„Respektlos“ – Tennis-Stars schimpfen auf Influencer
Mitten im Spiel von Naomi Osaka johlt plötzlich eine Gruppe Zuschauer auf den teuren Plätzen der Tribüne bei den US Open. Die Männer und Frauen posieren für Videos und rufen laut Richtung Kamera, ein helles Licht leuchtet den VIP-Bereich aus, der Tennis-Star fühlt sich beim Aufschlag in seiner Konzentration gestört. „Leute, bitte, in der Loge hinter mir, setzt euch hin“, ermahnt Schiedsrichterin Paula Vieira Souza genervt im Arthur Ashe Stadion.
In den sozialen Medien geht diese Szene viral – und wirft ein Schlaglicht auf ein Phänomen, das bei den US Open an den ersten Turniertagen heiß diskutiert wird: Influencer sind bei dem Grand-Slam-Turnier allgegenwärtig. Welchen Einfluss hat das auf den Sport?
„Es ist echt hart, solche Videos zu sehen, wenn die Leute Fotos machen und Selfie-Lichter benutzen“, kritisiert die amerikanische Weltranglistendritte Jessica Pegula und fordert mehr Rücksicht auf die Profis. „Die Leute versuchen da unten aufzutreten, es ist ihr Beruf, ihr Job. Das wirkt irgendwie respektlos. Ich finde, es ist dieses Jahr etwas übertrieben geworden.“
Im Vorjahr gaben die Turnierorganisatoren erstmals Akkreditierungen an sogenannte Content-Creator aus, die Zahl verdoppelte sich bei dieser Auflage auf rund 100. „Wir müssen Wege finden, um ein neues Publikum zu erreichen“, begründet ein US-Open-Sprecher die Maßnahme.
Eva Lys schwört auf Social Media
Rund um den Tenniszirkus haben sich mehrere Influencer etabliert, die vor allem mit ihren Inhalten zum Sport bekannt sind. Als Beispiele nennt Eva Lys die Amerikanerinnen Paige Paul, Ehefrau von US-Profi Tommy Paul, und Morgan Riddle, Ex-Freundin von Taylor Fritz, die dem Sport aus ihrer Sicht „eine große Reichweite“ bringen. Beide haben zusammen mehr als 1,8 Millionen Follower, alleine bei Instagram.
„Ich bin ein großer Fan von jeglicher Art von Marketing, die mehr Fans im Frauentennis beisteuern“, sagt die Hamburgerin Lys. Bei der Vermarktung sind die US Open im Vergleich der vier Grand-Slam-Turniere aus ihrer Sicht am besten aufgestellt. „Sie sind die ersten, die so richtig mit Influencern mitziehen, ohne die wird es schwer.“
Auch Lys selbst kennt die Kraft der sozialen Medien, teilt viele Aspekte ihres Alltags als Tennisspielerin via Instagram. Knapp 400.000 Menschen folgen ihr dabei. „Ich kenne ganz viele Leute, die nicht auf mich gestoßen sind, weil sie solche Tennisfans sind, sondern weil sie cool finden, was für Videos ich poste“, sagt die Weltranglisten-98.
Die US Open sollen das „Tennis-Disneyland“ werden
Eine Entwicklung, die die Organisatoren der US Open in ihrer Wachstumsstrategie begrüßen dürften. Das komplette Grand-Slam-Turnier dauert inzwischen mit der vorgeschalteten Fanwoche und einem Mixed-Event mit vielen Superstars drei statt zwei Wochen.
Die Aktivitäten abseits des Platzes werden dabei noch weiter ausgebaut. „Wir werden zahlreiche Möglichkeiten für Spieler, Kinder und Erwachsene bieten, herzukommen und verschiedenste Erfahrungen zu sammeln“, sagte Craig Tiley, Chef des verantwortlichen US-Verbands. Die US Open sollen das „Tennis-Disneyland“ werden, kündigte er an. Schlüssel zur Kommunikation sind auch Influencer als Multiplikatoren, alleine 15 bis 20 von ihnen sollen Berichten zufolge Inhalte direkt für die US Open kreieren.
Disneyland? „Dieses Wort mag ich nicht“, sagt der frühere US-Open-Champion Daniil Medwedew. „Es ist immer noch ein Sport, in dem wir auf eine Art um unser Leben kämpfen.“ Den Gedanken dahinter kann der Russe jedoch nachvollziehen. „Es lässt den Sport wachsen, also denke ich, dass es gut ist.“
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