„Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben zerbricht in Stücke“
Sie tanzt wieder. Sie traut sich wieder. Doch bis dahin war es ein langer Weg für Rachael Gunn. Tränen. Ängste. Zweifel. Panikattacken. Medikamente. „Für mich ist es surreal, als stünde ich unter Anklage. Was habe ich getan? Ich bin doch nicht nur ein Meme?“ sagt die Australierin in einer neuen Netflix-Dokumentation.
„Es war schrecklich“, befinden Russell und Beverly Gunn – und man spürt den Schmerz der Eltern, die während der Olympischen Spiele 2024 und danach dabei zusehen mussten, wie die Welt Hohn und Hass über ihre Tochter ergoss. Und wie es sie beinah zerstörte. Rachael Gunn ist B-Girl „Raygun“.
Um die heute 38-Jährige dreht sich die 72 Minuten lange Netflix-Doku mit dem Titel „Untold Raygun: Breaking Badly“. Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die durch einen unkonventionellen und chancenlosen Auftritt beim Breaking – in den 80ern als Breakdance bekannt geworden – über Nacht berühmt und zum Internet-Phänomen wurde. Manchmal gefeiert, oftmals ausgelacht, später durch Verschwörungstheorien und Hass-Nachrichten weiter verfolgt.
Kurzer Rückblick: Breaking feierte in Paris sein Olympia-Debüt. Wo andere Sportarten durch exakte Werte leicht zu verstehen sind, fällt Breaking aus der Art. Gunn trat als Siegerin der Ozeanien-Meisterschaften gegen drei Teilnehmerinnen an und war chancenlos. Um mit Kreativität zu punkten, zeigte sie im letzten Battle eine Hommage an ihre Heimat, darunter einen Känguru-Sprung, Schwimmbewegungen und einen „Sprinkler-Tanz“. Sie verlor ihre Duelle nach Runden jeweils 0:2, dabei jede Runde stets einstimmig mit 0:9 Jury-Stimmen und damit dreimal 0:18.
Der Spott im Internet setzte sofort ein, vor allem das Känguru ging viral, es entstanden unzählige Memes. Das US-Promi-Portal „TMZ“ berichtete, Gunn wurde in der „The Tonight Show“ und anderswo parodiert.
Harter Realitätscheck: „Da begann ich zu begreifen“
Die Doku gewährt nun einen Blick auf das Gesamtbild, darauf, wer sie ist, dass sie als Kind schon das Tanzen liebte, wie sie durch ihren Freund und späteren Ehemann Sammy zum Breaking kam – einer faszinierenden Welt für sie. Um Paris zu begreifen, wie es dazu kam – und welche Folgen die weltweiten Reaktionen für die Kulturanthropologin hatten, lohnt ein Blick in diese 72 Minuten.
Gezeigt wird auch die Olympia-Qualifikation in Sydney. Raygun war längst kein Neuling mehr. Die Uni-Dozentin galt weder als Außenseiterin, noch als Topfavoritin, tanzte sich aber ins Finale und setzte sich über drei Runden knapp gegen B-Girl Holly Molly durch. Am Ende: ehrlicher Applaus für beide. Alles rechtens.
Da lag alles noch vor ihr: Rachael Gunn bei einem Shooting im April 2024Neun Monate blieben danach bis Paris. Raygun und Sammy, auch ihr Trainer, brauchten einen Plan. Die internationale Bühne kannten sie nicht. Große Bewegungen mussten nun her, dynamische und akrobatische Powermoves, bei denen die Tänzer auf dem Kopf oder auf den Händen rotieren. Neuland für Raygun. Wie sie dennoch Ozeanienmeisterin werden konnte? Gegenüber WELT ordnete B-Girl Jilou aus Berlin kurz nach den Spielen ein: „Australien ist in unserem Fall ein Exot. Raygun kommt aus einem Land, das sehr weit weg ist von dem, wo die Kultur des Breaking entstanden und weiterentwickelt wurde.“
Für Olympia aber wollte Raygun mehr. Tägliches Training, dazu Cardio und Kraftübungen standen auf dem Plan. Sie suchte sich Expertenhilfe, doch die Sache mit den Powermoves wollte nicht so recht klappen. Letzte Hoffnung: Wettkampfpraxis in Europa. Doch der Trip geriet zu einer harten Konfrontation mit der Wirklichkeit. „Ich sah da die Frauen, die meine Konkurrenz bei Olympia sein würden“, sagt Raygun: „Da begann ich zu begreifen, dass ich da gegen Weltmeisterinnen antreten würde. Gegen Frauen, die seit Jahren die ganz großen Wettbewerbe gewannen.“
Die skeptischen Blicke der anderen glaubte sie zu spüren: „Ich dachte, ich werde nicht schnell genug besser. Ich lerne nicht schnell genug. Ich muss länger trainieren, härter trainieren.“
Raygun: Vor den Spielen in Therapie
Zu allem Übel hatten die australischen Medien Breaking entdeckt. Raygun war in den News. Der Druck wuchs, ihre Verunsicherung auch. „Je näher die Spiele kamen, desto öfter wurde ich gefragt, ob ich Gold holen kann“, sagt sie. Eine Frage, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Sie wusste das, doch rückte das öffentlich nicht gerade.
Zwei, drei Monate vor den Spielen wurde es zu viel: mentale und körperliche Erschöpfung. „Ich fing an, in Therapie zu gehen und Antidepressiva zu nehmen“, sagt sie: „Ich hatte das Gefühl, die Leute verstehen nicht, was bei mir los ist.“ Sie hatte Angst. Wovor, fragte die Therapeutin. „Sie könnten mich auslachen.“ Aber warum sollte eine Athletin ausgelacht werden? Exoten werden ja eher gefeiert.
Raygun und Ehemann Sammy wussten: Sie wird kein einziges Battle gewinnen. „Aber ein realistisches Ziel konnte sein, einen Punktrichter zu überzeugen“, sagt Sammy. „Einer sollte für Rachel stimmen. Das wäre unser Sieg.“ Sie planten neu. Tänzerischer. Kreativer. Eigener Style. Eigene Moves. Im Breaking geht es schließlich auch um Individualität. „Ich sagte zu Rachel: Warum lassen wir uns nicht von der australischen Kultur inspirieren?“, erinnert sich Sammy. So entstanden die Moves, die später weltweit viral gingen.
Raygun: „Ich habe mich gefühlt wie eine Hochstaplerin“
Die Olympischen Spiele waren für Raygun überwältigend und einschüchternd. „Ich habe mich gefühlt wie eine Hochstaplerin“, sagt sie. Als sie im olympischen Dorf auf einen australischen Teambetreuer traf, war sie erleichtert, nicht mehr allein zu sein. Und weinte in seinem Arm. In ihrem Kopf kreisten Gedanken wie: „Was habe ich getan? Soll ich das wirklich tun?“ Gunn hatte eine Panikattacke.
Dann kam der Wettkampf. Das erste Battle gegen eine der Weltbesten endete 0:18. Das zweite ebenso. Dann wartete Weltmeisterin Nicka aus Litauen. Gunns letzte Chance auf einen Punkt, und sie beschloss: „Ich mache komische Sachen.“ Sie zeigte Sprinkler, Känguru, das Schwimmen – und damit Australien.
„Die Rede war oft von null Punkten, was falsch ist“, erklärte Jilou im WELT-Interview. Die Jury sei sich einig gewesen, aber: „Über die einzelnen Bewertungen der Kriterien sagt das erst mal nichts. Wenn man es mit Tennis vergleicht, hat sie jeden Satz 0:6 verloren, oder beim Boxen jede Runde einstimmig verloren.“
Die olympische Bühne wurde für Raygun zu einem AlptraumDie sozialen Medien quollen über. Ihr Mann fand es „kreativ“, sagt auch rückblickend, so gut habe er sie noch nie gesehen. Doch der Pressebetreuer sagte schon kurz nach dem Battle: „Rachel, geh erstmal nicht online, da braut sich was zusammen. Aber das legt sich schnell.“
Tat es nicht. Weder im Internet noch vor Ort, wo Kamerateams sie verfolgten wie einen Superstar. „Ich begriff, dass es eine Art Blutrausch wurde“, erinnert sie sich: „Da wuchs ein Monster.“ Sie wurde ausgelacht, nachgemacht, in TV-Shows öffentlich vor einem Millionenpublikum verspottet. Einer überbot den nächsten. Kommentare wie: „Sie ist nicht die beste, aber sie rockt!“, gab es auch, aber sie waren leise. Ihre Stimme jedoch erhob auch Superstar Adele bei einem Konzert: „Habt Ihr das Känguru gesehen?“, fragte sie und sagte ohne Häme: „Ich fand, das war das Beste bei den Spielen.“
Kriech in ein Loch und stirb
„Sie ist eine Schande.“
„Schlimm für alle Frauen.“
„Kriech in ein Loch und stirb.“
Drei Beispiele, welche Auswüchse die Kommentare nahmen. Und es hörte nicht auf. Gunn nahm ein kurzes Video auf, bat darum, ihr Umfeld nicht zu behelligen, doch die Spirale drehte sich weiter – und Verschwörungstheorien wurden zu vermeintlichen Fakten: Raygun habe sich zu Olympia geschummelt. Ihr Mann habe die Jury in Sydney geleitet, sei Punktrichter gewesen. Die Doku belegt: All das stimmt nicht.
Gunn fing an, ein Videotagebuch zu führen. Nur für sich. Ausschnitte daraus in der Doku zeigen sie in Tränen, gebrochen, voller Angst. „Es ist schwer“, sagt sie einmal, „heute habe ich es geschafft, selbst zur Apotheke zu gehen.“ Und: „Ich warte darauf, dass die neuen Medikamente wirken, damit ich mich nicht immer so fühle.“ Rückblickend ordnet sie ein: „Ich hatte das Gefühl, mein ganzes Leben zerbricht in Stücke. Ich habe nur noch versucht, durch den Tag zu kommen.“ Ihr Mann nennt es „ein massives Trauma“.
Als Richard Branson anrief
Die beiden gingen nach Europa, suchten Ruhe. Ihren weinenden Vater versuchte sie am Telefon zu beruhigen: „Das ist nicht persönlich, die Leute kennen mich nicht wirklich.“ Es dauerte, bis das bei ihr selbst ankam. Einen Anteil daran hat auch der britische Unternehmer Richard Branson.
„Ich fand sie außergewöhnlich, sie hat etwas komplett Neues probiert. Und dann habe ich diese Gemeinheiten gelesen. Ich wollte mit ihr reden“, begründet er seinen Anruf direkt bei Gunn. Er machte ihr Mut, lud sie auf ein Kreuzfahrtschiff, sorgte für positive Erlebnisse.
Gunn blieb dem Breaking nach Paris lange fern. Heute tanzt sie wieder und geht zu Events. „Ich will zeigen, dass es mich nicht besiegt hat.“ Vieles sei auch positiver gewesen, als es aussah. Sie hat deshalb einen „Positivordner“ erstellt. Über manche Memes lacht sie heute.
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