Als Gianni Infantino seinen Plan vorantrieb, Teile der Fußball-WM an private Investoren zu verkaufen, hielt er die Spitzenfunktionäre der Fifa weitgehend außen vor. Weit gekommen wäre er wohl nicht ohne die Hilfe eines recht unbekannten italienischen Anwalts, der bei der Fifa erheblichen Einfluss hat.

Mario Gallavotti begleitet Infantino seit mehr als zwei Jahrzehnten. Während dieser seine Macht ausbaute und enge Kontakte zu Politikern wie Donald Trump, Mohammed bin Salman oder Wladimir Putin knüpfte, übernahm Gallavotti einige der sensibelsten politischen und wirtschaftlichen Aufgaben.

„Manchmal weiß man nicht, wer von beiden wichtiger ist: er oder Infantino“, sagt Tomaž Vesel, der fünf Jahre lang den unabhängigen Prüfungsausschuss der Fifa leitete. Gallavotti habe „eine politischere Rolle als jeder andere bei der Fifa“.

Der römische Anwalt, Anhänger von Lazio Rom, soll nach Angaben zweier hochrangiger Fußballfunktionäre Details des geheimen Projekts „Fifa Forward Enterprise“ preisgegeben haben. Dieses Vorhaben hatte den Weltfußball im vergangenen Monat erschüttert. Die Indiskretion verwandelte eine streng vertrauliche Präsentation der Fifa in einen medialen Sturm und eine politische Krise, die nun Infantinos Ambitionen auf eine dritte Amtszeit gefährdet.

Gallavottis Einfluss gründet auf einer ungewöhnlichen Machtposition. Sein Posten entstand im Zuge der Reformen, die Infantino nach seinem Amtsantritt 2016 mit dem Versprechen einführte, die Korruption im Fußball zu bekämpfen. Intern heißt es: Statt mehr Transparenz und Kontrolle zu schaffen, entstand jedoch ein System, das die Macht im Umfeld des Präsidenten bündelt und neue politische wie wirtschaftliche Möglichkeiten erschließt.

„Er war immer mehr als nur ein Anwalt“, sagt ein hochrangiger europäischer Fußballfunktionär, der anonym bleiben möchte: „Er erfüllt eine politische Funktion und verbindet unterschiedliche Akteure im Fußball. Weltweit ist er der Mann, der für Infantino handelt.“

Die Fifa und Gallavotti widersprachen entsprechenden Darstellungen in einer gemeinsamen Stellungnahme. Die Behauptung, Gallavotti übe innerhalb der Fifa erheblichen politischen Einfluss aus, sei „schlicht falsch“.

Das Duo kennt sich seit vielen Jahren

Gallavotti kam zur Fifa, nachdem eine Korruptionsermittlung des US-Justizministeriums im Jahr 2015 die damalige Führung des Verbandes zu Fall gebracht hatte. Mehrere Funktionäre landeten im Gefängnis, der Weg für Infantinos Aufstieg wurde frei.

Die beiden Männer hatten sich rund 15 Jahre zuvor kennengelernt. Infantino arbeitete damals als junger Funktionär für die Europäische Fußball-Union Uefa. Gallavotti war juristischer Berater der italienischen Liga. Nach Infantinos Amtsantritt übernahm Gallavotti die Aufsicht über verschiedene Fifa-Gremien, darunter Ausschüsse für Disziplinar- und Ethikfragen. Damit rückte er in den Mittelpunkt einiger der heikelsten Themen.

Mächtige Männer bei der WM: US-Präsident Donald Trump (r.) mit Fifa-Präsident Gianni Infantino

Als im Frühjahr 2020 Spielerinnen in Haiti dem Präsidenten des nationalen Verbandes, Yves Jean-Bart, sexuellen Missbrauch vorwarfen, sollte eigentlich die Ethikkommission der Fifa tätig werden. Menschenrechtsorganisationen und Betroffene kritisierten jedoch das Vorgehen des Weltverbandes als unzureichend.

„Die Systeme, die die Fifa unter Mario Gallavotti eingerichtet hatte, waren völlig unzureichend“, sagt Minky Worden von Human Rights Watch. Opfer hätten wiederholt ihre Erlebnisse schildern müssen, ohne ausreichend geschützt zu werden. Es habe an wirksamen Strukturen gefehlt, um sie und ihre Familien vor Drohungen zu bewahren. Jean-Bart erhielt 2020 zwar eine lebenslange Sperre durch die Fifa. Zwei Jahre später wurde diese vom Internationalen Sportgerichtshof CAS jedoch wieder aufgehoben.

Für Worden offenbarte der Fall grundlegende Defizite einer Organisation, die enorme finanzielle und politische Macht besitzt, aber unzureichende Mechanismen zum Schutz besonders gefährdeter Personen geschaffen habe.

Schlüsselrolle beim Aufbau von Beziehungen

Als Vertreter des saudi-arabischen Fußballverbands im April 2021 nach Rom reisten, brachten sie traditionelle Gewänder als Geschenke mit. Nach dem Fototermin begannen Gespräche über eine mögliche gemeinsame Bewerbung Italiens und Saudi-Arabiens für die WM 2030.

Die Treffen wurden von Gallavotti organisiert. Nach Angaben von Beteiligten war er ein äußerst beharrlicher Verfechter der Idee. Eine transkontinentale Bewerbung sollte Fifa-Regeln umgehen, die eine erneute WM in Asien nur acht Jahre nach Katar 2022 erschwert hätten.

Fünf mit den Vorgängen vertraute Funktionäre sagen, Gallavotti habe eine Schlüsselrolle beim Aufbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Fifa und Saudi-Arabien gespielt. Heute gelten die Verbindungen in die Golfregion als einige der lukrativsten und zugleich umstrittensten Partnerschaften des Weltverbandes. Dazu gehört der Sponsorenvertrag mit dem staatlichen Energiekonzern Aramco, der der Fifa bis Ende 2027 Hunderte Millionen Dollar einbringen soll. Hinzu kommt die Vergabe der WM 2034 an Saudi-Arabien.

Der Energiekonzern Aramco ist Sponsor der Fifa

Für beide Seiten sei die Partnerschaft vorteilhaft. Das Königreich investiert in Sportveranstaltungen, sieht sich aber zugleich anhaltender Kritik wegen seiner Menschenrechtslage ausgesetzt. Bevor Saudi-Arabien den WM-Zuschlag erhielt, versuchte das Land zunächst, die Weltmeisterschaft 2030 auszurichten. Weil eine asiatische Austragung kurz nach Katar problematisch gewesen wäre, suchte Riad Partner aus anderen Kontinentalverbänden, darunter Griechenland, Ägypten und Italien.

Italien lehnte jedoch ab. Ausschlaggebend waren unter anderem Menschenrechtsbedenken sowie Spannungen mit Ägypten im Zusammenhang mit dem Mord am italienischen Doktoranden Giulio Regeni. Nach Angaben eines europäischen Funktionärs belastete die Entscheidung die Beziehungen zwischen der Fifa und Italien dauerhaft: „Als Italien sich gegen das Projekt entschied, gab es ausgesprochen heftige Reaktionen.“ Von da an sei Italien aus Sicht Infantinos ein „unfreundlicher Verband“ gewesen.

Der Mann für den Golf

Vesel führt solches Verhalten auf Gallavottis Persönlichkeit zurück. Wenn man ihm widerspreche, ändere sich sein Auftreten schlagartig. „Sobald er merkt, dass man einen anderen Weg einschlägt, als er es möchte, wird er zu einem anderen Menschen.“ Ein weiterer ehemaliger Spitzenfunktionär der Fifa beschreibt ihn als „rücksichtslosen, aber klugen“ Machtpolitiker. Er habe eine Art „italienische Clique“ aufgebaut, die unter Infantino großen Einfluss ausübe und teilweise außerhalb der offiziellen Verwaltungsstrukturen agiere.

Nach der Uefa stellen sich nun auch die Fußballverbände aus Asien sowie Nord- und Mittelamerika gegen die Investorenpläne von Fifa-Chef Infantino. „So schnell wird er nicht aufgeben“, sagt Walter M. Straten, Vize-Chefredakteur Sport bei „Bild“.

Gallavotti spiele auch eine wichtige Rolle an der Schnittstelle von Sport, Medien und Politik während der Blockade Katars durch mehrere Staaten des Nahen Ostens in den Jahren der ersten Trump-Regierung. Während Saudi-Arabien und seine Verbündeten versuchten, Katar diplomatisch und wirtschaftlich zu isolieren, geriet der katarische Sportsender beIN Sports unter Druck, der den Sportrechte-Markt im Nahen Osten und Nordafrika dominiert. Nachdem ägyptische Behörden die Verbreitung der Sender untersagt hatten, wandten sich Vertreter Katars direkt an die Fifa und äußerten Bedenken über Gallavottis Kontakte zu den zuständigen ägyptischen Regulierungsbehörden, wie aus damaligen Unterlagen hervorgeht.

Ein Beteiligter aus der Region berichtet, Gallavotti habe zwischen 2018 und 2021 faktisch großen Einfluss auf den afrikanischen Fußballverband CAF ausgeübt. Obwohl er dort kein offizielles Amt bekleidete, habe er Diskussionen geleitet und moderiert.

2021 verließ Gallavotti seine Position bei den unabhängigen Fifa-Gremien und wechselte als leitender Berater ins Büro des Präsidenten. Zu diesem Zeitpunkt begann sich Infantinos Fokus zunehmend auf die WM 2026 zu richten. „Gallavotti hält den Laden zusammen, weil Infantino ständig auf Reisen ist“, sagt der ehemalige Fifa-Funktionär.

Sommer der Unzufriedenheit

Als Donald Trump während der WM 2026 Druck auf Infantino ausübte, eine Rote Karte gegen den US-Nationalspieler Folarin Balogun zurückzunehmen, landete der Fall vor dem Disziplinarausschuss der Fifa. Dort gab ein wenig bekannter Funktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten einem Einspruch statt, den der US-Verband eingereicht hatte und der von der US-Regierung unterstützt worden sein soll. Die Sperre gegen Balogun wurde aufgehoben.

Kritiker innerhalb und außerhalb der Fifa sehen darin ein Beispiel für ein System, das unter Infantino entstanden sei. Die von Gallavotti mitgestalteten Ausschussstrukturen vermittelten den Eindruck unabhängiger Professionalität, seien aber immer wieder genutzt worden, um Ziele des Präsidenten durchzusetzen.

Beginn eines Skandals: Schiedsrichter Raphael Claus zeigt US-Profi Folarin Balogun (r.) die Rote Karte

Vesel, der zwischen 2016 und 2021 den Prüfungsausschuss leitete, sagt, Gallavotti habe die unabhängigen Gremien „kontrolliert“. Finanzielle Sanktionen seien teilweise als „politisches Instrument“ eingesetzt worden, um Infantinos Unterstützung bei nationalen Verbänden zu stärken: „Es gab ständig Druck, dieses oder jenes nicht zu tun oder Sperren abzuschwächen.“

Die Fifa weist diese Vorwürfe zurück. Die Behauptungen seien „unbegründet und nicht belegt“. Die unabhängigen Gremien der Fifa sowie deren Mitglieder führten ihre Aufgaben eigenständig und im Einklang mit den Statuten aus.

Nur zwei Wochen nach der Diskussion um die Balogun-Sperre geriet Gallavotti dann in den Mittelpunkt der bislang größten Krise von Infantinos Amtszeit.

Während Infantino seinen engsten Vertrauten kurz vor dem WM-Finale von seinen Plänen erzählte, Teile der kommerziellen WM-Rechte an private Investoren zu verkaufen, soll Gallavotti nach Angaben zweier hochrangiger Fußballfunktionäre Einzelheiten des Modells an einen Branchenexperten in New York weitergegeben haben.

Das löste erhebliche Unruhe aus. Funktionäre arbeiteten daraufhin hinter den Kulissen daran, das Vorhaben zu stoppen. Sie bezeichneten die Pläne als unverhohlene Geldbeschaffungsmaßnahme, die den wichtigsten Wettbewerb des Fußballs gefährden würde.

Politiker forderten Konsequenzen

Politische Spitzenvertreter forderten Konsequenzen. Zu ihnen gehören der britische Premierminister Andy Burnham sowie Kanadas Regierungschef Mark Carney. Beide sprachen sich für einen Rücktritt Infantinos aus. Gleichzeitig wächst der Druck auf den Fifa-Präsidenten auch innerhalb Europas. Führende Funktionäre, die sich zum Saisonauftakt in Monaco trafen, forderten verstärkt seinen Rückzug vor der Präsidentschaftswahl im kommenden März.

Nach öffentlicher Kritik an den Investorenplänen von Fifa-Präsident Gianni Infantino verliert Spitzenmanager Kevin Lamour seinen Posten. Er sei mit sofortiger Wirkung freigestellt worden, eine Begründung wurde nicht genannt.

Infantino reagierte darauf mit einer breit angelegten politischen Mobilisierung. Sein Lager versucht derzeit, die Stimmenmehrheit unter den 211 Mitgliedsverbänden zu sichern. Jeder Verband verfügt bei der Wahl über eine Stimme. Ein wichtiger Verbündeter stellte sich bereits hinter den Präsidenten, der saudi-arabische Fußballverband erklärte öffentlich seine Unterstützung für Infantino.

Damit endet ein Sommer, in dem eine kaum bekannte Figur erneut ins Zentrum der Machtkämpfe im Weltfußball gerückt ist: Mario Gallavotti, der diskrete Anwalt aus Rom, der nach Ansicht seiner Kritiker im Hintergrund mehr Einfluss besitzt, als viele offizielle Funktionäre der Fifa.

Mitarbeit: Giulia Poloni

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