90 Minuten hinter Fahnen – ein absurder Trend macht in der Bundesliga Schule
Fahnen in Fanblöcken – neu ist das Phänomen nicht. „Wir machen das mit den Fähnchen“ galt nicht zuletzt dank eines TV-Werbespots sogar als Synonym für das Bekannte und Erwartbare. Ja, die Bilder gab es schon in den Siebzigern und Achtzigern. Nur sind sie nun zum Standbild geworden. Einst situativ eingesetzt, wird im ultradominierten Fanlager nicht mehr nur von An- bis Abpfiff dauerhaft gesungen und getrommelt, sondern auch volle 90 Minuten geschwenkt. Und das im ganz großen Stil.
Während sich die Bundesligamannschaften in der Sommerpause mit neuen Spielern verstärkten, wurde auch in den Kurven massiv aufgerüstet. Zu beobachten am ersten Saisonspieltag. In jedem Stadion, Heim- wie Auswärtsblock, sprossen am vergangenen Wochenende über die gesamte Spielzeit großflächige Banner wie überreife Früchte an langen Stängeln.
Das sieht ehrlicherweise ziemlich gut aus, steht aber im krassen Widerspruch zum eigentlichen Sinn und Zweck eines Stadionbesuchs – dem Verfolgen eines Fußballspiels. Denn der geschwenkte Stoff nimmt die Sicht und macht die 90 Minuten zum Hörspiel, das angesichts seines von Dynamik und Verlauf einer Partie abgekoppelten Singsangs ja schon lange nichts mehr mit den Ereignissen auf dem Platz gemein hat. Tor, Gegentreffer, vielversprechende Kontersituation oder Quergeschiebe im Mittelfeld – die Gesänge der Ultras klingen immer gleich. Und nach der Akustik wird nun die Optik gleichgeschaltet. Wir schwenken durch bis morgen früh und singen Bummsfallera!
Großes Stadion, große Fahnen: Die Dortmunder Fans beim Saisonauftakt gegen HamburgBis zu 50 Quadratmeter misst eine gängige Schwenkfahne, mitunter auch mehr. Und schon eine von ihnen genügt, damit mehrere Hundert Fans dahinter nichts mehr sehen können. Mit den Fahnen wächst das Problem.
Fußballspiel im toten Winkel
Im Fanblock selbst ist das Verfolgen des Spiels vor allem auswärts längst ein Glücksspiel. Hinten schaut man auf die Fahnen, und die ersten Reihen beansprucht die aktive Fanszene für sich. Wo also noch stehen, um das Spiel zu verfolgen?
Man solle sich halt einen anderen Bereich im Stadion suchen, heißt es gern. Doch das Argument, wonach Sichtbehinderungen in Fanblöcken als Opfer für einen guten Support hingenommen werden müssen, greift nicht mehr. Die Fahnen haben mittlerweile eine Größe erreicht, die den vorgelagerten Sechzehner bis hinauf zu den Sitzplätzen im Oberrang in den toten Winkel wandern lässt.
In mehreren Vereinen kam es intern bereits in der vergangenen Saison nach Beschwerden von Kartenbesitzern zu Diskussionen. Das Thema ist bekannt. Doch bis auf vereinzelte Kompromisse, wonach in bestimmten Spielsituationen wie Elfmetern oder Freistößen die Segel im Fahnenmeer eingeholt werden, gab es keine Konsequenzen.
Der erste Spieltag zeigte nun einmal mehr das gewachsene hierarchische System in den Kurven und das unerschütterliche Selbstverständnis der Ultras. Sie machen die Regeln und entscheiden, wer wo steht, was tut – oder auch lässt. Als Capo, Trommler, Fanzine-Verteiler oder armkräftiger Dieter Wedel am Fahnenstock.
Hamburg in Dortmund: Kater nach dem 0:2 und eine ordentliche Fahne...Der normale Fußballfan mag es schwachsinnig finden, sich ins Stadion zu stellen, ohne das Geschehen auf dem Rasen zu verfolgen: Stell dir vor, es ist Fußball – und keiner schaut hin. Man muss das nicht verstehen, kann es aber hinnehmen – solange andere nicht in Sippenhaft genommen werden.
Der absurde Fahnen-Trend ist jedoch ein weiteres Indiz für die Intoleranz. Die Selbstinszenierung wird wieder einmal über die Bedürfnisse anderer gestellt. Selbst dann, wenn es denen nur darum geht, das wahrnehmen zu können, wofür sie (viel) Geld bezahlt haben: ein Fußballspiel live im Stadion zu verfolgen. Die Ultras proklamieren gern den Respekt vor der Fahne. Rücksicht auf Nebenmann und Nebenfrau ist für sie offenbar nicht selbstverständlich.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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