„Wir führen einen Kampf gegen Infantino – und den müssen wir gewinnen“
Die gescheiterten Investorenpläne von Fifa-Boss Gianni Infantino beschäftigen die Gremien des Weltfußballs weiter. Infantino wollte Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbandes an private Investoren verkaufen. Geldgeber hätten rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise (FFE) erwerben können, dessen Wert zunächst mit 20 Milliarden Dollar beziffert war. Der Fifa-Präsident musste nach großem Druck die Pläne abblasen und steckt in der schwersten Krise seiner Amtszeit.
Vor wenigen Tagen hat die Uefa den Druck auf Infantino und die Fifa erhöht. Mit ihrem Gesuch an die US-Justiz zur Sicherung von Dokumenten rund um den verhinderten WM-Investorendeal bei einem Gericht in Florida haben die europäischen Fußball-Funktionäre den Konflikt auf ein neues Level gehoben. Bayer Leverkusens Geschäftsführer Fernando Carro hat Einblicke in die Vorgänge gegeben. Dabei hat der 62 Jahre alte Spanier gerade auch mit seinem holprig in die Saison gestarteten Klub einiges zu tun.
Frage: Herr Carro, die Uefa bereitet ein Strafverfahren in der Schweiz gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino vor wegen des geplanten Verkaufs von kommerziellen Rechten an der WM an einen US-Investor. Ist eine Anzeige, etwa wegen Untreue oder Bereicherung, die einzige Chance, Infantinos Wiederwahl im März 2027 zu verhindern?
Fernando Carro: Alles, was man von Infantino sieht und hört, deutet nicht darauf hin, dass er von sich aus zurücktreten wird – obwohl ich das für das Beste für die Fifa und den Weltfußball hielte. Er glaubt allem Anschein nach, dass er die Wahl im März gewinnen kann. Und er weiß, dass es nicht einfach sein wird, einen Kandidaten zu finden, der bereit ist, das Risiko einer Kampfabstimmung einzugehen – zumal nicht vollständig ausgeschlossen ist, dass es in der Concacaf (Nord-, Mittelamerika und Karibik; d. Red.) oder AFC (Asien) auch einige Abweichler geben kann. Wenn es im Zusammenhang mit den aktuellen Vorgängen belastbare Hinweise auf ein Fehlverhalten gibt, müssen diese unabhängig und konsequent aufgeklärt werden. Man sollte nur nicht den Fehler machen, eine politische Strategie allein auf dieses Szenario hin auszurichten.
Frage: Die Uefa beteuert, dass es auf jeden Fall einen Herausforderer geben wird, falls Infantino im März antritt. Am 18. November läuft bei der Fifa die Bewerbungsfrist aus, aber von einem Gegenkandidaten ist weit und breit noch nichts zu sehen.
Carro: Das wird auf jeden Fall eine Herausforderung. Wir Europäer werden in Teilen der Welt ohnehin als etwas arrogant wahrgenommen, weil man uns nachsagt, uns als Nabel der Fußball-Welt zu verstehen. Wer eine Veränderung an der Spitze der Fifa erreichen will, braucht deshalb einen Kandidaten, der auch außerhalb von Europa überzeugt und Mehrheiten gewinnen kann.
Frage: Eine Chance hätte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin aus Slowenien, der aber kein Interesse am Fifa-Chefsessel hat – obwohl seine Amtszeit wie die von Infantino 2027 endet. Muss sich die Uefa einen neuen Präsidenten suchen?
Carro: Ich gehe davon aus, dass Ceferin im April noch einmal für das Amt des Uefa-Präsidenten kandidieren wird. Und ich würde das begrüßen. Er macht einen sehr guten Job und hat in schwierigen Zeiten gezeigt, dass er viele unterschiedliche Interessen in Europa zusammenführen kann und die Rückendeckung aller 55 Uefa-Mitgliedsverbände hat. Ich unterstütze ihn deshalb aus Überzeugung.
Frage: Als möglicher Fifa-Kandidat wird Mattias Grafström genannt, obwohl er als Generalsekretär seit Jahren in Infantinos Fahrwasser schwimmt und ihm nach seiner Kritik am WM-Investorenplan doch wieder die Treue geschworen hat.
Carro: Grafström sehe ich deshalb nicht als Kandidaten.
Frage: Bleibt aus Europa noch Lise Klaveness, Norwegens Verbandspräsidentin und Infantino-Chefkritikerin. Eine Frau an der Fifa-Spitze wäre ein Novum.
Carro: Sie gehört zu den wenigen, die den Mut haben, ihre Position auch öffentlich sehr klar zu vertreten. Das respektiere ich. Aber die Frage ist auch bei ihr: Kann sie als Europäerin auch außerhalb Europas Stimmen gewinnen? Meine Vermutung ist: Es wird am Ende ein nicht-europäischer Kandidat, der aber von Europa unterstützt wird.
Frage: Da kommt Nasser Al-Khelaifi ins Spiel, Präsident von Paris St. Germain, Chef der EFC und enger Vertrauter von Ceferin. Wird seine Kandidatur vom Herrscherhaus von Katar verhindert, das hinter Infantino steht?
Carro: Katar ist in dieser globalen Gemengelage zweifellos ein wichtiger Faktor und verfügt international über großen Einfluss. Nasser ist eine bedeutende Persönlichkeit im internationalen Fußball. Aber er hat noch vorige Woche in Monaco sehr klar gesagt, dass eine Fifa-Kandidatur für ihn kein Thema ist und dass er seine Aufgabe bei der EFC sieht.
Frage: Bleibt noch Concacaf-Präsident Victor Montagliani aus Kanada.
Carro: Er ist sicher einer der naheliegenden Kandidaten. Er ist anerkannt in seiner jetzigen Funktion, kennt die Fifa gut, kommt nicht aus Europa und könnte deshalb auch über die Concacaf hinaus Unterstützer gewinnen. Entscheidend wird sein, ob sich jemand findet, der wirklich bereit ist anzutreten. Denn eines ist klar: Wir führen jetzt einen Kampf gegen Infantino – und den müssen wir gewinnen. Die Fifa braucht diese Veränderung. Sie braucht eine verlässliche Führung, die nötige Transparenz und dazu eine echte Wahl im März. Ein „Weiter so“ mit Infantino sehe ich nicht, das wäre das schlechteste Ergebnis.
Montagliani (rechts) mit Kanadas Premierminister Mark Carney bei der WM in diesem SommerFrage: Es gibt Diskussionen über ein rotierendes Fifa-Modell: Alle vier Jahre wechselt das Präsidentenamt unter den sechs Fifa-Kontinentalföderationen. Was halten Sie davon?
Carro: Das Modell hat eine Chance – aber nicht schon im März. Da muss vorher noch ein Präsident vom Fifa-Kongress gewählt werden, der diese gravierende Änderung für die Zukunft in der Satzung implementiert.
Frage: Kommen wir zu Ihrem Klub. Bayer Leverkusen geht nach dem ersten Meistertitel 2024 unter Xabi Alonso den spanischen Weg weiter. Mit Carles Martínez wurde wieder ein spanischer Trainer verpflichtet. Dazu kommen die Profis Aleix García, Miguel Gutiérrez und Lucas Vázquez. Und im Trainerstab kommen fünf der acht aus Spanien. Zum Start setzte es eine 2:3-Niederlage beim Aufsteiger Elversberg. Wie lautet das Saisonziel: Platz zwei hinter Bayern? Oder sogar Angriff auf die Bayern?
Carro: Ich habe grundsätzlich großes Vertrauen in die Qualität unserer Mannschaft und ins Trainerteam – aber um oben angreifen zu können, müssen wir von Beginn an voll da sein. Das waren wir nicht. Deshalb gilt es jetzt erst einmal, in die Spur zu kommen, bevor wir große Angriffe auf irgendwen verkünden.
Frage: Die neue Frauen-Bundesliga (FBL) plant beim Neuverkauf der TV-Rechte Meister-Play-offs. Wäre das auch etwas für die Bundesliga nach 13 Meisterschaften des FC Bayern in den letzten 14 Jahren?
Carro: Nein, ich bin gegen Meister-Play-offs bei den Männern und Frauen.
Frage: Obwohl sie die Meisterchance von Leverkusen erhöhen könnten?
Carro: Du spielst über acht Monate eine super Saison und musst dann noch Play-offs spielen, in denen ein schlechtes Spiel alles kaputtmachen kann – davon halte ich nichts, das ist nicht fair und passt nicht zu meiner Vorstellung vom Fußball.
Frage: Bei der Champions-League-Auslosung vorige Woche war Leverkusen nicht dabei.
Carro: Das tat weh, wir wären sonst in Topf 1 gesetzt gewesen.
Frage: Dafür war Bayer bei der Europa-League-Auslosung als Neunter des Uefa-5-Jahres-Rankings als Nummer 1 gesetzt. Leitet sich aus dieser Favoritenrolle der Anspruch ab, als Trost den Titel zu gewinnen?
Carro: In Spanien gibt es ein Sprichwort: „A la tercera va la vencida“. Beim dritten Mal gewinnst du! Wir standen einmal im Halbfinale der Europa League (2022/23 gegen AS Rom, Anmerkung der Redaktion), haben einmal das Endspiel verloren (2023/24 gegen Atalanta Bergamo). Der Gewinn der Europa League 2027 in Frankfurt wäre ein mehr als schöner Trost, das würde ich sofort unterschreiben. Das ist eines unserer Ziele, an das wir glauben müssen. Denn wir haben ja schon gezeigt, dass wir es können.
Frage: Sie haben Ihren bis 2027 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2029 verlängert. Mit welchen Perspektiven?
Carro: Ziele müssen sportlich sein: Trophäen sammeln. Bei der Klub-WM 2029 zu spielen. In Europa weiter zu den Top 16 und in der Bundesliga zu den Top 4 zu gehören. Dann die infrastrukturellen Themen: Wir haben gerade mit dem Bau eines neuen Jugendinternats, dem „Haus der Talente“, begonnen. Dazu kommt der geplante Bayer 04 Campus, für den wir weiter nach einem Baugelände suchen. Punkt drei ist das Thema 50+1, das wir bis 2029 regeln wollen, um für die Zukunft Sicherheit zu haben – egal, in welcher Form.
Frage: Das Bundeskartellamt hat im Streit um die 50+1-Ausnahmen Leverkusen und Wolfsburg eine rechtsunverbindliche Empfehlung ausgesprochen, jetzt liegt die Entscheidung bei den 36 Profiklubs. Die Bayer AG und VW AG kündigen bereits Klagen an, sollten die Ausnahmen nach einer Übergangsfrist per Satzungsänderung wegfallen. Wie geht es nun weiter?
Carro: Ich bin sehr enttäuscht vom Kartellamt und vom Ergebnis dieses acht Jahre währenden Prozesses. Unglaublich viel Zeit ist vergangen und wenig Klarheit ist geschaffen worden. Man muss sehen, ob es uns gemeinsam mit der Bundesliga gelingen wird, eine tragfähige Lösung zu finden. Wir werden weiterhin konstruktiv daran mitarbeiten. Einfach wird es nicht, denn für uns ist klar: Eine Lösung muss den Voraussetzungen von Bayer 04 angemessen Rechnung tragen.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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