„Unmöglich“ – Cottbus-Trainer Wollitz rechnet mit eigenen Fans ab
Die Zweite Liga hat eine neue Reizfigur. Schon in der vergangenen Woche sprach Fabian Reese vom VfL Wolfsburg spürbar betroffen von den Pfiffen gegnerischer Fans und gab zu: „Das verletzt mich.“ Dieses Mal hat sich sogar der Trainer des Gegners vehement vor den Star des Werksklubs gestellt und kritisierte die eigenen Fans.
In aller Deutlichkeit ging Cottbus-Coach Claus-Dieter Wollitz auf die Energie-Anhänger los, weil sie Reese aus dem Gästeblock heraus permanent ausgebuht hatten. „Was soll das? Ich finde das unmöglich“, sagte der 61‑Jährige – und machte ein solches Fanverhalten zum Problem der gesamten Liga: „Ich finde, dass alle Vereine da aufzustehen haben und sich dafür aussprechen: Das macht man nicht! Das ist absolutes No-Go! Das ist peinlich, wirklich peinlich.“
Dass sich Trainer oder Vereinsvertreter derart klar gegen die eigenen Fans positionieren, ist mittlerweile so selten im deutschen Fußball, dass Wollitz’ Stellungnahme sogar eines der spektakulärsten Spiele der bisherigen Saison überlagerte. Denn der Aufsteiger Cottbus traf beim großen Aufstiegsfavoriten Wolfsburg in der Nachspielzeit noch zum 4:4 (1:3), obwohl man nach weniger als 35 Minuten schon mit 0:3 zurückgelegen hatte.
Warum polarisiert ausgerechnet Reese so immens?
Doch den Erfolgstrainer des FC Energie störte der Umgang mit Reese so sehr, dass er, wenn auch nur in Andeutungen, seine eigene Zukunft in Cottbus infrage stellte. „Einen Jungen, 28, 29 Jahre, der diesen Traum hat, Fußball zu spielen, der diesen Traum hat, aufzusteigen: Sie machen ihn komplett kaputt“, sagte Wollitz über die eigenen Fans. „Und die gehen nach Hause und lachen sich darüber kaputt. Dann wird es schwierig für mich, in Cottbus weiterhin diese Arbeit so zu verrichten, wie ich sie verrichte. Weil das kann ich nicht akzeptieren.“
Dass der 28 Jahre alte Reese ein derart rotes Tuch für viele Anhänger geworden ist, hat verschiedene Ursachen. Drei Jahre spielte der gebürtige Kieler zuletzt für Hertha BSC. Seine Verbundenheit mit dem Klub und seiner Herzensstadt Berlin verkündete er unter anderem mit einer öffentlich zelebrierten Vertragsverlängerung im Mai 2025.
Ein Jahr später ging er trotzdem für rund acht Millionen Euro zum VfL Wolfsburg – weil er dort die größeren Aufstiegschancen sieht und weil die Hertha das Geld in diesem Sommer dringend brauchte. „Die Vereine haben sich geeinigt, um diesen Wechsel zu ermöglichen. Hertha BSC hat durch ihn wahrscheinlich eine Lizenz bekommen und er wird dafür verantwortlich gemacht, dass der Standort hier in Wolfsburg die Möglichkeit hat, solche Spieler zu verpflichten. Das ist für mich ein Unding, respektlos, so einen jungen Spieler so fertigzumachen“, monierte Wollitz. Seit dem Wechsel zum Titelfavoriten wurde Reese zunächst nur in sozialen Netzwerken und mittlerweile auch im Stadion angefeindet.
„Leben in einer ganz komischen Gesellschaft“, sagt der Cottbuser Kapitän
Reese hatte schon geahnt, dass es eventuell Probleme geben könnte. „Manchmal ist es so, dass positive Gefühle ins Negative umschwenken, in Richtung Enttäuschung, Missgunst, mitunter leider auch Hass“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ schon im August. „Wenn jemand wegen meines Wechsels das Vertrauen in Fußball-Romantik verloren hat, dann tut mir das aufrichtig leid.“ Aber er wollte „nie bewusst polarisieren. Dass meine Person mal ein solches Politikum werden würde, das habe ich wirklich nicht kommen sehen.“
Der Volkswagen-Klub Wolfsburg taugt vielen gegnerischen Fans ebenfalls als Feindbild. Knapp 30 Millionen Euro investierte der VfL trotz des Bundesliga-Abstiegs in neue Spieler.
„Ich hoffe, dass der Verein und er stark bleiben und die richtige Antwort auf den Platz finden“, sagte Wollitz: „Jedes Tor, jede Torvorbereitung, jeder Erfolg für den VfL Wolfsburg ist das richtige Argument und diese Unterstützung hat der Mensch als Spieler verdient“, sagte der Cottbuser Trainer.
Wollitz wie auch Wolfsburgs Kapitän Hauke Wahl halten den Umgang mit Reese aber nicht nur für ein Problem des Fußballs allein. Sie sehen darin auch ein Zeichen allgemeiner gesellschaftlicher Verrohung.
„Wir leben in einer ganz komischen Gesellschaft, in der man jemandem anderen nichts mehr gönnt und in der viel Neid vorherrscht“, sagte Wahl nach dem Cottbus-Spiel. „Zum Beispiel gegen Altglienicke kommen Leute ins Stadion, um einfach nur zu hetzen. Da verstehe ich nicht, was in deren Leben abgeht und warum sie sich besser fühlen, wenn sie andere Leute runtermachen.“
Reeses Trainer Tobias Strobl dankte Wollitz ausdrücklich für die klaren Worte. „Deswegen schätze ich den Pelé“, sagte er – und wurde in Richtung der Cottbuser Fans ebenfalls grundsätzlich: „Jeder Mensch, der pfeift, soll sich mal hinterfragen: Was ist, wenn er dort steht oder sein Sohn, sein Kind dort stehen würde?“
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