sie die Sanktionen?
Kettemann: Die Jungs regeln die Strafen unter sich – wie etwa das Zuspätkommen zum Treffpunkt etc. Aber bei uns gibt es auch eine Trainerkasse – und in die müssen die Spieler einzahlen, damit wir dann auch einen schönen Saisonabschluss haben –, wenn sie zu Beginn von Trainingstagen unsere Umfragebögen nicht ausfüllen.
Frage: Umfragebögen?
Kettemann: Ja, wir möchten jeden Morgen von den Jungs ein Feedback bekommen, wie es ihnen geht. Natürlich gibt es die Belastungsdaten aus den Trainingseinheiten am Tag zuvor. Das ist aber das eine. Das andere sind emotionale Faktoren. Hat ein Spieler schlecht geschlafen, weil seine Freundin am Abend zuvor etwa Schluss gemacht hat oder das Kind krank ist? Diese Fragen können keine Blut- oder Belastungs-Steuerungs-Analysen beantworten und sind notwendig für die Trainingssteuerung.
Frage: Stichwort Belastung: Sie waren acht Jahre Spielertrainer bei der TSV Ilshofen in Baden-Württemberg und führten den Verein von der Bezirks- in die Oberliga. Inwiefern hat Sie die Zeit dort geprägt?
Kettemann: Ich habe mir den Trainerberuf selbst beigebracht. Das war viel Trial and Error, also Versuch und Irrtum. In der Zeit habe ich auch erlebt, was gesund und ungesund ist. Ich habe mich teilweise abgewertet gefühlt als Mensch, als plötzlich Spiele verloren gingen. Wir Trainer werden extrem bewertet. Leider etwas zu sehr schwarz und weiß. Aber es gibt auch Grau. Ein 1:2 kann dennoch gut sein, weil die Mannschaft eine klasse Leistung bot. Ich geriet jedoch in diese Arbeitsspirale, habe mich nach Sieg und Niederlage definiert. Das hatte damals Spuren bei mir hinterlassen, mir fehlte phasenweise die Kraft, sodass ich vereinzelt zu Spielen gefahren werden musste. Das war für mich der Peak-Moment.
Frage: Das heißt?
Kettemann: Ich habe mir professionelle Hilfe gesucht, mit Menschen zusammengearbeitet, die einen spiegeln. Die einem immer wieder Hilfestellung geben. Ich will den Trainerberuf, den ganzen positiven Fußball-Wahnsinn gesund und bewusst erleben.
Frage: Ottmar Hitzfeld, der mit Dortmund und Bayern zweimal die Champions League gewann, erkrankte wegen des Drucks an Burnout.
Kettemann: Man ist kein guter Mensch, wenn man ein Spiel gewinnt. Und man ist kein schlechter Mensch, wenn man eine Partie verliert. Das habe ich für mich gelernt.
Frage: Paderborn gilt als sehr ruhiger und besonnener Fußballstandort. Ist Ihnen das für Ihre Arbeit wertvoller als 40.000 Euro mehr Gehalt im Monat bei einem größeren Klub, bei dem bei Misserfolgen viel Unruhe herrscht?
Kettemann: Ich habe bei einem größeren Klub nicht gearbeitet, ich bin Bundesliga-Novize. Andere Trainer können die Frage besser beantworten. Grundsätzlich gilt für mich: Es geht um Lebensqualität, Geld ist für mich nicht die Maxime. Ich habe genug für meine Ansprüche. Mich reizt, das Spiel bewusst zu genießen, nicht im Hamsterrad zu sein. Ich habe keinen Bock, irgendwo zwischenmenschlich zu leiden.
Frage: Sie starteten mit einem 0:0 in Mainz und einem 0:1 gegen Freiburg in Ihre erste Bundesliga-Saison. Nun gastiert der SCP im Westfalen-Duell bei Borussia Dortmund am Samstagnachmittag vor mehr 80.000 Zuschauern.
Kettemann: Das wird eine mentale Geschichte für uns, und in irgendeiner Form könnte ich meinen Jungs keinen Vorwurf machen, wenn einer von ihnen dort nervös ist. Aber wenn wir keine Eier haben, dann wird man auch keine Chance haben.
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